DNA-Analyse Buckelwal Timmy: Beweisen die beiden Proben wirklich einen anderen Wal?

Pressekonferenz versprach Klarheit – die veröffentlichten Daten liefern sie nicht

Die von Tierärztin Dr. Kirsten Tönnies präsentierte DNA-Analyse sollte offenbar eine spektakuläre Wendung im Fall des Buckelwals Timmy bringen. Bei einer Pressekonferenz in Hamburg erklärte Tönnies, die Unterschiede zwischen zwei untersuchten Proben seien so groß, dass diese nicht vom selben Tier beziehungsweise möglicherweise nicht einmal von derselben Tierart stammen könnten.

Die Botschaft, die bei vielen Zuschauern hängen blieb, war entsprechend eindeutig: Der vor der dänischen Insel Anholt gefundene tote Buckelwal sei möglicherweise gar nicht Timmy gewesen.

Inzwischen wurde auf der Internetseite wal-analyse.de ein umfangreicher englischsprachiger Analysebericht veröffentlicht. Dort finden sich zahlreiche Tabellen, Millionen genetische Varianten, Angaben zur Sequenzqualität und mehrere technische Auswertungen. Doch die entscheidende Frage bleibt:

Beweist diese Analyse tatsächlich, dass die beiden Proben von zwei unterschiedlichen Tieren stammen?

Die nüchterne Antwort lautet: Nein, jedenfalls nicht in der veröffentlichten Form.

Was wurde überhaupt untersucht?

Auf wal-analyse.de werden zwei Proben lediglich mit den Bezeichnungen D1 und T1 geführt. Eine Probe soll nach den Angaben aus der Pressekonferenz während des Transports des lebenden Wals auf der Barge genommen worden sein. Die zweite Probe soll vom später vor Anholt gefundenen Kadaver stammen.

Der veröffentlichte Bericht erklärt jedoch nicht nachvollziehbar, welche Probe konkret von welchem Ort stammt. Dort steht weder „Probe vom lebenden Timmy“ noch „Probe vom Kadaver auf Anholt“. Der Computer kennt keinen Wal namens Timmy. Er kennt nur zwei Dateien mit den Bezeichnungen D1 und T1.

Das ist ein entscheidender Unterschied. Eine DNA-Analyse kann immer nur das Material untersuchen, das im Labor ankommt. Sie kann nicht selbst feststellen, ob die Beschriftung stimmt, ob die Probe tatsächlich vom behaupteten Tier stammt oder ob sie auf dem Transportweg vertauscht oder verunreinigt wurde.

Auf wal-analyse.de wird lediglich erklärt, dass zwei Proben sequenziert und mit einem Referenzgenom des Buckelwals verglichen wurden. Insgesamt seien rund 132 Milliarden DNA-Bausteine ausgewertet worden. Die durchschnittliche Zuordnungsrate zum verwendeten Buckelwal-Referenzgenom wird mit 82,66 Prozent angegeben.

Vereinfacht gesagt wurde also geprüft, wie gut die DNA-Stücke aus den beiden Proben zu einem bereits bekannten Buckelwal-Genom passen.

Das ist eine umfangreiche genetische Untersuchung. Es ist aber noch keine eindeutige Identitätsprüfung.

Ein Telefonbuchvergleich statt eines Fingerabdrucks

Für Laien lässt sich das Problem mit zwei Telefonbüchern erklären.

Stellen wir uns vor, zwei Telefonbücher sollen darauf geprüft werden, ob sie aus derselben Stadt stammen. Man vergleicht beide Bücher mit einem allgemeinen Telefonbuch dieser Region und stellt fest, dass Millionen Namen, Straßen und Nummern ähnlich sind. Gleichzeitig gibt es viele Abweichungen.

Damit weiß man jedoch noch nicht automatisch, ob beide Bücher identisch sind. Man müsste gezielt dieselben Einträge vergleichen und anschließend angeben:

  • Wie viele Einträge konnten in beiden Büchern zuverlässig gelesen werden?
  • Wie viele dieser Einträge stimmen exakt überein?
  • Wie viele unterscheiden sich tatsächlich?
  • Wie wahrscheinlich wäre eine solche Übereinstimmung bei zwei verschiedenen Büchern?

Genau eine solche verständliche Schlussrechnung fehlt in der veröffentlichten Wal-Analyse.

Der Bericht listet für D1 rund 3,7 Millionen sogenannte SNP-Varianten und für T1 rund 4,3 Millionen Varianten auf. SNPs sind einzelne Stellen im Erbgut, an denen sich ein DNA-Baustein vom verwendeten Referenzgenom unterscheidet.

Diese Zahlen bedeuten zunächst nur:

Beide Proben unterscheiden sich an Millionen Stellen von dem Buckelwal, dessen Genom als Referenz verwendet wurde.

Sie bedeuten nicht automatisch:

Die beiden untersuchten Proben stammen von verschiedenen Tieren.

Um diese Frage beantworten zu können, müssten D1 und T1 direkt miteinander verglichen werden. Entscheidend wäre eine klare Angabe, wie viele gemeinsam zuverlässig ausgelesene Positionen denselben Genotyp besitzen und wie viele tatsächlich voneinander abweichen.

Der Bericht zeigt zwar beispielhaft einzelne Positionen, an denen sich D1 und T1 unterscheiden. Er veröffentlicht aber keine zusammenfassende Identitätswahrscheinlichkeit. Auch eine typische Verwandtschafts- oder Individualitätsanalyse, die zwischen demselben Tier, nah verwandten Tieren und nicht verwandten Individuen unterscheidet, ist auf der Internetseite nicht erkennbar.

Damit fehlt ausgerechnet jene Auswertung, die für die öffentliche Behauptung entscheidend wäre.

Unterschiedliche Werte sind noch kein Beweis für unterschiedliche Tiere

Die Proben weisen tatsächlich auffällige Unterschiede auf. D1 enthält laut Bericht rund 53 Milliarden auswertbare DNA-Bausteine, T1 dagegen rund 79 Milliarden. Die durchschnittliche Sequenziertiefe liegt bei D1 etwa bei 12-fach und bei T1 bei ungefähr 20-fach.

Das bedeutet vereinfacht: T1 wurde deutlich intensiver gelesen als D1.

Eine stärker sequenzierte Probe liefert normalerweise mehr zuverlässig erkennbare Varianten. Deshalb können zwei Proben selbst dann unterschiedliche Variantenlisten erzeugen, wenn sie ursprünglich vom selben Tier stammen. Eine Stelle kann in der besser untersuchten Probe erkannt werden, während sie in der schwächeren Probe wegen zu geringer Abdeckung nicht sicher ausgewertet werden kann.

Besonders auffällig ist außerdem der sogenannte GC-Gehalt:

  • D1: 44,35 Prozent
  • T1: 37,60 Prozent
  • verwendetes Buckelwal-Referenzgenom: 42,05 Prozent

Der GC-Gehalt beschreibt vereinfacht die Zusammensetzung der DNA. Eine deutliche Abweichung kann verschiedene Ursachen haben. Dazu gehören technische Unterschiede bei der Probenaufbereitung, unterschiedliche Gewebearten, beschädigte DNA oder eine Verunreinigung mit anderem biologischem Material.

Der Unterschied kann ein Warnsignal sein. Er beweist aber ebenfalls nicht automatisch, dass die Proben von zwei unterschiedlichen Tieren oder gar unterschiedlichen Tierarten stammen. Dafür müsste zunächst geklärt werden, welche Bestandteile der Proben tatsächlich vom Wal stammen und welche möglicherweise von Bakterien, anderen Organismen oder äußeren Verunreinigungen kommen. Die Internetseite nennt selbst Kontamination durch andere Arten als mögliche Ursache auffälliger Zuordnungswerte und empfiehlt in solchen Fällen eine gesonderte Prüfung gegen entsprechende Datenbanken. Eine nachvollziehbar dokumentierte Kontaminationsanalyse wird in der veröffentlichten Darstellung jedoch nicht präsentiert.

Woher stammen die Proben – und was wurde tatsächlich abgeschnitten?

Mindestens ebenso wichtig wie die spätere Laboranalyse ist die Frage, wie die beiden Proben gewonnen wurden.

Nach der Berichterstattung erklärte Tönnies, sie habe keine der beiden Proben selbst genommen. Eine Probe sei während des Transports auf der Barge entnommen worden, die andere später vom Kadaver vor Anholt. Für die Öffentlichkeit bleibt jedoch unklar, wer die Proben konkret genommen, beschriftet, verpackt und transportiert hat. Bei der Pressekonferenz wurden nach Medienberichten keine lückenlosen Nachweise präsentiert, dass das untersuchte Material tatsächlich jeweils dem behaupteten Tier zuzuordnen ist.

Auch die Art der Probennahme ist von Bedeutung.

Wurde lediglich Material von der äußeren Hautoberfläche abgestrichen oder abgeschnitten? Oder wurde eine tiefere Gewebeprobe aus dem Inneren des Körpers entnommen?

Auf der Oberfläche eines Wals können sich zahlreiche fremde biologische Spuren befinden:

  • Meerwasser und darin enthaltene Mikroorganismen,
  • Bakterien,
  • Algen,
  • Hautreste anderer Organismen,
  • menschliche DNA durch Berührung,
  • Material von Werkzeugen, Handschuhen oder Transportflächen,
  • Zersetzungsprodukte nach dem Tod.

Eine fachgerecht entnommene Gewebeprobe aus dem Inneren des Körpers ist deshalb wesentlich aussagekräftiger als ein oberflächlicher Abstrich oder ein möglicherweise bereits verunreinigtes Hautstück.

Der öffentlich zugängliche Analysebericht dokumentiert nicht, aus welcher Tiefe das Material stammt. Er erklärt auch nicht, ob die Oberfläche vor der Entnahme entfernt, das Innere des Gewebes separat untersucht oder eine mögliche Mischprobe ausgeschlossen wurde.

Damit bleibt eine wesentliche Frage offen:

Hat das Labor tatsächlich reine Wal-DNA untersucht – oder möglicherweise ein Gemisch verschiedener biologischer Bestandteile?

Lagerung in Formalin und verspätete Kühlung

Zusätzliche Zweifel entstehen durch die berichtete Behandlung der Proben. Nach Angaben aus der Pressekonferenz soll mindestens eine Probe in Formalin eingelegt worden sein. Formalin wird zur Konservierung von Gewebe verwendet, kann DNA jedoch chemisch verändern und mit zunehmender Lagerungsdauer beschädigen.

Außerdem sollen die Proben erst verspätet gekühlt worden sein. Wärme, Feuchtigkeit, Zersetzung und unsachgemäße Lagerung können die Qualität genetischen Materials erheblich beeinträchtigen. Dadurch entstehen nicht zwangsläufig falsche DNA-Bausteine, aber es kann schwieriger werden, die ursprüngliche DNA vollständig und zuverlässig zu rekonstruieren.

Das bedeutet nicht, dass die gesamte Sequenzierung wertlos wäre. Die auf wal-analyse.de angegebenen Q30-Werte zeigen, dass die im Labor tatsächlich gelesenen DNA-Stücke technisch mit hoher Genauigkeit sequenziert wurden.

Doch eine technisch sauber gelesene DNA-Sequenz beantwortet nicht die Frage, woher das gelesene Material stammt.

Ein Scanner kann einen verschmutzten oder falsch beschrifteten Brief in hervorragender Qualität einscannen. Dadurch wird der Inhalt des Briefes aber weder sauberer noch die Beschriftung automatisch richtig.

Pressekonferenz ging weiter als der Bericht

Tönnies erklärte auf der Pressekonferenz, die Abweichungen seien so groß, dass die Proben nicht von derselben Tierart stammen könnten. Das ist eine außergewöhnlich weitreichende Behauptung.

Der veröffentlichte Bericht auf wal-analyse.de bezeichnet das verwendete Referenzgenom ausdrücklich als Megaptera novaeangliae, also Buckelwal. Für beide Proben werden erhebliche Zuordnungsraten zu diesem Buckelwal-Referenzgenom angegeben. Im Durchschnitt ließen sich mehr als 82 Prozent der untersuchten Sequenzen dem Referenzgenom zuordnen.

Schon deshalb ist die öffentlich verbreitete Aussage, eine Probe könne möglicherweise nicht einmal von derselben Tierart stammen, aus dem veröffentlichten Bericht nicht ohne Weiteres nachvollziehbar.

Eine zweifelsfreie Artbestimmung müsste gesondert erfolgen. Dafür könnte man beispielsweise bestimmte mitochondriale DNA-Abschnitte untersuchen und diese mit geprüften Referenzdatenbanken vergleichen. Eine klare Auswertung nach dem Muster „D1 ist Buckelwal, T1 ist Tierart X“ wird auf wal-analyse.de nicht präsentiert.

Stattdessen handelt es sich überwiegend um einen standardisierten Bericht zur sogenannten Ganzgenom-Resequenzierung. Beide Proben wurden jeweils mit einem Buckelwal-Referenzgenom verglichen. Der Bericht beschreibt anschließend Millionen Abweichungen gegenüber diesem Referenzgenom.

Was fehlt, ist der klare wissenschaftliche Schlusssatz:

D1 und T1 stammen mit einer Wahrscheinlichkeit von X Prozent von demselben Individuum.

Oder:

D1 und T1 können mit einer Wahrscheinlichkeit von X Prozent nicht von demselben Individuum stammen.

Ohne diese Berechnung bleibt die öffentliche Schlussfolgerung eine Interpretation, nicht das transparent belegte Ergebnis des veröffentlichten Berichts.

Andere Indizien sprechen weiterhin für Timmy

Während die DNA-Präsentation offene Fragen hinterlässt, gibt es mehrere unabhängig voneinander bestehende Indizien für die Identität des Kadavers.

Am vor Anholt gefundenen Tier wurde der zuvor an Timmy befestigte Tracker entdeckt. Die übermittelten Bewegungsdaten sollen den Weg des Wals nach seiner Freilassung bis in die Nähe Anholts dokumentiert haben. Zusätzlich wurde die individuell gezeichnete Schwanzflosse des Tieres verglichen. Eine am Rettungseinsatz beteiligte Tierärztin erklärte, sie habe den Wal über Wochen beobachtet und anhand seiner Merkmale wiedererkannt.

Diese Indizien sind nicht deshalb automatisch unfehlbar. Sie ergeben zusammen jedoch eine nachvollziehbare Beweiskette:

  • derselbe Tierkörperbau,
  • dieselben individuellen Merkmale,
  • dieselbe Fluke,
  • derselbe am Tier befestigte Tracker,
  • ein dazu passender Bewegungsverlauf.

Wer diese Beweiskette durch eine DNA-Analyse widerlegen möchte, benötigt einen besonders klaren und überprüfbaren genetischen Nachweis.

Genau dieser eindeutige Nachweis ist auf wal-analyse.de bislang nicht zu finden.

GERATI-Fazit: Millionen Zahlen ersetzen keinen Identitätsnachweis

Die auf wal-analyse.de veröffentlichten Daten zeigen, dass zwei biologische Proben mit modernen Sequenzierungsverfahren untersucht wurden. Sie zeigen auch, dass beide Proben zahlreiche DNA-Abschnitte enthalten, die sich einem Buckelwal-Referenzgenom zuordnen lassen.

Sie zeigen jedoch nicht nachvollziehbar, dass eine der Proben definitiv von einem anderen Wal stammt. Noch weniger belegen sie, dass eine Probe überhaupt nicht von einem Buckelwal stammt.

Dafür fehlen wesentliche Informationen:

  • eine lückenlose Dokumentation der Probenherkunft,
  • Namen und Qualifikation der Probennehmer,
  • genaue Entnahmeorte am Tierkörper,
  • Angaben zur Entnahmetiefe,
  • eine dokumentierte Beweismittelkette,
  • eine umfassende Kontaminationsanalyse,
  • eine direkte Identitätsberechnung zwischen D1 und T1,
  • eine statistische Wahrscheinlichkeit für gleiches oder unterschiedliches Individuum,
  • eine unabhängige Kontrolle durch ein benanntes Fachlabor,
  • eine verständliche wissenschaftliche Schlussfolgerung.

Besonders problematisch ist, dass Tönnies bei der Pressekonferenz offenbar eine wesentlich eindeutigere Botschaft vermittelte, als der später veröffentlichte Bericht trägt. Wer öffentlich den Eindruck erweckt, eine DNA-Analyse stelle behördliche Erkenntnisse auf den Kopf, muss mehr vorlegen als Tabellen, die für Laien kaum verständlich sind.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob D1 und T1 unterschiedliche Zahlen produzieren. Das tun sie.

Die entscheidende Frage lautet:

Sind diese Unterschiede nachweislich genetische Unterschiede zwischen zwei sauber entnommenen Walproben – oder sind sie Folgen unterschiedlicher Probenqualität, Lagerung, Sequenziertiefe und möglicher Verunreinigung?

Diese Frage beantwortet wal-analyse.de nicht abschließend.

Bis eine unabhängige Fachinstitution die Rohdaten, die Probenherkunft und die vollständige Beweismittelkette geprüft hat, bleibt die seriöse Schlussfolgerung:

Die veröffentlichte DNA-Analyse beweist weder, dass Timmy noch lebt, noch dass der vor Anholt gefundene Wal ein anderes Tier war. Sie dokumentiert zwei auffällig unterschiedliche Datensätze, lässt aber offen, ob die Unterschiede biologisch, technisch oder durch die Behandlung und Herkunft der Proben verursacht wurden.

Dr. Kirsten Tönnies hat mit ihrer Pressekonferenz damit keine Klarheit geschaffen. Sie hat eine spektakuläre Behauptung in den Raum gestellt, für die der öffentlich zugängliche Bericht den entscheidenden Nachweis bislang schuldig bleibt.

Quellen:

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