Pferd „Versuchstier des Jahres 2026“: 822 Tiere 2024 in deutschen Versuchen eingesetzt

Die Organisation Menschen für Tierrechte hat das Pferd zum „Versuchstier des Jahres 2026“ ernannt. Mit der seit 2003 durchgeführten Kampagne will der Verband auf Tierarten aufmerksam machen, die in Deutschland für wissenschaftliche Zwecke eingesetzt werden. Nach Angaben der Organisation wurden 2024 insgesamt 822 Pferde in Tierversuchen verwendet. Damit rückt eine Tierart in den Mittelpunkt, die in der öffentlichen Debatte deutlich seltener genannt wird als Mäuse oder Ratten, zu der viele Menschen jedoch eine besonders starke emotionale Beziehung haben.

Menschen für Tierrechte verbindet die Wahl mit der Forderung, Tierversuche weiter abzubauen und tierfreie Verfahren stärker zu entwickeln. Als Einsatzbereiche von Pferden nennt die Organisation unter anderem die Herstellung von Antitoxinen zur Behandlung menschlicher Vergiftungen sowie die Gewinnung von Antikörpern. Dabei werden nach Angaben des Verbandes Proteine aus dem Blut der Tiere gewonnen. Welche Belastungen daraus entstehen, hängt allerdings vom jeweiligen Verfahren, seiner Durchführung und dem konkreten wissenschaftlichen Zweck ab.

822 Pferde und mehr als 1,3 Millionen Versuchstiere

Nach den zugrunde gelegten Angaben wurden 2024 in Deutschland insgesamt 1.327.931 Tiere in Tierversuchen eingesetzt. Weitere 626.538 Tiere wurden zu wissenschaftlichen Zwecken getötet, ohne unmittelbar in einem Tierversuch eingesetzt worden zu sein. Die 822 verwendeten Pferde machen innerhalb dieser Größenordnung nur einen vergleichsweise kleinen Anteil aus. Schon deshalb zeigt sich, dass die Wahl des Pferdes zum „Versuchstier des Jahres“ nicht allein mit der absoluten Zahl der eingesetzten Tiere erklärt werden kann.

Nach Angaben von Menschen für Tierrechte werden Pferde deutlich seltener eingesetzt als klassische Versuchstierarten. Gleichzeitig besitzen Pferde in der Öffentlichkeit einen hohen emotionalen Stellenwert und werden anders wahrgenommen als Mäuse, Ratten oder Fische. Genau darin dürfte auch ein Teil der Wirkung der Kampagne liegen: Eine Tierart, zu der viele Menschen einen persönlichen Bezug haben, erzeugt naturgemäß mehr Aufmerksamkeit. Das macht die Kritik an einzelnen Versuchen jedoch nicht automatisch falsch, sollte bei der Einordnung solcher Kampagnen aber berücksichtigt werden.

Organisation nennt Hypoxie-Studien und Hufrehe-Forschung

Als besonders belastendes Beispiel verweist Menschen für Tierrechte auf Hypoxie-Studien aus dem Jahr 2025. Dabei seien gesunde Pferde künstlich einem Sauerstoffmangel ausgesetzt worden, um Auswirkungen auf Gehirn und Muskulatur zu untersuchen. Anschließend seien die Tiere getötet worden. Der Verband stellt bei solchen Versuchen insbesondere die Frage, ob der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn den Einsatz gesunder Tiere rechtfertigt und ob vergleichbare Ergebnisse mit anderen Methoden erzielt werden könnten.

Ein weiteres genanntes Beispiel betrifft eine Studie zur Hufrehe. Nach Darstellung der Organisation wurde 2025 an acht gesunden Freizeitpferden eine Kältetherapie untersucht, obwohl eine entsprechende Behandlung bereits angewendet werde. Auch hier richtet sich die Kritik vor allem gegen den Einsatz gesunder Tiere und auf die Frage nach vorhandenen Alternativen. Ob ein Versuch tatsächlich verzichtbar ist, lässt sich allerdings nicht allein daraus ableiten, dass eine Behandlung bereits praktisch eingesetzt wird, denn wissenschaftliche Untersuchungen können unter anderem der Überprüfung ihrer Wirksamkeit, ihrer Grenzen oder möglicher Nebenwirkungen dienen.

Tierversuche sind nicht automatisch durch Alternativen ersetzbar

Die Entwicklung tierfreier Methoden ist sinnvoll und sollte weiter vorangetrieben werden. Wo belastbare wissenschaftliche Erkenntnisse ohne den Einsatz von Tieren gewonnen werden können, spricht vieles dafür, solche Verfahren zu nutzen und weiterzuentwickeln. Zellkulturen, Computersimulationen, Organoide oder Organ-on-a-Chip-Systeme können heute bereits wichtige Erkenntnisse liefern und einzelne Tierversuche ersetzen oder zumindest reduzieren. Daraus folgt jedoch nicht, dass Tierversuche in der medizinischen und biologischen Forschung grundsätzlich bereits vollständig verzichtbar wären.

Gerade bei komplexen Wechselwirkungen innerhalb eines gesamten Organismus stoßen alternative Verfahren weiterhin an Grenzen. Stoffwechsel, Immunsystem, Kreislauf, Nervensystem und das Zusammenspiel verschiedener Organe lassen sich nicht in jedem Fall vollständig durch isolierte Modelle abbilden. Solange für bestimmte Forschungsfragen keine wissenschaftlich gleichwertige Alternative existiert, können Tierversuche deshalb weiterhin notwendig sein. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Tierversuche pauschal gut oder schlecht sind, sondern ob sie für den jeweiligen Erkenntnisgewinn erforderlich, angemessen und so belastungsarm wie möglich durchgeführt werden.

3R-Prinzip statt pauschaler Abschaffung

Genau an diesem Punkt setzt das sogenannte 3R-Prinzip an. Tierversuche sollen ersetzt werden, wenn geeignete Alternativen vorhanden sind, ihre Zahl soll so weit wie möglich reduziert und die Belastung der eingesetzten Tiere möglichst gering gehalten werden. Dieser Ansatz verbindet wissenschaftliche Forschung mit dem Ziel, unnötiges Tierleid zu vermeiden. Er unterscheidet sich damit deutlich von der pauschalen Forderung, sämtliche Tierversuche unabhängig von Forschungsgebiet und wissenschaftlicher Fragestellung kurzfristig abzuschaffen.

Menschen für Tierrechte fordert, tierfreie Methoden stärker zu fördern und Tierversuche konsequenter zurückzudrängen. Zudem verweist die Organisation auf europäische Bestrebungen, insbesondere bei der Chemikaliensicherheitsbewertung langfristig stärker auf tierfreie Verfahren zu setzen. Solche Entwicklungen können dazu beitragen, den Einsatz von Versuchstieren weiter zu reduzieren. Sie ändern jedoch nichts daran, dass ein vollständiger Ersatz in allen Forschungsbereichen derzeit nicht ohne Weiteres möglich ist.

Die Diskussion braucht mehr als emotionale Bilder

Die Wahl des Pferdes zum „Versuchstier des Jahres 2026“ lenkt den Blick auf eine Tierart, die in der Versuchstierdebatte sonst vergleichsweise selten vorkommt. Dass Menschen besonders stark auf Versuche mit Pferden reagieren, ist nachvollziehbar, weil diese Tiere in vielen Bereichen als Freizeit-, Sport- oder Begleittiere wahrgenommen werden. Für die wissenschaftliche Bewertung eines Versuchs darf die emotionale Nähe zu einer Tierart jedoch nicht das alleinige Kriterium sein. Entscheidend bleiben Zweck, Belastung, wissenschaftlicher Nutzen und die Frage, ob eine gleichwertige Alternative vorhanden ist.

Tierversuche sollten deshalb weder verharmlost noch grundsätzlich verteufelt werden. Jede vermeidbare Belastung eines Tieres sollte vermieden werden, und bessere Ersatzmethoden sind ausdrücklich zu begrüßen. Gleichzeitig muss Forschung weiterhin dort möglich bleiben, wo sie ohne Tiermodelle noch keine verlässlichen Antworten liefern kann. Eine sachliche Diskussion beginnt daher nicht mit der Forderung nach einem pauschalen Verbot, sondern mit der Prüfung, welche Versuche tatsächlich notwendig sind und welche durch bessere Methoden ersetzt werden können.

Quellen

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