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Kranichzug: Experten warnen vor Geflügelpest-Risiko am Stausee Kelbra

Ein einsamer Kranich im nebligen Wasser des Stausees Kelbra vor dem Hintergrund eines herbstlichen Vogelzugs, der das Geflügelpest-Risiko am Stausee Kelbra symbolisiert.

Mit dem herbstlichen Kranichzug steigt in Deutschland erneut die Sorge vor einer Ausbreitung der Geflügelpest. Besonders aufmerksam beobachten Fachleute den Stausee Kelbra an der Grenze zwischen Thüringen und Sachsen-Anhalt, wo im vergangenen Jahr Tausende Kraniche an einer Infektion mit dem H5N1-Virus verendeten. Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) rechnet in den kommenden Monaten mit einem zunehmenden Risiko weiterer Ausbrüche, kann deren tatsächliches Ausmaß allerdings noch nicht zuverlässig vorhersagen. Für Geflügelhalter bedeutet die bevorstehende Zugvogelsaison deshalb eine erneute Herausforderung, bei der konsequente Biosicherheitsmaßnahmen eine entscheidende Rolle spielen.

Friedrich-Loeffler-Institut erwartet steigendes Geflügelpest-Risiko

Das Friedrich-Loeffler-Institut hat bereits in seiner Risikoeinschätzung vom 7. September 2026 auf eine mögliche Verschärfung der Geflügelpest-Situation hingewiesen. Für September erwartet das Bundesforschungsinstitut einen leichten Anstieg der Nachweise hochpathogener aviärer Influenzaviren des Subtyps H5 bei Wildvögeln und gehaltenem Geflügel. Auch während des zurückliegenden Sommers war das Virus nicht vollständig verschwunden, sondern wurde vereinzelt bei Wildvögeln und in einer Geflügelhaltung nachgewiesen. Mit dem beginnenden Herbstzug wächst nun die Wahrscheinlichkeit, dass infizierte Zugvögel das Virus über größere Entfernungen verbreiten und weitere Wildvogelpopulationen oder Geflügelbestände betroffen sein könnten.

Wie sich die Situation in den kommenden Wochen tatsächlich entwickeln wird, lässt sich gegenwärtig nicht zuverlässig bestimmen. Die Erfahrungen des vergangenen Jahres verdeutlichen allerdings, welche Folgen ein größeres Ausbruchsgeschehen sowohl für Wildvögel als auch für landwirtschaftliche Betriebe haben kann. Tausende Kraniche verendeten 2025 an den Folgen einer H5N1-Infektion, während in betroffenen Geflügelhaltungen Hunderttausende Tiere aufgrund behördlicher Seuchenbekämpfungsmaßnahmen getötet werden mussten. Die erneute Warnung des FLI ist deshalb keine Prognose einer unmittelbar bevorstehenden Katastrophe, sondern ein Hinweis auf die Notwendigkeit frühzeitiger Vorsorge.

Stausee Kelbra: Tausende Kraniche kehren an den Ort des Massensterbens zurück

Kraniche während des herbstlichen Vogelzugs an einem großen Gewässer

Der Stausee Kelbra gehört zu den bedeutenden Rastplätzen für Kraniche auf ihrem herbstlichen Zug in Richtung Süden. In den kommenden Tagen werden dort erneut Tausende Vögel erwartet, die auf vergleichsweise engem Raum zusammenkommen und den Stausee als Rast- und Schlafplatz nutzen. Gerade solche Ansammlungen können bei einem Ausbruch der Geflügelpest problematisch werden, weil zahlreiche Tiere miteinander in Kontakt stehen und das Virus innerhalb einer Population weitergegeben werden kann. Die Ereignisse des vergangenen Jahres haben gezeigt, wie schwer die Folgen für die betroffenen Vogelbestände und die Menschen vor Ort sein können.

Nach Angaben der betroffenen Landkreise mussten Behörden und freiwillige Helfer im Herbst 2025 Tausende verendete Kraniche am Stausee Kelbra einsammeln. Die Geschäftsführerin des Landschaftspflegeverbands Südharz/Kyffhäuser, Astrid Koschorreck, berichtete gegenüber der Deutschen Presse-Agentur von der erheblichen emotionalen Belastung, die diese Situation für die Beteiligten mit sich brachte. Die Bilder und Erfahrungen des damaligen Massensterbens wirken bei vielen Helfern bis heute nach. Entsprechend groß ist die Sorge, dass sich die Ereignisse beim diesjährigen Herbstzug wiederholen könnten.

Haben die überlebenden Kraniche inzwischen eine Immunität entwickelt?

Eine entscheidende Frage ist, ob Kraniche, die das Ausbruchsgeschehen im vergangenen Jahr überlebt haben, inzwischen einen gewissen Immunschutz gegen das H5N1-Virus besitzen. Nach Angaben des Friedrich-Loeffler-Instituts fehlen derzeit verlässliche Daten, um diese Frage für die betroffene Population beantworten zu können. Grundsätzlich kann eine überstandene Infektion bei Vögeln eine Immunantwort auslösen, allerdings lässt sich daraus nicht automatisch ableiten, wie gut sie gegen eine erneute Infektion oder andere Virusvarianten geschützt sind. Ebenso wenig ist bekannt, welcher Anteil der in diesem Herbst eintreffenden Kraniche bereits mit dem Virus in Kontakt gekommen ist.

Um den möglichen Immunschutz wissenschaftlich zu beurteilen, wären Blutuntersuchungen an einer ausreichend großen Zahl von Kranichen erforderlich. Nach Einschätzung des FLI sind entsprechende Untersuchungen unter den gegenwärtigen tier- und artenschutzrechtlichen Rahmenbedingungen jedoch nicht durchführbar. Damit bleibt offen, ob die diesjährige Kranichpopulation möglicherweise weniger anfällig für schwere Krankheitsverläufe ist als im vergangenen Herbst. Weder eine bereits vorhandene Herdenimmunität noch ein erneutes Massensterben lassen sich aus den bislang verfügbaren Erkenntnissen zuverlässig ableiten.

Biosicherheit: Wie sich Geflügelbestände vor einer Einschleppung schützen lassen

Während der weitere Verlauf der Geflügelpest bei den Wildvögeln ungewiss bleibt, können Geflügelhalter konkrete Maßnahmen ergreifen, um das Einschleppungsrisiko in ihren Betrieben zu reduzieren. Das Friedrich-Loeffler-Institut erinnert daran, dass hochpathogene aviäre Influenzaviren nicht ausschließlich durch den direkten Kontakt mit infizierten Vögeln übertragen werden. Auch kontaminierte Schuhe, Kleidung, Geräte, Fahrzeuge sowie verunreinigtes Futter oder Wasser können zur Verschleppung der Erreger beitragen. Deshalb kommt der konsequenten Einhaltung betrieblicher Biosicherheitsmaßnahmen während des Herbstzugs eine besondere Bedeutung zu.

Entscheidend ist, den unmittelbaren und mittelbaren Kontakt zwischen Wildvögeln und gehaltenem Geflügel möglichst zu verhindern. Dazu gehören beispielsweise geschützte Futter- und Wasserstellen, eine sorgfältige Reinigung und Desinfektion geeigneter Arbeitsmittel sowie klare Hygieneregeln für Personen, die Geflügelställe betreten. Welche zusätzlichen Maßnahmen erforderlich sind, hängt von der jeweiligen Gefährdungslage und möglichen Anordnungen der zuständigen Veterinärbehörden ab. Besonders für Betriebe in der Nähe großer Rastgebiete ist es sinnvoll, die regionale Seuchensituation aufmerksam zu verfolgen und bestehende Schutzkonzepte regelmäßig zu überprüfen.

Die erneute Warnung verdeutlicht zugleich, weshalb eine sachliche Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Übertragungswegen notwendig ist. Bereits in unserem Artikel Vogelgrippe: Wo das Problem wirklich beginnt  haben wir die internationale Ausbreitung aviärer Influenzaviren, die Bedeutung des Vogelzugs und mögliche langfristige Präventionsstrategien thematisiert. Der aktuelle Fall am Stausee Kelbra zeigt, dass sich der Schutz heimischer Geflügelbestände nicht allein auf die Maßnahmen nach einem bereits festgestellten Ausbruch beschränken sollte. Die fortlaufende Überwachung des Infektionsgeschehens bei Wildvögeln und eine frühzeitige Risikobewertung sind wichtige Bestandteile eines umfassenden Seuchenschutzes.

Geflügelpest: Prävention statt pauschaler Schuldzuweisungen

Die bevorstehende Zugvogelsaison macht erneut deutlich, dass die Geflügelpest ein komplexes Tierseuchenproblem darstellt, dessen Ausbreitung sich nicht auf eine einzelne Haltungsform reduzieren lässt. Wildvögel können Viren über große Entfernungen transportieren, während Kontakte zu infizierten Tieren und kontaminierte Materialien zusätzliche Eintragswege in Geflügelbestände darstellen. Gleichzeitig beeinflussen die Bedingungen innerhalb eines betroffenen Bestands, wie sich eine Infektion nach dem Viruseintrag weiterentwickelt. Für eine wirksame Bekämpfung müssen deshalb sowohl die Einschleppung als auch die mögliche Ausbreitung innerhalb der Tierhaltungen berücksichtigt werden.

Auch die öffentliche Diskussion über die Rolle der Massentierhaltung sollte diese unterschiedlichen Faktoren nicht miteinander vermischen. In unserem Beitrag Vogelgrippe Massentierhaltung – Ursache oder Sündenbock?  haben wir uns bereits mit den Ursachen der Geflügelpest und der gesellschaftlichen Debatte über landwirtschaftliche Tierhaltungen auseinandergesetzt. Große Bestände können im Ausbruchsfall mit besonders hohen Tierverlusten verbunden sein, während auch kleinere Haltungen von einem Viruseintrag betroffen sein können. Entscheidend für die aktuelle Gefährdung eines einzelnen Betriebs sind daher unter anderem seine Biosicherheit, mögliche Kontakte zu infizierten Tieren und die regionale Seuchensituation.

Herbstzug 2026: Erhöhte Wachsamkeit bleibt erforderlich

Ob sich das Geflügelpest-Geschehen des vergangenen Jahres am Stausee Kelbra wiederholen wird, lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht vorhersagen. Die bevorstehende Ansammlung zahlreicher Kraniche in einem Gebiet, das bereits von einem schweren H5N1-Ausbruch betroffen war, gibt den Fachleuten jedoch Anlass zu besonderer Aufmerksamkeit. Für den Schutz der Wildvögel sind die Beobachtung des Krankheitsgeschehens und der fachgerechte Umgang mit erkrankten oder verendeten Tieren wichtig. Geflügelhalter können unterdessen durch konsequente Biosicherheit dazu beitragen, das Risiko einer Einschleppung in ihre Bestände zu verringern.

Die Erfahrungen aus dem Herbst 2025 haben gezeigt, welche ökologischen, wirtschaftlichen und emotionalen Folgen größere Geflügelpest-Ausbrüche haben können. Betroffen sind nicht nur die verendenden Wildvögel, sondern auch landwirtschaftliche Betriebe, Veterinärbehörden sowie die zahlreichen Menschen, die an der Bewältigung solcher Ereignisse beteiligt sind. Umso wichtiger ist es, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und behördliche Risikobewertungen in die Schutzmaßnahmen einzubeziehen, anstatt erst nach dem Auftreten größerer Ausbrüche zu reagieren. Der diesjährige Kranichzug wird zeigen, wie sich die Situation am Stausee Kelbra entwickelt und ob den zurückkehrenden Vögeln ein weiteres Massensterben erspart bleibt.

Quellen

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