Streit um den STS-Label-Kompass: Transparenz für Verbraucher oder Beruhigung des Gewissens?

Der Schweizer Tierschutz STS will mit seinem neuen Label-Kompass Orientierung im undurchsichtigen Markt der Tierwohlkennzeichnungen schaffen. Während der Verband das Angebot als praktisches Instrument für Konsumenten, Landwirtschaft und Handel präsentiert, reagieren Tierrechtsorganisationen mit grundsätzlicher Ablehnung. Andere Kritiker warnen davor, dass gute Bewertungen den Fleischkonsum nicht verringern, sondern möglicherweise sogar moralisch erleichtern könnten.

Damit wird aus einem zunächst sachlich wirkenden Vergleich von Tierhaltungsstandards schnell eine ideologische Grundsatzdebatte: Geht e um konkrete Verbesserungen für heute gehaltene Tiere oder um die vollständige Abschaffung jeglicher wirtschaftlicher Tiernutzung?

Bis zu 100 Anforderungen pro Tierart

Der Mitte Juli veröffentlichte «STS-Label-Kompass» bewertet Schweizer Tierwohlprogramme anhand von 14 Themenbereichen. Dazu gehören unter anderem Stallklima, Auslauf, Weidezugang, Transportbedingungen und Schlachtung. Nach Angaben des STS fließen je nach Tierart bis zu 100 einzelne Anforderungen in die Bewertung ein, wobei besonders relevante Kriterien stärker gewichtet werden sollen.

Die Einstufungen reichen von «sehr gut» bis «unbefriedigend». Ergänzt wird die Plattform durch einen Fleischkonsumrechner, mit dem Nutzer ihren persönlichen Konsum einordnen können. Das Angebot ersetzt das frühere STS-Rating «Essen mit Herz».

In bislang veröffentlichten Übersichten erhielten unter anderem KAGFreiland, Demeter und Coop Naturaplan in mehreren Kategorien sehr gute Bewertungen. Dabei ist jedoch entscheidend: Der Kompass ist kein amtliches Prüfzeichen und ersetzt weder staatliche Kontrollen noch die praktische Überwachung einzelner Tierhaltungsbetriebe.

Tierrechtsorganisation fordert Veganismus statt besserer Labels

Die schärfste Kritik kommt von Animal Rights Switzerland. Die Organisation lehnt nicht lediglich einzelne Kriterien oder Bewertungen ab, sondern stellt die wirtschaftliche Tierhaltung grundsätzlich infrage. Geschäftsleiterin Céline Schlegel erklärt, dass auch in hoch bewerteten Labelprogrammen erhebliches Tierleid erlaubt sein könne.

Als Beispiele nennt die Organisation die CO₂-Betäubung von Schweinen sowie Brustbeinbrüche bei Legehennen. Aus Sicht von Animal Rights Switzerland könne deshalb ausschließlich ein Vegan-Label als verlässliche Orientierung gelten. Verbesserungen innerhalb der Tierhaltung reichen der Organisation nicht aus, weil bereits die Nutzung von Tieren als solche abgelehnt wird.

Diese Position sollte entsprechend eingeordnet werden. Es handelt sich nicht um eine neutrale Prüfung des STS-Kompasses, sondern um die bekannte Grundsatzforderung einer Tierrechtsorganisation, die jede Form der Nutztierhaltung abschaffen möchte. Wer Tierhaltung grundsätzlich ablehnt, kann konsequenterweise auch kein Label akzeptieren, das bessere Haltungsbedingungen innerhalb dieses Systems bewertet.

Swissveg warnt vor einem moralischen Freifahrtschein

Differenzierter fällt die Reaktion von Swissveg aus. Die Interessenvertretung begrüßt grundsätzlich, dass Unterschiede zwischen einzelnen Tierwohlprogrammen sichtbarer werden. Gleichzeitig warnt sie vor dem sogenannten Moral-Licensing.

Gemeint ist damit der mögliche psychologische Effekt, dass Menschen den Kauf eines besonders gut bewerteten Produkts als ausreichende moralische Leistung betrachten. Ein positives Label könnte dann dazu führen, dass sie ihren Fleischkonsum nicht weiter hinterfragen oder reduzieren. Nach dieser Argumentation würde das gute Gewissen zum Ersatz für eine tatsächliche Verhaltensänderung.

Bislang gibt es allerdings keine öffentlich bekannten Untersuchungen, die diesen Effekt speziell für den neuen STS-Label-Kompass belegen. Die Warnung von Swissveg ist daher eine nachvollziehbare Interessensposition, aber noch kein Nachweis dafür, wie Konsumenten das neue Angebot tatsächlich nutzen werden.

STS setzt auf Verbesserungen statt Abschaffungsforderungen

Der Schweizer Tierschutz verfolgt bewusst einen pragmatischeren Ansatz. STS-Sprecher Manuel Iseli verweist darauf, dass Nutztierhaltung derzeit gesellschaftliche Realität sei. Für die betroffenen Tiere mache es deshalb einen konkreten Unterschied, ob sie unter gesetzlichen Mindestbedingungen oder nach weitergehenden Tierwohlstandards gehalten werden.

Der Label-Kompass soll nach Darstellung des STS Unterschiede sichtbar machen und Schwächen bestehender Programme offenlegen. Gleichzeitig soll er Produzenten und Handel dazu bewegen, ihre Standards weiterzuentwickeln. Der Verband stützt die Bewertung nach eigenen Angaben auf das Fachwissen seines Nutztierteams und des eigenen Kontrolldienstes.

Der STS behauptet damit nicht, sämtliche ethischen Fragen der Tierhaltung zu lösen. Sein Ziel besteht vielmehr darin, innerhalb des bestehenden Systems Verbesserungen bei Haltung, Transport und Schlachtung anzustoßen. Genau an diesem Punkt verläuft die Konfliktlinie zu Organisationen, die keine Verbesserung, sondern ausschließlich die vollständige Beendigung der Tiernutzung akzeptieren.

Vergleich von Vorgaben ist keine Kontrolle auf dem Bauernhof

So nützlich eine zentrale Vergleichsplattform sein kann, so wichtig ist eine klare Abgrenzung ihrer Aussagekraft. Nach bisherigen Berichten bewertet der STS vor allem die schriftlich festgelegten Anforderungen und Standards der jeweiligen Programme. Systematische Vor-Ort-Kontrollen sämtlicher angeschlossener Betriebe führt der Label-Kompass selbst nicht durch.

Auch ein formales Freigabe- oder Einspruchsverfahren für die bewerteten Labelorganisationen ist offenbar nicht vorgesehen. Die Einstufungen erfolgen nach den Kriterien des STS und müssen vor der Veröffentlichung nicht von den betroffenen Programmen bestätigt werden. Einen automatischen Datenaustausch mit amtlichen Kontrollstellen oder sämtlichen Labelorganisationen gibt es ebenfalls nicht.

Eine gute Bewertung zeigt somit zunächst, dass ein Programm auf dem Papier vergleichsweise hohe Anforderungen stellt. Sie beweist jedoch nicht automatisch, dass diese Vorgaben auf jedem Betrieb vollständig eingehalten werden oder zu messbar besseren Ergebnissen für jedes einzelne Tier führen. Dafür wären unabhängige Betriebskontrollen und wissenschaftliche Langzeituntersuchungen erforderlich.

Transparenz ja – endgültige Antworten nein

Der STS-Label-Kompass kann Verbrauchern erstmals einen gebündelten Überblick über zahlreiche Schweizer Tierwohlprogramme bieten. Das ist grundsätzlich sinnvoller als unklare Werbeaussagen, einzelne Siegel oder pauschale Versprechen des Handels. Gleichzeitig darf ein solches Bewertungssystem nicht mit einer behördlichen Kontrolle oder einem wissenschaftlichen Nachweis tatsächlichen Tierwohls verwechselt werden.

Die Kritik aus Tierrechtskreisen richtet sich zudem nur teilweise gegen die konkrete Methodik des Kompasses. In erster Linie richtet sie sich gegen die Existenz wirtschaftlicher Tierhaltung selbst. Damit findet die Debatte auf zwei unterschiedlichen Ebenen statt: Der STS bewertet Verbesserungen innerhalb des bestehenden Systems, während Animal Rights Switzerland dieses System vollständig beseitigen möchte.

Ob der Label-Kompass langfristig zu besseren Standards, bewussteren Kaufentscheidungen oder lediglich zu einem beruhigten Gewissen führt, ist derzeit offen. Das lässt sich weder durch NGO-Pressemitteilungen noch durch einzelne Branchenreaktionen beantworten. Hierfür wären transparente Kriterien, unabhängige Kontrollen und eine spätere wissenschaftliche Evaluation der tatsächlichen Wirkung notwendig.

Der Streit zeigt damit vor allem eines: Bei der Diskussion über Tierwohl geht es längst nicht mehr nur um Stallflächen, Auslauf oder Transportzeiten. Es geht ebenso um die strategische Frage, ob Tierschutz konkrete Verbesserungen für heute lebende Tiere erreichen soll – oder ob nur die vollständige Abschaffung der Tierhaltung als akzeptables Ziel gelten darf.

Quellen:

Schreibe einen Kommentar