Sieben Schweizer Zoos investieren jährlich Millionen in den Artenschutz und beteiligen sich an internationalen Erhaltungszuchtprogrammen. Doch ausgerechnet die steigende Lebenserwartung ihrer Tiere stellt die Einrichtungen vor ein wachsendes Problem: Für dringend benötigten Nachwuchs fehlen zunehmend geeignete Plätze. Bei einer Veranstaltung am 21. September 2026 im Tierpark Bern machte der Verband zooschweiz deutlich, wie eng Tierwohl, genetische Vielfalt und begrenzte Haltungskapazitäten miteinander verbunden sind. Eine wissenschaftliche Untersuchung zur Überalterung von Zoopopulationen unterstreicht die Dringlichkeit des Problems.
Nau
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Schweizer Zoos investieren Millionen in den Artenschutz
Zum Verband zooschweiz gehören der Walter Zoo, Aquatis, der Natur- und Tierpark Goldau, der Tierpark Bern, der Wildnispark Zürich, der Zoo de Servion und der Zoo Zürich. Präsidentin ist Karin Federer vom Walter Zoo. Die sieben Einrichtungen begrüßen nach Verbandsangaben jährlich mehr als 3,1 Millionen Besucher und halten zusammen über 800 Tierarten. Ein erheblicher Teil ihrer Arbeit findet dabei außerhalb der öffentlich zugänglichen Tieranlagen statt.
Jährlich investieren die Mitgliedzoos nach eigenen Angaben rund 7,1 Millionen Schweizer Franken in Naturschutzprojekte außerhalb ihrer Einrichtungen. Dazu gehören der Schutz natürlicher Lebensräume, die Ausbildung von Rangern, Forschungsarbeiten und Umweltbildungsmaßnahmen. Zusätzlich beteiligen sich die Zoos an mehr als 130 wissenschaftlichen Projekten, die unter anderem Erkenntnisse über Tiergesundheit, Fortpflanzung und Verhalten liefern. Diese Tätigkeiten verdeutlichen, dass sich der Artenschutz wissenschaftlich geführter Zoos nicht auf die Haltung und Nachzucht bedrohter Tierarten beschränkt.
Nau
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Erhaltungszucht als Bestandteil internationaler Schutzprogramme
Rund ein Drittel der in den Mitgliedzoos gehaltenen Arten gilt laut zooschweiz als gefährdet oder potenziell gefährdet. Die Einrichtungen beteiligen sich deshalb an international koordinierten Erhaltungszuchtprogrammen der Europäischen Vereinigung der Zoos und Aquarien (EAZA). Dabei werden Abstammung, genetische Vielfalt und die demografische Zusammensetzung der Bestände berücksichtigt, um langfristig lebensfähige Populationen zu erhalten. Entscheidend ist nicht allein die Anzahl der geborenen Jungtiere, sondern insbesondere, welchen genetischen Beitrag sie zur Gesamtpopulation leisten können.
Wie eine solche Zusammenarbeit in der Praxis aussieht, zeigt beispielsweise die Erhaltungszucht Asiatischer Wildesel im Zoo Rostock , über die GERATI bereits berichtete. Dort wurde der Kulan-Hengst Mushu gezielt im Rahmen eines europäischen Zuchtprogramms vermittelt, weil er genetisch zu den vorhandenen Stuten passt. Solche Tiertransfers sollen verhindern, dass sich einzelne Zuchtlinien zu stark verbreiten und dadurch die genetische Vielfalt innerhalb der Population verloren geht. Die koordinierte Zusammenarbeit mehrerer Einrichtungen ist deshalb eine wesentliche Voraussetzung für den langfristigen Erfolg der Erhaltungszucht.
Die Schweizer Zoos orientieren sich dabei auch am sogenannten One Plan Approach der Weltnaturschutzunion IUCN. Dieser Ansatz verbindet Schutzmaßnahmen in natürlichen Lebensräumen mit der Erhaltung von Tierpopulationen in menschlicher Obhut. Zoos, Naturschutzorganisationen, Behörden und Forschungseinrichtungen sollen ihre Maßnahmen möglichst frühzeitig aufeinander abstimmen. Dadurch können Erhaltungszucht, Lebensraumschutz und mögliche Wiederansiedlungen als Bestandteile einer gemeinsamen Artenschutzstrategie entwickelt werden.
Karpatenluchse aus Schweizer Zoos kehren in die Wildnis zurück
Wie erfolgreich die Verbindung zwischen Erhaltungszucht und praktischem Artenschutz sein kann, zeigt das internationale Projekt Linking Lynx. Am 13. August 2026 wurde die im Wildnispark Zürich geborene Luchsin Wangari gemeinsam mit der aus Belgien stammenden Luchsin Lana im Thüringer Wald ausgewildert. Beide Tiere stammen aus dem europäischen Erhaltungszuchtprogramm und wurden vor ihrer Freilassung gezielt auf ein Leben in der Wildnis vorbereitet. Dazu gehörten tiermedizinische Untersuchungen, Verhaltenstests und die Unterbringung in speziellen Vorbereitungsanlagen, in denen der Kontakt zu Menschen möglichst gering gehalten wurde.
Linking Lynx
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Auch der Tierpark Bern beteiligt sich an diesem Projekt und überstellte im Februar 2026 den dort geborenen Jungluchs Vlad nach Deutschland. Er wurde zunächst in einer naturnahen Koordinationsanlage untergebracht, in der seine Eignung für eine spätere Auswilderung überprüft werden sollte. Für eine erfolgreiche Freilassung müssen die Tiere gesundheitlich geeignet sein, ausreichend Scheu vor Menschen zeigen und selbstständig in ihrem neuen Lebensraum überleben können. Das Beispiel verdeutlicht, dass erfolgreiche Erhaltungszucht weit über die Geburt eines Jungtieres hinausgeht und eine langfristige Zusammenarbeit zahlreicher Fachleute erfordert.
Tierpark Bern
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Eine vergleichbare Verbindung zwischen zoologischer Nachzucht und dem Schutz natürlicher Populationen verfolgt das Wiederansiedlungsprojekt für Steinkäuze des Zoos Heidelberg . Solche Projekte machen deutlich, dass unter geeigneten Voraussetzungen in Zoos geborene Tiere einen konkreten Beitrag zur Stärkung wildlebender Populationen leisten können. Eine Auswilderung ist allerdings nicht für jede Tierart und nicht für jedes Individuum sinnvoll oder möglich. Deshalb bleibt die langfristige Sicherung genetisch vielfältiger Reservepopulationen auch dann eine wichtige Aufgabe, wenn eine unmittelbare Wiederansiedlung nicht vorgesehen ist.
Wissenschaftliche Studie zeigt zunehmende Überalterung in Zoos
Eine im Januar 2026 veröffentlichte internationale Studie zeigt, dass die Altersstruktur zahlreicher Zoopopulationen zunehmend problematisch wird. Die Forscher um João Pedro Meireles und Marcus Clauss untersuchten die Entwicklung von 774 Säugetierpopulationen in europäischen und nordamerikanischen Zoos zwischen 1970 und 2023. Dabei stellten sie einen kontinuierlich steigenden Anteil älterer Tiere fest, während der Anteil von Jungtieren und fortpflanzungsfähigen Erwachsenen zurückging. Diese Entwicklung kann die langfristige Erhaltung genetisch gesunder Populationen gefährden und verdeutlicht, weshalb die Zuchtplanung nicht ausschließlich auf die Anzahl vorhandener Tiere ausgerichtet sein darf.
PubMed
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Die Ursachen liegen unter anderem in den verbesserten Haltungsbedingungen und der tiermedizinischen Versorgung, durch die viele Zootiere heute ein höheres Lebensalter erreichen. Gleichzeitig sind die Haltungskapazitäten der Einrichtungen begrenzt, sodass ältere Tiere Gehegeplätze über längere Zeit belegen. Wird als Reaktion darauf die Fortpflanzung eingeschränkt, fehlen langfristig jüngere Tiere, die für den Fortbestand der Reservepopulationen benötigt werden. Die Wissenschaftler sehen deshalb die Notwendigkeit, das Populationsmanagement stärker an einer langfristig tragfähigen Altersstruktur auszurichten.
Begrenzte Haltungskapazitäten und schwierige Entscheidungen
Besonders anspruchsvoll wird die Situation, wenn für genetisch wertvollen Nachwuchs keine geeigneten Plätze mehr verfügbar sind. Marcus Clauss, Co-Direktor der Klinik für Zoo-, Heim- und Wildtiere der Universität Zürich, weist zudem darauf hin, dass Fortpflanzung, Paarbindung und Jungenaufzucht zum natürlichen Verhaltensrepertoire vieler Tierarten gehören. Eine dauerhafte Unterdrückung der Fortpflanzung kann deshalb ebenfalls Auswirkungen auf das Tierwohl haben. Innerhalb koordinierter Zuchtprogramme müssen die Verantwortlichen somit sowohl die Bedürfnisse einzelner Tiere als auch die langfristige Entwicklung der gesamten Population berücksichtigen.
Nach Angaben von zooschweiz kann die begrenzte Haltungskapazität in einzelnen Fällen auch zur Tötung von Tieren führen, deren Erbgut innerhalb der Zuchtpopulation bereits stark vertreten ist. Dabei handelt es sich um eine besonders weitreichende Managemententscheidung, die nicht mit der regulären Auswahl geeigneter Zuchttiere gleichgesetzt werden darf. Die Frage, unter welchen Voraussetzungen solche Maßnahmen fachlich und tierschutzrechtlich vertretbar sind, verlangt eine sorgfältige Prüfung möglicher Alternativen. Dazu gehören beispielsweise die Vermittlung an andere geeignete Einrichtungen, eine veränderte Zuchtplanung und die Erweiterung verfügbarer Haltungskapazitäten.
Schweiz
Wie schwierig bereits die Unterbringung älterer Tiere werden kann, zeigt auch die Diskussion um die Elefantenhaltung im Zoo Duisburg . Dort stellt sich die Frage, welche Einrichtungen ältere Tiere dauerhaft übernehmen können, wenn bestehende Anlagen umgestaltet werden sollen. Solche Beispiele verdeutlichen, dass geeignete Haltungskapazitäten innerhalb des europäischen Zoosystems nicht unbegrenzt verfügbar sind. Langfristige Erhaltungszucht erfordert deshalb eine vorausschauende Planung, die auch jene Tiere berücksichtigt, die nicht mehr zur Fortpflanzung beitragen.
Artenschutz braucht langfristige Planung und Transparenz
Die Initiative der Schweizer Zoos zeigt, dass moderner Artenschutz wissenschaftliche Forschung, internationale Zusammenarbeit und erhebliche finanzielle Mittel erfordert. Gleichzeitig macht die zunehmende Überalterung deutlich, dass der Erfolg zoologischer Einrichtungen nicht allein anhand hoher Lebenserwartungen oder einzelner Zuchterfolge beurteilt werden kann. Entscheidend ist vielmehr, ob es gelingt, langfristig lebensfähige Populationen aufzubauen und gleichzeitig die Bedürfnisse der gehaltenen Tiere zu berücksichtigen. Eine transparente Kommunikation über Zuchtentscheidungen, begrenzte Kapazitäten und schwierige Managementmaßnahmen gehört deshalb zu den wesentlichen Aufgaben wissenschaftlich geführter Zoos.
Quellen
- Tierpark Bern – Wissenschaftlich geführte Schweizer Zoos: Vernetztes Engagement für den Artenschutz, 21.09.2026
- zooschweiz / St. Gallen24 – Artenschutz und Platznot beschäftigen Schweizer Zoos, 21.09.2026
- Meireles et al. (2026) – Aging populations threaten conservation goals of zoos, PNAS
- PNAS – Korrektur zur Abbildung 2B der Studie, März 2026
- Linking Lynx – Wangari und Lana ausgewildert, August 2026
- Tierpark Bern – Mach’s guet, junger Pinselohr!, 04.02.2026









