Ein Schwangerschaftstest ohne tierische Bestandteile ist seit September 2025 im Handel. Das Hannoveraner Start-up Phaeosynt setzt dabei auf gentechnisch veränderte Kieselalgen, die Antikörper für den Test produzieren. Das Produkt ist im eigenen Online-Shop, bei Rossmann und in ausgewählten Apotheken erhältlich und soll nach Angaben des Unternehmens weltweit der erste Schwangerschaftstest dieser Art sein. Der Test wird als „veganer“ Schwangerschaftstest von Phaeosynt angeboten.
Antikörper ohne Mäuse
Herkömmliche Schwangerschaftstests weisen im Urin das Hormon hCG nach. Dafür werden Antikörper benötigt, die nach der Beschreibung der Quellen bei herkömmlichen Tests aus Bestandteilen im Blut von Tieren gewonnen werden. Nach der Schilderung von Phaeosynt werden Mäusen Hormone verabreicht, woraufhin ihr Immunsystem die gewünschten Antikörper bildet. Diese werden anschließend aus Blut oder Körperflüssigkeiten gewonnen. Heute sind die Verfahren technisch deutlich weiterentwickelt, doch die Nutzung tierischer Antikörper ist in Teilen der Diagnostik weiterhin üblich.
Genau an diesem Punkt setzt Phaeosynt an: Das Unternehmen nutzt Kieselalgen als biologische Produktionssysteme und verändert sie gentechnisch so, dass sie die benötigten Antikörper herstellen. Die Idee entstand an der Leibniz Universität Hannover. Alina Eilers entwickelte während ihrer Promotion einen Schnelltest, aus dem gemeinsam mit der Wirtschaftswissenschaftlerin Stephanie Pfeil-Coenen die Ausgründung Phaeosynt hervorging. Für den Ansatz erhielt das Team unter anderem 2023 den Wettbewerb „Startup-Impuls“ und Unterstützung durch das niedersächsische BioIntelligence-Programm.
Vom Forschungsansatz zum Produkt
Ursprünglich wollte Phaeosynt tierfreie Antikörper an Unternehmen und Hochschulen liefern. Nach Angaben des niedersächsischen Start-up-Netzwerks erwies sich der Markt dafür zunächst als zurückhaltend. Der eigene Schwangerschaftstest wurde deshalb zum sogenannten Pionierprodukt, mit dem das Unternehmen nicht nur Umsatz erzielen, sondern auch Aufmerksamkeit für tierfreie Diagnostik schaffen will. Über den Auftritt in der Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“ und die anschließende Investorensuche berichteten Medien beziehungsweise das Unternehmen.
Phaeosynt brachte den Test im September 2025 auf den Markt. Für Verbraucher bedeutet das: Der Kauf ist nicht mehr auf den Direktvertrieb beschränkt, sondern auch über eine bekannte Drogeriekette und einzelne Apotheken möglich. Für den Tierschutz ist das vor allem deshalb relevant, weil der Ansatz nicht lediglich auf eine andere Verpackung oder einen pflanzlichen Zusatz setzt. Er verändert den Produktionsschritt, in dem die Antikörper entstehen. Kieselalgen sind keine Tiere und werden nach dem beschriebenen Verfahren nicht zur Bildung der Antikörper injiziert oder getötet.
Was das Label „vegan“ bei Medizinprodukten bedeutet
Die Bezeichnung bleibt dennoch erklärungsbedürftig. Während für Lebensmittel vergleichsweise klare Kriterien gelten, ist „vegan“ bei Medizinprodukten nicht in gleicher Weise rechtlich definiert. Bei einem Schwangerschaftstest betrifft die Bewertung deshalb nicht nur den Antikörper, sondern die gesamte Lieferkette: Dazu gehören etwa Trägermaterialien, Hilfsstoffe, Verpackung und mögliche Prüfverfahren.
Auch die Frage der Zuverlässigkeit muss getrennt vom ethischen Vorteil betrachtet werden. Phaeosynt betont, der Test erreiche eine mit herkömmlichen Produkten vergleichbare Sensitivität. Unabhängige Langzeitstudien zur neuen Produkttechnologie sind nach den veröffentlichten Berichten jedoch noch begrenzt. Das bedeutet nicht, dass der Test unzuverlässig ist, wohl aber, dass die wissenschaftliche Erfahrung mit dem Verfahren kürzer ist als bei etablierten Produkten. Damit steht Phaeosynt vor einer doppelten Aufgabe: Das Unternehmen muss zeigen, dass der Test im Alltag zuverlässig funktioniert, und zugleich transparent machen, welche Bestandteile und Produktionsschritte die Bezeichnung „vegan“ rechtfertigen.
Für Verbraucher ist deshalb neben dem Tierschutzargument entscheidend, die Gebrauchsanweisung einzuhalten und ein Ergebnis bei Unsicherheit ärztlich oder durch einen weiteren Test abzuklären. Dazu gehört insbesondere, den vorgesehenen Testzeitpunkt sowie die Hinweise zur Kontroll- und Ergebnisanzeige zu beachten; bei einem zunächst negativen Ergebnis und weiter bestehendem Verdacht kann eine Wiederholung nach den Angaben der Gebrauchsanweisung sinnvoll sein. Der Hannoveraner Ansatz macht sichtbar, dass Tierversuchsvermeidung nicht nur durch Verbote, sondern auch durch neue Produktionsverfahren vorankommen kann. Ob aus dem Nischenprodukt ein breiter Standard wird, hängt nun weniger von der Idee als von unabhängigen Leistungsdaten, verlässlicher Verfügbarkeit und der Bereitschaft des Handels ab, tierfreie Diagnostik dauerhaft ins Sortiment aufzunehmen.
Quellen
- stern.de – Vegane Schwangerschaftstests: Start-up aus Hannover verkauft sie | STERN.de – https://www.stern.de/panorama/wissen/vegane-schwangerschaftstests–start-up-aus-hannover-verkauft-sie-38219910.html
- startup.nds.de – Ohne Tier und ohne Leid: Phaeosynt entwickelt veganen Schwangerschaftstest – Niedersachsen.next Startup – https://startup.nds.de/ohne-tier-und-ohne-leid-phaeosynt-entwickelt-veganen-schwangerschaftstest
- uni-hannover.de – Vegane Schwangerschaftstests: LUH-Ausgründung Phaeosynt gewinnt Startup-Impuls-Wettbewerb – Leibniz Universität Hannover – https://www.uni-hannover.de/de/universitaet/aktuelles/online-aktuell/details/news/vegane-schwangerschaftstests-luh-ausgruendung-phaeosynt-gewinnt-startup-impuls-wettbewerb
- nobilis.de – Vegane Schwangerschaftstests: Der Test ohne Tiere – https://nobilis.de/vegane-schwangerschaftstests-der-test-ohne-tiere
