„Peter und der Wolf“ im Wendland: Ein Musikmärchen trifft auf die Wolfsdebatte

Das Wolfstheater aus Hitzacker bringt Sergej Prokofjews „Peter und der Wolf“ in einer zeitgenössischen Fassung auf die Bühne. Die Premiere findet am 17. September 2026 in Diahren statt. Im Mittelpunkt steht nicht nur die bekannte Geschichte, sondern die Frage, wie Menschen mit dem Wolf als zurückgekehrtem Nachbarn umgehen – und wie sich Herdenschutz, Landwirtschaft und Ängste dabei verknüpfen.

Ein Schaf mit Fachwissen statt einer einfachen Opferrolle

Prokofjews Musikmärchen von 1936 macht Kinder mit Instrumenten eines Sinfonieorchesters vertraut und erzählt von Peter, seinem Großvater und einem Wolf. In der klassischen Handlung wird das Tier gefangen und in einen Zoo gebracht. Die Hitzacker Inszenierung übernimmt zwar die vertrauten Figuren, verschiebt den Schwerpunkt jedoch auf die regionale Realität der Wolfsdebatte im Wendland. Damit stellt sie den bekannten Stoff in einen aktuellen regionalen Zusammenhang.

Neu hinzu kommt ein Schaf. Es erscheint nicht bloß als bedrohtes Nutztier, sondern als neugierige und fachkundige Figur, die sich mit Wölfen, Natur und Herdenschutz beschäftigt. Dadurch erweitert das Theaterstück den Blick über die traditionelle Gegenüberstellung von mutigem Menschen und gefährlichem Raubtier hinaus. Fragen nach dem Schutz von Weidetieren, dem Ursprung von Ängsten und dem Zusammenleben mit einem wieder heimischen Wildtier werden zum Teil der Handlung.

Das ursprüngliche Werk ist ein Musikmärchen, in dem jede Figur musikalisch einem Instrument beziehungsweise einer Instrumentengruppe zugeordnet wird. Die Neuinterpretation bleibt dem musikalischen Ausgangspunkt verbunden, setzt aber auf elektronische Live-Musik und Figurentheater. Schauplatz ist ein Jahrmarktkarussell, auf dem lebensgroße Figuren eine Verbindung zwischen Märchen, Landschaft und Gegenwart herstellen.

Nachgespräche mit Schäfern, Jägern und Wolfsberatern

Der praktische Bezug endet nicht mit dem Schlussapplaus. Nach den Aufführungen sind Gespräche mit Menschen vorgesehen, die beruflich oder durch ihre Arbeit mit dem Wolf zu tun haben. Zur Premiere am 17. September ist Giselher Kühn vom Milchschafhof angekündigt. Bei einer weiteren Vorstellung am 20. September soll der Jäger Tom mit dem Publikum sprechen, am 24. September der Wolfsberater Kenny Kenner.

Für den Termin in der Nemitzer Heide am 27. September sind Fachleute aus der Schäferei vorgesehen. In Gledeberg folgen am 17. und 18. Oktober zwei Aufführungen, bei denen am zweiten Tag erneut Vertreter der Schäferei für ein Nachgespräch angekündigt sind. Den Abschluss der bislang genannten Termine bilden Vorstellungen in Platenlaase am 14. und 15. November mit der Wolfsberaterin Anne Wiebelitz-Saillard.

Damit verbindet das Wolfstheater künstlerische Auseinandersetzung und regionale Erfahrung. Das ist besonders für Besucher interessant, die den Wolf nicht nur als Symbolfigur aus einem Märchen kennen, sondern mit Weidetierhaltung, Jagd oder Herdenschutz praktisch zu tun haben. Die Gespräche können dabei unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen, ohne dass das Theaterstück selbst den Anspruch erheben muss, die politischen oder fachlichen Fragen abschließend zu beantworten. So entsteht zusätzlich Raum für Austausch über Erfahrungen aus der Region.

Mehr als eine Neuauflage des Klassikers

Die Inszenierung der Freien Bühne Wendland nutzt den bekannten Titel als Ausgangspunkt, erzählt aber eine andere Geschichte über Verantwortung. Der Wolf steht dabei nicht ausschließlich für Gefahr, und das Schaf wird nicht auf Hilflosigkeit reduziert. Entscheidend ist vielmehr, welche Regeln und Schutzmaßnahmen nötig sind, wenn Wildtiere und Menschen denselben Landschaftsraum nutzen.

Die Veranstaltungsorte reichen von der Schafswiese hinter der SommerBühne in Diahren über Dübbekold und die Nemitzer Heide bis nach Gledeberg und Platenlaase. Bei der Premiere ist die Aufführung unter freiem Himmel geplant; bei Regen soll sie ins Foyer verlegt werden. Die Termine richten sich damit nicht nur an klassisches Theaterpublikum, sondern auch an Menschen aus der Region, die die Wolfsdebatte aus Landwirtschaft, Naturschutz oder dem Alltag kennen.

In der aktuellen Fassung wird aus Prokofjews Erzählung deshalb kein Lehrstück über richtig oder falsch. Sie macht den Wolf zum Anlass, über alte Bilder und neue Nachbarschaften nachzudenken – und stellt die Frage, wie aus Angst konkrete Verantwortung für Menschen, Tiere und Landschaft werden kann.

Quellen

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