Drei PETA-Aktivistinnen sind nach Angaben der Organisation bei einer Protestaktion auf Santorini angegriffen worden. Der Vorfall ereignete sich an der Karavolades-Treppe in Firá, wo die Frauen gegen den Einsatz von Eseln und Maultieren für touristische Transporte demonstrieren wollten. Eine Aktivistin soll dabei ins Gesicht geschlagen worden sein. PETA kündigte rechtliche Schritte gegen die mutmaßlichen Angreifer an.
Gewalt gegen Demonstranten ist nicht zu rechtfertigen und mögliche Straftaten müssen von den griechischen Behörden aufgeklärt werden. Trotzdem lohnt sich ein genauerer Blick auf die Vorgeschichte, denn PETA trat auf Santorini keineswegs als neutraler Vermittler auf, sondern verfolgt seit Jahren das erklärte Ziel, die traditionelle Nutzung der Tiere vollständig zu beenden.
Wenn aus Protest gezielte Konfrontation wird
Die Frauen bereiteten nach Darstellung von PETA eine Aktion vor, bei der sie mit robotischen Gehhilfen, sogenannten Exoskeletten, auf eine technische Alternative zu den Tiertransporten aufmerksam machen wollten. Während sie den Ort filmten, hätten mehrere Eseltreiber Protestschilder zerstört, die Aktivistinnen beleidigt und körperlich bedrängt. Die Frauen seien gegen eine Mauer gedrängt und die Treppe hinuntergedrängt worden; eine von ihnen habe einen Schlag ins Gesicht erhalten.
Die Schilderung stammt von PETA und wurde von mehreren Medien aufgegriffen. 20 Minuten veröffentlichte zudem Videoaufnahmen, die PETA am 4. September 2026 in sozialen Netzwerken verbreitet hatte. Eine unabhängige behördliche Darstellung des gesamten Ablaufs lag zum Zeitpunkt der Berichterstattung nicht vor. Damit ist der Angriff weiterhin als Vorwurf der Organisation einzuordnen, während die strafrechtliche Bewertung den zuständigen griechischen Stellen obliegt.
PETA-Fachreferentin Dr. Yvonne Würz bezeichnete die Aktion als friedlichen Protest und forderte ein Ende der Esel- und Maultierritte auf der Insel. Nach Angaben der Organisation wurde Strafanzeige angekündigt. Augenzeugen sollen sich bei PETA melden, damit die Ermittlungen mögliche weitere Hinweise berücksichtigen können.
Was in dieser Darstellung allerdings weitgehend ausgeblendet wird: PETA kommt nicht nach Santorini, um gemeinsam mit den dortigen Tierhaltern und Eseltreibern nach Verbesserungen zu suchen. Die Organisation verfolgt seit Jahren ein klares politisches Ziel. Die touristische Nutzung der Tiere soll vollständig verschwinden.
Das rechtfertigt keinen körperlichen Angriff. Es erklärt aber, warum die Auseinandersetzung weit mehr ist als ein gewöhnlicher Streit über einzelne Haltungsbedingungen.
Das Exoskelett als medienwirksame Alternative
Besonders auffällig ist die Präsentation der Exoskelette. PETA möchte damit vermitteln: Für die Esel und Maultiere gibt es längst eine technische Alternative. Menschen könnten sich beim Aufstieg von Robotik unterstützen lassen, anstatt auf einem Tier zu sitzen.
Auf den ersten Blick klingt das modern und tierfreundlich. Beim zweiten Blick stellen sich jedoch einige ziemlich einfache Fragen.
Wenn PETA tatsächlich davon überzeugt ist, dass solche Geräte auf Santorini eine praktikable Alternative darstellen, warum kauft die Organisation nicht selbst eine größere Anzahl davon und stellt sie zunächst kostenlos zur Verfügung? Warum werden nicht beispielsweise 50 oder 100 Geräte angeschafft und über einen längeren Zeitraum unter realen Bedingungen getestet?
Dann ließe sich feststellen, ob ältere oder körperlich eingeschränkte Menschen damit tatsächlich rund 500 Stufen bewältigen können, wie hoch Wartungs- und Reparaturkosten ausfallen, wie viele Geräte täglich benötigt würden, wer sie ausgibt, auflädt, reinigt und wartet und ob Touristen diese Technik überhaupt akzeptieren.
Genau diese entscheidenden praktischen Fragen beantwortet ein medienwirksamer Auftritt mit einigen Exoskeletten nicht.
PETA bietet nach eigenen Angaben zwar an, die Anschaffung erster Geräte finanziell zu unterstützen. Dieses Angebot ist jedoch an eine zentrale Bedingung gekoppelt: Die Esel- und Maultierritte sollen beendet werden.
Damit handelt es sich eben nicht um ein ergebnisoffenes Hilfsangebot nach dem Motto: „Wir stellen euch die Technik zur Verfügung und schauen gemeinsam, ob sie funktioniert.“ Stattdessen lautet die Botschaft sinngemäß: Beendet zunächst die Tiernutzung, dann unterstützen wir die Alternative.
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Wer eine Alternative fordert, sollte auch die Rechnung präsentieren
PETA kann leicht erklären, eine technische Lösung liege bereits auf dem Tisch. Die wirtschaftlichen Konsequenzen tragen jedoch zunächst andere.
Die Organisation müsste deshalb transparent darlegen, was ein solcher vollständiger Systemwechsel tatsächlich kosten würde. Wie viele Exoskelette wären für die täglich ankommenden Touristen notwendig? Wie lange halten die Akkus? Wie hoch sind Anschaffungs-, Personal-, Wartungs- und Versicherungskosten? Funktionieren die Geräte bei Hitze, hoher touristischer Auslastung und auf den unebenen Stufen dauerhaft zuverlässig?
Und vor allem: Wer bezahlt das Ganze langfristig?
Die Eseltreiber selbst dürften kaum in der Lage sein, ohne Weiteres Hunderte solcher Geräte anzuschaffen und anschließend dauerhaft zu betreiben. Genau diese wirtschaftliche Realität kommt in der PETA-Kommunikation kaum vor.
Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, ist das Exoskelett zunächst vor allem ein hervorragend geeignetes Symbol für eine Kampagne. Man stellt futuristische Technik neben einen Esel und erzeugt damit die gewünschte Botschaft: Hier angeblich veraltete Tiernutzung, dort vermeintlich moderne Technik.
Ob daraus tatsächlich ein funktionierendes touristisches Transportsystem wird, ist eine völlig andere Frage.
Streit um die Tiertransporte auf Santorini
Im Mittelpunkt des Konflikts steht eine touristische Praxis an der rund 500 Stufen umfassenden Verbindung vom Hafen von Firá zur Altstadt. Esel und Maultiere werden dort für den Transport von Besuchern eingesetzt. PETA berichtet seit Jahren über Tiere mit Abschürfungen, Wunden und unpassendem Zaumzeug sowie über fehlenden Zugang zu Wasser und Schatten. Die Organisation verweist dabei auf eigenes Bild- und Augenzeugenmaterial, das seit 2018 veröffentlicht worden sei.
Die Kritik ist nicht neu. PETA und die griechische Organisation Ippothesis – Panhellenic Equine Welfare Society erstatteten nach eigenen Angaben 2023 Anzeige gegen Tierhalter, Treiber und lokale Behörden. Das Verfahren sei inzwischen weitgehend eingestellt worden; gegen einen Tierhalter sei ein Strafverfahren eingeleitet worden. Eine vollständige behördliche Bestätigung der von PETA erhobenen Vorwürfe ist damit jedoch nicht verbunden.
Auch hier zeigt sich ein entscheidender Unterschied zwischen Kampagne und tatsächlicher juristischer Bewertung. PETA kann Missstände öffentlich anprangern und entsprechende Vorwürfe formulieren. Ob diese im Einzelfall tatsächlich nachweisbar sind, entscheiden jedoch nicht Aktivisten und Pressemitteilungen, sondern die zuständigen Behörden und Gerichte.
PETAs eigentliches Ziel ist nicht nur besserer Tierschutz
Bei der grundsätzlichen Debatte sollte deshalb genau hingesehen werden. PETA fordert nicht lediglich bessere Kontrollen, mehr Wasserstellen, geeignetere Ausrüstung oder strengere Haltungsstandards. Die Organisation will die touristische Nutzung der Esel und Maultiere grundsätzlich beenden und die verbliebenen Tiere möglichst in Auffangstationen unterbringen.
Damit gibt es für die betroffenen Halter und Treiber aus Sicht PETAs langfristig keinen Platz mehr in diesem touristischen Modell.
Genau das unterscheidet eine klassische Tierrechtskampagne von reinem Tierschutz. Beim Tierschutz wäre die zentrale Frage, unter welchen Bedingungen Tiere vertretbar eingesetzt werden können. PETA stellt dagegen grundsätzlich infrage, dass Menschen Tiere für solche Zwecke überhaupt nutzen.
Wer also den Eindruck vermittelt, es gehe lediglich darum, ein paar Haltungsbedingungen zu verbessern, greift zu kurz.
Die betroffenen Eseltreiber sehen sich nicht nur mit Kritik konfrontiert. Sie erleben eine internationale Organisation, die offen auf das Ende ihrer bisherigen Tätigkeit hinarbeitet. Das schafft zwangsläufig Konfliktpotenzial.
Auch das rechtfertigt keine Gewalt. Aber es gehört zur vollständigen Einordnung des Geschehens.
Technische Alternative oder PR-Kulisse?
Als Alternative verweist PETA weiterhin auf Exoskelette, die Besuchern den Aufstieg erleichtern könnten. Die Organisation bot dem Bürgermeister und dem Präsidenten der Hafenbehörde der Gemeinde von Firá an, die Anschaffung erster Geräte finanziell zu unterstützen, falls die Eselritte beendet werden.
Ein vergleichbares Pilotprojekt am chinesischen Berg Tai zeigte bereits, dass solche Geräte Touristen bei langen Aufstiegen unterstützen können. Daraus folgt jedoch noch lange nicht automatisch, dass das System auch auf Santorini wirtschaftlich, sicher und dauerhaft funktionieren würde.
Gerade deshalb wäre ein ernsthafter Praxistest interessant.
PETA hätte die Möglichkeit, mehrere Geräte anzuschaffen, sie den Verantwortlichen kostenlos zur Verfügung zu stellen und anschließend belastbare Daten vorzulegen. Wie viele Menschen nutzen sie? Wie oft fallen sie aus? Welche Kosten entstehen? Wie hoch ist der Personalbedarf? Können auch ältere Touristen die Technik problemlos verwenden?
Ein solcher Test könnte tatsächlich zeigen, ob Exoskelette eine realistische Ergänzung oder sogar Alternative darstellen.
Stattdessen steht das Angebot unter der Voraussetzung, dass die Tiertransporte beendet werden.
Damit wirkt das Projekt weniger wie ein gemeinsames Suchen nach einer Lösung und deutlich stärker wie ein politisches Druckmittel.
Gewalt bleibt falsch – PETA darf trotzdem kritisiert werden
Der entscheidende Punkt darf bei aller Kritik nicht verloren gehen: Niemand erhält das Recht, einen anderen Menschen zu schlagen, weil ihm dessen politische Forderungen nicht gefallen. Sollte sich der geschilderte Angriff bestätigen, müssen die Verantwortlichen dafür geradestehen.
Genauso falsch wäre es allerdings, die Geschichte ausschließlich als Erzählung von friedlichen Aktivistinnen auf der einen und grundlos aggressiven Eseltreibern auf der anderen Seite zu präsentieren.
PETA führt auf Santorini seit Jahren eine Kampagne mit einem klaren Ziel. Die touristische Nutzung der Esel soll verschwinden. Anzeigen, internationale Öffentlichkeit, Protestaktionen und nun die medienwirksame Präsentation von Exoskeletten gehören zu dieser Strategie.
Die Aktivistinnen kamen deshalb nicht lediglich nach Santorini, um freundlich über bessere Haltungsbedingungen zu diskutieren. Sie vertraten eine Organisation, die offen auf das Ende eines traditionellen Geschäftsmodells hinarbeitet.
Wer Menschen vermittelt, ihre bisherige Tätigkeit müsse vollständig beendet werden, kann nicht gleichzeitig so tun, als würde man lediglich unverbindlich über besseren Tierschutz sprechen.
Santorini braucht Lösungen statt PR-Schlachten
Dass bei arbeitenden Eseln und Maultieren vernünftige Tierschutzstandards eingehalten werden müssen, steht außer Frage. Wunden, ungeeignete Ausrüstung, Überlastung oder mangelnder Zugang zu Wasser und Schatten wären nicht akzeptabel und müssen kontrolliert sowie gegebenenfalls sanktioniert werden.
Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass jede Nutzung der Tiere verboten werden muss.
Ebenso wenig reicht es aus, ein Exoskelett vor laufenden Kameras vorzuführen und damit zu suggerieren, das Problem sei technisch bereits gelöst.
Wenn PETA zeigen möchte, dass ihre Alternative tatsächlich funktioniert, könnte die Organisation genau das beweisen: Geräte kaufen, sie kostenlos bereitstellen, einen groß angelegten Test finanzieren und offenlegen, was das System tatsächlich kostet.
Das wäre konkrete Hilfe.
Eine Alternative lediglich zu präsentieren und gleichzeitig die Abschaffung der bisherigen Tätigkeit zur Voraussetzung für Unterstützung zu machen, ist dagegen vor allem eines: Kampagnenpolitik.
Der Vorfall auf Santorini sollte deshalb in zwei getrennten Fragen betrachtet werden. Erstens muss geklärt werden, ob und von wem die Aktivistinnen angegriffen wurden. Zweitens darf man trotzdem fragen, welchen Anteil PETAs bewusst konfrontative Strategie daran hat, dass aus einer Diskussion über Tierschutz zunehmend ein gesellschaftlicher Konflikt zwischen Aktivisten und Menschen entsteht, deren Existenzgrundlage abgeschafft werden soll.
Quellen
- 20min.ch – PETA-Aktivistinnen auf Santorini angegriffen – Eseltreiber schlägt Frau ins Gesicht
https://www.20min.ch/video/griechenland-ins-gesicht-geschlagen-eseltreiber-greifen-aktivistinnen-an-103628114 - greekreporter.com – PETA Activists Attacked on Santorini During Protest Over Donkey Rides
https://greekreporter.com/2026/09/05/santorini-donkey-rides-activists-attacked - peta.de – Tierleid auf Santorini: Eselreiten für Touristen ist Tierquälerei
https://www.peta.de/themen/santorini - kretatipp.de – Tierrechtsprotest auf Santorin eskaliert, als Eseltreiber PETA-Aktivisten angreift
https://www.kretatipp.de/tierrechtsprotest-auf-santorin-eskaliert-als-eseltreiber-peta-aktivisten-angreift