Große Ankündigungen – und eine andere Realität in der Kühltheke
Anfang 2025 kündigten mehrere große Handelsketten an, Fleisch aus der niedrigsten Haltungsform schrittweise aus ihren Sortimenten zu entfernen. Aldi, Lidl, Rewe und Penny vermittelten damit den Eindruck, dass Produkte aus der Haltungsform 1 schon bald weitgehend aus den Kühltheken verschwinden würden. Für Verbraucher klang das nach einem klaren Kurswechsel: weg von besonders günstiger Standardware, hin zu Fleisch aus höheren Haltungsstufen. Im Juli 2026 berichtete MDR Aktuell jedoch über einen Hörer, der in einer Penny-Filiale weiterhin Rindfleisch mit der Kennzeichnung „Haltungsform 1“ entdeckt hatte. Die Rewe-Gruppe erklärte dazu, dass vereinzelt noch einzelne Rindfleischartikel dieser Haltungsform angeboten werden könnten, wenn nicht genügend Rohstoffe aus höheren Haltungsstufen verfügbar seien.
Der Fund bei Penny wäre für sich genommen lediglich ein Einzelfall. In Verbindung mit weiteren Branchenberichten und Recherchen entsteht jedoch ein grundsätzlicheres Bild: Zwischen den öffentlich kommunizierten Ausstiegszielen des Handels und der tatsächlichen Sortimentsgestaltung besteht weiterhin eine erhebliche Lücke. Produkte aus den niedrigeren Haltungsstufen sind offenbar nicht nur als vereinzelte Restposten vorhanden, sondern in Teilen des Marktes weiterhin fest etabliert. Damit stellt sich die Frage, ob die ursprünglichen Ankündigungen von den Verbrauchern deutlich verbindlicher verstanden wurden, als sie von den Unternehmen tatsächlich gemeint waren. Denn ein „schrittweiser Ausstieg“ kann alles bedeuten – von einer kurzfristigen Sortimentsumstellung bis zu einem jahrelangen Prozess mit zahlreichen Ausnahmen.
Warum die Regale den Werbeversprechen widersprechen
Mehrere Analysen und Branchenberichte gehen davon aus, dass ein großer Teil des in Deutschland angebotenen Fleisches weiterhin aus den Haltungsformen 1 und 2 stammt. Teilweise ist von rund 80 Prozent die Rede, wobei solche Angaben je nach Tierart, Produktgruppe, Erhebungsmethode und Verkaufsstelle unterschiedlich ausfallen können. Unabhängig von der exakten Prozentzahl zeigt sich jedoch, dass Fleisch aus höheren Haltungsstufen den Markt bislang keineswegs dominiert. Werbeversprechen über eine grundlegende Neuausrichtung des Sortiments treffen daher auf eine Realität, in der günstige Produkte aus niedrigen Haltungsformen weiterhin eine erhebliche wirtschaftliche Bedeutung besitzen. Der Wandel findet statt, aber deutlich langsamer und weniger umfassend, als es manche Unternehmenskommunikation vermuten lässt.
Eine besondere Rolle spielt dabei die Aktionsware. Sonderangebote, Wochenaktionen und Prospektwerbung sind für den Lebensmitteleinzelhandel wichtige Instrumente, um Kunden in die Filialen zu locken und Preisführerschaft zu demonstrieren. Gerade in diesem Bereich wird häufig Fleisch aus niedrigen Haltungsstufen angeboten, weil es sich zu Preisen vermarkten lässt, die mit höheren Standards nur schwer erreichbar wären. Solange Verbraucher stark auf günstige Angebote reagieren, besteht für Händler ein erheblicher Anreiz, entsprechende Produkte im Sortiment zu halten. Der öffentlich angekündigte Tierwohlkurs kollidiert damit unmittelbar mit dem täglichen Preiswettbewerb zwischen den Handelsketten.
Der Handel verweist zusätzlich auf lange Übergangsfristen, bestehende Lieferverträge, begrenzte Warenverfügbarkeit und Lagerbestände, die zunächst verkauft werden müssten. Diese Erklärungen sind grundsätzlich nachvollziehbar, reichen aber nicht aus, um jede Abweichung auf unbestimmte Zeit zu rechtfertigen. Gerade wenn Unternehmen ihre Ausstiegsziele offensiv bewerben, müssen Verbraucher erkennen können, welche Produktgruppen tatsächlich betroffen sind, welche Ausnahmen gelten und bis wann die Umstellung abgeschlossen sein soll. Fehlen solche Angaben, bleibt von der Ankündigung vor allem eine positiv klingende Botschaft, deren praktische Bedeutung kaum überprüfbar ist.
Preisdruck und Investitionsrisiken entlang der Lieferkette
Die Verantwortung für die schleppende Umstellung liegt nicht allein beim Einzelhandel. Höhere Haltungsstandards lassen sich in der Landwirtschaft nicht kurzfristig durch eine andere Kennzeichnung auf der Verpackung erreichen. Stallanlagen müssen umgebaut, Flächen erweitert, technische Systeme angepasst und teilweise neue Genehmigungen eingeholt werden. Besonders in der Rinderhaltung sind die Produktionszyklen lang, sodass Veränderungen erst nach Monaten oder Jahren vollständig im Markt sichtbar werden. Für viele Betriebe sind solche Investitionen nur möglich, wenn sie langfristig höhere Erlöse erwarten können und über verlässliche Abnahmezusagen verfügen.
Genau an dieser Stelle entsteht ein erhebliches wirtschaftliches Risiko. Landwirte sollen in höhere Standards investieren, haben aber keine Garantie, dass der Handel die dadurch teureren Produkte später in ausreichender Menge abnimmt. Werden Tierwohlprogramme verkleinert, Verträge gekündigt oder Preiszusagen nicht dauerhaft eingehalten, bleiben die Betriebe auf zusätzlichen Kosten sitzen. Meldungen über gekündigte Tierwohlverträge und korrigierte Zielsetzungen zeigen, dass diese Sorge nicht theoretisch ist. Wer von Landwirten kostspielige Umbauten verlangt, muss deshalb auch erklären, wie Planungssicherheit und langfristige Finanzierung gewährleistet werden sollen.
Gleichzeitig besitzt der Lebensmitteleinzelhandel eine starke Position innerhalb der Lieferkette. Er entscheidet, welche Produkte gelistet werden, welche Mengen abgenommen werden und zu welchen Preisen sie in den Markt gelangen. Während Händler ihre Sortimentsziele flexibel an Nachfrage und Wettbewerb anpassen können, sind landwirtschaftliche Investitionen über Jahre gebunden. Dieses Ungleichgewicht erschwert den Umbau zusätzlich. Ein glaubwürdiger Ausstieg aus den niedrigsten Haltungsformen wäre daher nur möglich, wenn der Handel nicht allein öffentlichkeitswirksame Ziele formuliert, sondern zugleich verbindliche Abnahmebedingungen schafft.
Was bedeutet „Ausstieg“ eigentlich konkret?
Ein zentrales Problem der bisherigen Debatte besteht darin, dass der Begriff „Ausstieg“ häufig unscharf verwendet wird. Manche Handelsunternehmen beziehen ihre Aussagen nur auf Frischfleisch bestimmter Tierarten, andere auf einzelne Eigenmarken oder ausgewählte Produktbereiche. Verarbeitete Waren, Tiefkühlprodukte, Aktionsangebote oder Artikel externer Marken können von den Ankündigungen ausgenommen sein. Für Verbraucher ist diese Differenzierung in der öffentlichen Kommunikation jedoch oft kaum erkennbar. Die Schlagzeile vom Ausstieg aus Billigfleisch klingt umfassender, als die zugrunde liegenden Unternehmensziele tatsächlich sind.
Hinzu kommt, dass sich Zeitpläne im Laufe der Jahre verschieben oder verändern können. Unternehmen verweisen auf nicht ausreichende Mengen aus höheren Haltungsformen, auf wirtschaftliche Entwicklungen oder auf eine angeblich fehlende Nachfrage. Solche Faktoren können reale Probleme darstellen, sie machen die ursprünglichen Versprechen aber nicht bedeutungslos. Im Gegenteil: Je stärker ein Unternehmen mit Tierwohlzielen wirbt, desto genauer muss es offenlegen, wenn diese Ziele später abgeschwächt, verschoben oder auf kleinere Sortimentsbereiche begrenzt werden. Andernfalls entsteht der Eindruck, dass ambitionierte Ankündigungen vor allem der Imagepflege dienen, während die tatsächliche Umsetzung von wirtschaftlichen Bedingungen abhängig bleibt.
PR-Strategie oder nachvollziehbare Übergangsphase?
Die bisher vorliegenden Informationen belegen eine deutliche Diskrepanz zwischen öffentlich kommunizierten Zielen und dem weiterhin sichtbaren Angebot aus niedrigen Haltungsformen. Sie reichen jedoch nicht aus, um pauschal zu behaupten, einzelne Handelsunternehmen hätten rechtswidrig gehandelt oder verbindliche Zusagen gebrochen. Dafür müssten die jeweiligen Erklärungen, Zeitpläne und konkreten Sortimentszusagen im Detail geprüft werden. Auch amtliche Feststellungen oder systematische staatliche Kontrollen, aus denen sich ein flächendeckender Verstoß ableiten ließe, sind bislang nicht bekannt. Die Beleglage spricht daher vor allem für ein Transparenzproblem, nicht automatisch für einen Rechtsverstoß.
NGO-Analysen, Medienberichte und Branchenrecherchen liefern wichtige Hinweise, ersetzen aber keine umfassende Markterhebung. Einzelne Funde in Filialen zeigen, dass Produkte aus Haltungsform 1 noch erhältlich sind, erlauben jedoch keine sichere Aussage darüber, wie groß ihr Anteil im gesamten Sortiment eines Unternehmens ist. Gleichzeitig dürfen sich Händler nicht hinter dem Hinweis auf Einzelfälle verstecken, wenn ähnliche Beobachtungen wiederholt auftreten und niedrige Haltungsformen weiterhin in der Werbung erscheinen. Entscheidend wäre eine nachvollziehbare Veröffentlichung aktueller Sortimentsdaten: getrennt nach Tierart, Produktgruppe, Aktionsware und regulärem Angebot.
Nur mit solchen Angaben ließe sich seriös beurteilen, ob es sich um wenige unvermeidbare Ausnahmen oder um ein strukturelles Festhalten an günstiger Ware handelt. Bislang bleibt vieles offen: Welche Produkte wurden tatsächlich ausgelistet? Welche Ausnahmen gelten weiterhin? Wie lange dürfen Restbestände verkauft werden? Welche Mengen aus höheren Haltungsformen stehen real zur Verfügung? Und welche finanziellen Zusagen erhalten Landwirte, die ihre Betriebe entsprechend umbauen sollen?
Tierwohlversprechen geraten an ihre wirtschaftlichen Grenzen
Die Entwicklung zeigt, wie schnell freiwillige Tierwohlziele an Grenzen stoßen, sobald sie spürbare Kosten verursachen. Solange höhere Standards vor allem in Imagekampagnen, Nachhaltigkeitsberichten und Werbeslogans vorkommen, lassen sie sich leicht kommunizieren. Schwieriger wird es, wenn Verbraucher höhere Preise zahlen, Händler niedrigere Margen akzeptieren und Landwirte langfristige Investitionen tätigen sollen. Genau an diesem Punkt entscheidet sich, ob ein Tierwohlversprechen tatsächlich Teil der Unternehmensstrategie ist oder lediglich so lange gilt, wie es keine wirtschaftlichen Nachteile verursacht.
Für Tierrechtsorganisationen und NGOs ist die Situation ebenfalls widersprüchlich. Einerseits setzen sie Unternehmen öffentlich unter Druck, niedrigere Haltungsformen auszulisten. Andererseits werden die Folgen solcher Forderungen für landwirtschaftliche Betriebe, Lieferketten und Verbraucherpreise häufig nur am Rande behandelt. Höhere Standards lassen sich jedoch nicht allein durch moralische Appelle erzeugen. Sie benötigen Finanzierung, verlässliche Marktstrukturen und Verbraucher, die bereit sind, die Mehrkosten dauerhaft zu tragen.
Eine ehrliche Debatte müsste deshalb alle Beteiligten einbeziehen. Der Handel muss transparent erklären, welche Ziele verbindlich gelten und welche Schritte bereits umgesetzt wurden. Die Politik muss entscheiden, ob sie höhere Standards nur fordert oder wirtschaftlich und rechtlich absichert. Landwirte benötigen langfristige Planungssicherheit, statt ständig wechselnder Programme. Und Verbraucher müssen sich darüber im Klaren sein, dass ein dauerhaft höheres Tierwohlniveau kaum mit einer gleichzeitigen Erwartung nach immer billigeren Fleischpreisen vereinbar ist.
Was nach der Recherche festgehalten werden kann
Die großen Handelsketten haben angekündigt, ihr Fleischangebot schrittweise auf höhere Haltungsformen umzustellen. In der Praxis verläuft dieser Prozess jedoch deutlich langsamer und widersprüchlicher, als es die öffentlichen Aussagen teilweise erwarten ließen. Fleisch aus den Haltungsformen 1 und 2 ist weiterhin in erheblichem Umfang erhältlich, während Sonderangebote und der anhaltende Preiswettbewerb den Absatz günstiger Produkte zusätzlich fördern. Die Erklärung, es handle sich lediglich um Restbestände oder punktuelle Lieferengpässe, dürfte daher nicht in jedem Fall ausreichen.
Gleichzeitig wäre es zu einfach, die gesamte Verantwortung den Händlern oder den Landwirten zuzuschieben. Höhere Haltungsstandards erfordern Investitionen, langfristige Verträge und eine Nachfrage, die auch bei steigenden Preisen stabil bleibt. Genau diese Voraussetzungen sind bislang nicht durchgehend vorhanden. Meldungen über gekündigte Tierwohlverträge und korrigierte Unternehmensziele zeigen, dass der Marktumbau ins Stocken geraten kann, sobald wirtschaftliche Interessen mit den öffentlich formulierten Ansprüchen kollidieren.
Der angekündigte Abschied vom Billigfleisch ist deshalb bislang weniger eine abgeschlossene Veränderung als ein politisch und werblich kommuniziertes Ziel. Ob daraus tatsächlich eine neue Marktrealität entsteht, hängt nicht von weiteren Imagekampagnen ab, sondern von überprüfbaren Zeitplänen, transparenten Sortimentsdaten und verlässlichen Vereinbarungen entlang der gesamten Lieferkette. Solange diese Grundlagen fehlen, bleibt der Eindruck bestehen, dass die Versprechen schneller aus den Pressemitteilungen verschwinden als die Produkte aus den Kühlregalen.
Quellen:
- https://samstags-zeitung.de/versprochen-aber-nicht-geliefert-warum-billigfleisch-trotz-grosser-ankuendigungen-weiter-in-den-supermarktregalen-liegt/ – Versprochen, aber nicht geliefert? Warum Billigfleisch trotz großer Ankündigungen weiter in …
- https://www.bauerwilli.com/lebensmitteleinzelhandel-was-kuemmert-mich-mein-geschwaetz/ – Lebensmitteleinzelhandel: Was kümmert mich mein Geschwätz… – Bauer Willi
- https://www.bauerwilli.com/lebensmitteleinzelhandel-was-kuemmert-mich-mein-geschwaetz/ – Trotz Handelsversprechen: Warum bei Penny noch Rindfleisch aus Haltungsform 1 liegt (MDR)
- https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/wirtschaft/penny-rindfleisch-haltungsform1-,billigfleisch-hmp-100.html
- https://www.topagrar.com/schwein/news/tierwohlfleisch-bereitet-der-handel-den-ausstieg-vor-20027139.html – – Bereitet der LEH den Ausstieg aus Tierwohlfleisch vor? | top agrar (Top Agrar)
- https://www.bauerwilli.com/lohnt-sich-nicht-edeka-regionalgesellschaft-kuendigt-tierwohlvertraege/ – Lohnt sich nicht: Edeka Regionalgesellschaft kündigt Tierwohlverträge – Bauer Willi
- https://www.ddg.info/fileadmin/user_upload/09_Presse/Pressemitteilungen/2025/20250429_Greenpeace_Versteckte_Kosten_der_Ernaehrung.pdf – Die versteckten Kosten der Ernährung (Deutsche Diabetes Gesellschaft)
- https://gerati.de/2025/10/12/edeka-knickt-ein-edeka-tierschutz-cbdp/ – GERATI: Edeka knickt vor Tierrechtlern ein: PR-Schachzug oder echter Edeka Tierschutz?
