Schweden muss seine Pläne zur Wolfsjagd neu aufstellen. Nach einer Entscheidung des Berufungsgerichts in Sundsvall und anhaltender Kritik aus Brüssel reicht der bislang gemeldete Referenzwert von 170 Wölfen nicht mehr aus. Künftig soll für Schweden ein nationaler Wert von 220 Tieren für einen günstigen Erhaltungszustand gelten. Ob die für 2026 geplante Entnahme von 48 Wölfen tatsächlich umgesetzt werden kann, hängt nun davon ab, wie hoch der Bestand tatsächlich ist und welche regionalen Mindestbestände festgelegt werden.
Gericht stoppt Wolfsjagd und stellt bisherige Planung infrage
Auslöser für die aktuelle Entwicklung war eine Entscheidung des Berufungsgerichts in Sundsvall. Das Gericht bestätigte den Stopp der geplanten Wolfsjagd, nachdem mehrere Provinzialverwaltungen gegen die vorherige Entscheidung vorgegangen waren. Naturschutzverbände hatten insbesondere kritisiert, dass die schwedische Regierung den Referenzwert von 170 Wölfen ohne ausreichende wissenschaftliche Grundlage angesetzt habe. Damit ist vorerst klar: Die bisherige Jagdplanung kann nicht einfach wie vorgesehen umgesetzt werden.
Dabei ist wichtig, zwischen dem Urteil und der wissenschaftlichen Bewertung der Bestandszahlen zu unterscheiden. Das Gericht hat nach den vorliegenden Angaben nicht selbst festgestellt, dass 170 Wölfe wissenschaftlich falsch und 220 Tiere dagegen zwingend richtig seien. Entscheidend ist vielmehr, dass die bisherige Planung rechtlich nicht ausreichend abgesichert war. Schweden muss deshalb seine Grundlage für künftige Abschüsse neu prüfen und nachvollziehbar begründen.
Im Hintergrund steht die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union. Der Wolf fällt weiterhin unter europäische Schutzvorgaben, und für Eingriffe in eine geschützte Population gelten besondere Voraussetzungen. Entscheidend ist, dass eine Entnahme den günstigen Erhaltungszustand der Population nicht gefährdet. Genau an diesem Punkt wird künftig die Frage hängen, wie viele Wölfe Schweden tatsächlich zum Abschuss freigeben kann.
Auch die EU-Kommission hatte Zweifel am niedrigen schwedischen Referenzwert angemeldet. Ein Vertreter der Kommission bestätigte gegenüber Agra Europe den Eingang der neuen schwedischen Meldung mit einem Wert von 220 Wölfen. Ob damit sämtliche Bedenken aus Brüssel ausgeräumt sind, ist allerdings noch offen. Die EU überlässt die Festlegung solcher nationalen Referenzwerte grundsätzlich den Mitgliedstaaten, erwartet dabei aber eine wissenschaftliche Grundlage und die Einhaltung der gemeinsam vereinbarten europäischen Methodik.
220 Wölfe sind keine automatische Jagdgrenze
Der neue Wert von 220 Tieren bedeutet nicht, dass Schweden künftig automatisch jeden Wolf oberhalb dieser Grenze abschießen darf. Es handelt sich zunächst um einen nationalen Referenzwert für die Bewertung des günstigen Erhaltungszustands. Wie viele Wölfe tatsächlich entnommen werden dürfen, hängt zusätzlich von den regionalen Beständen und der konkreten Ausgestaltung der Jagdplanung ab. Genau deshalb sollen nun neue Mindestwerte für die einzelnen Managementgebiete festgelegt werden.
Die schwedische Regierung hat die zuständige Umweltschutzbehörde beauftragt, gemeinsam mit den Provinzialverwaltungen neue regionale Mindestbestände zu entwickeln. Diese Zahlen sollen spätestens bis zum 1. Oktober vorliegen. Für jedes der drei Managementgebiete soll anschließend feststehen, wie viele Wölfe auch nach einer möglichen Jagd mindestens vorhanden sein müssen. Erst auf dieser Grundlage kann eine zukünftige Lizenzjagd rechtlich und biologisch belastbarer geplant werden.
Für den bereits vorgesehenen Abschuss von 48 Wölfen im Jahr 2026 bedeutet das zunächst Unsicherheit. Die geplante Zahl ist damit nicht automatisch endgültig vom Tisch, sie kann aber auch nicht einfach unverändert übernommen werden. Entscheidend wird sein, ob der tatsächliche Bestand und seine regionale Verteilung genügend Spielraum für eine Entnahme lassen. Die Wolfsjagd selbst ist also nicht grundsätzlich beendet, ihre bisherige Grundlage muss jedoch neu berechnet und rechtssicher begründet werden.
Regierung hält an kleinerer Wolfspopulation fest
Politisch hat sich an der grundsätzlichen Richtung der schwedischen Regierung offenbar wenig geändert. Landwirtschaftsminister Peter Kullgren hält nach den vorliegenden Angaben weiterhin an dem Ziel fest, die Wolfspopulation des Landes zu verkleinern. Für den schwedischen Anteil der grenzüberschreitenden Population nennt er eine Größenordnung von 100 Tieren als kleinste überlebensfähige Population. Dabei handelt es sich jedoch um eine politische Zielvorstellung und nicht automatisch um die derzeit rechtlich maßgebliche Untergrenze.
Genau hier zeigt sich der Unterschied zwischen politischem Wunsch und rechtlich zulässiger Jagdplanung. Eine Regierung kann eine kleinere Wolfspopulation anstreben, muss dabei aber weiterhin die europäischen Schutzvorgaben einhalten. Der neue Referenzwert von 220 Tieren dürfte deshalb bei künftigen Entscheidungen eine zentrale Rolle spielen. Ob Schweden langfristig deutlich darunter gelangen kann, ist damit keineswegs entschieden.
Streit über die Fennoskandien-Population
Zusätzlich will Schweden sein Wolfsmanagement künftig stärker mit Norwegen und Finnland abstimmen. Hintergrund ist die grenzüberschreitende Wolfspopulation in Fennoskandien, deren Tiere sich nicht an nationale Grenzen halten. Eine gemeinsame Betrachtung könnte deshalb sinnvoller sein, als wenn jedes Land ausschließlich auf die Zahl der Wölfe innerhalb seines eigenen Staatsgebiets schaut. Wie diese Zusammenarbeit konkret ausgestaltet werden soll, ist bislang jedoch noch nicht abschließend geklärt.
Auch innerhalb Schwedens bleibt der Streit über die richtige Populationsgröße bestehen. Der kleinere schwedische Jägerverband JRF kritisierte den höheren Referenzwert von 220 Wölfen. Der größere Jagdverband SJF äußerte sich dazu nach den vorliegenden Informationen bislang nicht. Während Naturschutzverbände den bisherigen Wert von 170 Wölfen für wissenschaftlich unzureichend hielten, ist Teilen der Jägerschaft bereits der neue Wert zu hoch.
Schluss
Die Wolfsjagd in Schweden ist damit keineswegs grundsätzlich beendet. Gestoppt wurde zunächst die bisherige Planung, weil ihre rechtliche und wissenschaftliche Grundlage nicht ausreichte. Nun müssen neue regionale Mindestbestände festgelegt werden, bevor sich belastbar sagen lässt, wie viele Wölfe 2026 tatsächlich geschossen werden dürfen. Der politische Wunsch nach einer kleineren Wolfspopulation bleibt bestehen – ob und wie weit Schweden diesen unter den geltenden Schutzvorgaben umsetzen kann, wird sich erst mit der neuen Jagdplanung zeigen.
Quellen
- agrarheute.com – Jagd auf den Wolf: Schweden muss nach Urteil weniger Wölfe abschießen – https://www.agrarheute.com/management/recht/jagd-wolf-schweden-darf-weniger-woelfe-abschiessen-642458
- landundforst.de – Wolfsmanagement: Schweden senkt Vorgaben für „guten Erhaltungszustand“ – https://www.landundforst.de/tier/wolfsmanagement-schweden-senkt-vorgaben-fuer-guten-erhaltungszustand-572278
- agrarheute.com – Dieses Land senkt Wolfszahlen drastisch – Deutschland zögert weiter – https://www.agrarheute.com/politik/schweden-will-mehr-haelfte-woelfe-schiessen-deutschland-635256
- wochenblatt-dlv.de – Jagd auf den Wolf: Schweden will Erhaltungszustand fast halbieren – https://www.wochenblatt-dlv.de/politik/jagd-wolf-schweden-will-erhaltungszustand-fast-halbieren-578515
- wochenblatt-dlv.de – Wolf: Österreich und Schweden drängen auf niedrigeren Schutzstatus – https://www.wochenblatt-dlv.de/oesterreich/wolf-oesterreich-schweden-draengen-niedrigeren-schutzstatus-574153

Schreibe einen Kommentar