Videos mit Giftschlangen, Löwenbabys oder exotischen Reptilien erzielen auf TikTok, Instagram und YouTube Millionenreichweiten. Was online niedlich oder spektakulär wirkt, kann nach Einschätzung des IFAW die Nachfrage nach Wildtieren als Haustiere verstärken. Die Organisation warnt deshalb vor einer digitalen Vermarktung, bei der die aufwendige Haltung und mögliche Probleme bei Herkunft, Transport und Unterbringung der Tiere häufig unsichtbar bleiben.
Zwischen Niedlichkeitsfaktor und realer Haltung
Andreas Dinkelmeyer, Kampagnenleiter des IFAW in Deutschland, beobachtet einen Trend zu Aufnahmen mit Servalen, gefährlichen Schlangen oder anderen Wildtieren. Solche Beiträge könnten den Eindruck vermitteln, die private Haltung sei unkompliziert und gesellschaftlich akzeptiert. Tatsächlich benötigen viele Arten besondere Klima-, Platz- und Ernährungsbedingungen, die in Privathaushalten nur mit erheblichem Aufwand dauerhaft erfüllt werden können. Hinzu kommt, dass manche Reptilien mehrere Jahrzehnte leben und Halter damit eine langfristige Verantwortung übernehmen.
Die Kritik richtet sich dabei nicht gegen jedes einzelne Tierfoto, sondern gegen die mögliche Wirkung einer massenhaften Inszenierung exotischer Tiere. Nach Darstellung des IFAW nutzen auch kriminelle Händler die Reichweite sozialer Netzwerke, um Interesse an seltenen Arten zu erzeugen. Die Kampagne „Liked to death“ soll darauf aufmerksam machen, dass Likes, Kommentare und geteilte Beiträge die Sichtbarkeit solcher Inhalte zusätzlich erhöhen können. Wer entsprechende Inhalte nicht weiterverbreitet, trägt zumindest nicht zusätzlich zu ihrer Reichweite bei.
Auch der Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht vom Hamburger Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels ordnet den Wildtierhandel als globales Milliardengeschäft ein. Millionen Tiere würden jährlich für den Handel gefangen oder in Gefangenschaft gezüchtet. Nach Angaben des IFAW überlebten viele Tiere Fang oder Transport nicht, während andere dauerhaft unter ungeeigneten Bedingungen gehalten würden. Besonders bei Wildfängen können sich die Folgen nicht nur auf einzelne Tiere, sondern auch auf Populationen und Ökosysteme auswirken.
Ein direkter Nachweis, dass virale Videos automatisch zu mehr illegalem Wildtierhandel führen, lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Die vom IFAW beschriebene Entwicklung legt vielmehr einen möglichen Zusammenhang zwischen digitaler Aufmerksamkeit, wachsendem Interesse an exotischen Arten und einer entsprechenden Nachfrage nahe. Wie stark dieser Effekt tatsächlich ist, dürfte von Plattform, Tierart, Zielgruppe und konkreter Vermarktung abhängen.
Deutschland als Umschlagplatz – Beschlagnahmungen steigen
Deutschland spielt im europäischen Wildtierhandel eine wichtige Rolle. Als zentrale Verkehrsknotenpunkte nennt der Bericht den Flughafen Frankfurt und den Hamburger Hafen. Besonders häufig geht es demnach um Reptilien, darunter Schildkröten, Geckos und Schlangen. Bei geschützten Arten gelten zusätzlich internationale Artenschutzregeln, deren Einhaltung der Zoll bei Ein- und Ausfuhren kontrolliert.
Die vom Zoll gemeldeten Zahlen verdeutlichen die Dimension der Kontrollen: Im vergangenen Jahr wurden mehr als 56.600 artengeschützte Tiere, Pflanzen oder daraus hergestellte Waren beschlagnahmt. Dem standen rund 30.200 beschlagnahmte Exemplare und Produkte im Jahr zuvor gegenüber. Die Zahlen zeigen zunächst vor allem mehr Aufgriffe; sie erlauben für sich genommen jedoch keinen direkten Rückschluss darauf, wie stark der tatsächliche illegale Handel insgesamt gewachsen ist. Für Reisende und Käufer bleibt deshalb entscheidend, Herkunfts- und Einfuhrnachweise vor dem Erwerb zu prüfen.
Die Auswirkungen des Handels können für einzelne Arten erheblich sein. Der IFAW verweist etwa auf Kongo-Graupapageien, deren Wildpopulation in den vergangenen 50 Jahren teilweise um rund 90 Prozent zurückgegangen sein soll. Beim Fang von Jungtieren würden nach Angaben der Organisation mitunter auch erwachsene Schimpansen getötet. Diese Beispiele stammen aus der Bewertung des IFAW und verdeutlichen die von der Organisation beschriebenen Risiken des internationalen Wildtierhandels.
Forderung nach Positivliste für die Privathaltung
Um problematische Haltung und den Handel mit Wildfängen einzudämmen, fordern Tierschutzorganisationen strengere Kontrollen und eine sogenannte Positivliste. Eine solche Regelung würde festlegen, welche Tierarten grundsätzlich für Handel und private Haltung zugelassen sind. Befürworter sehen darin die Möglichkeit, den Verkauf besonders anspruchsvoller oder gefährlicher Arten bereits im Vorfeld zu begrenzen, statt erst nach einer Beschlagnahmung oder einem konkreten Haltungsproblem einzugreifen.
Eine Positivliste ist jedoch nicht unumstritten. Kritiker solcher Regelungen weisen darauf hin, dass die Eignung einer Tierart für die private Haltung nicht allein von ihrer Artzugehörigkeit abhängt, sondern auch von Fachwissen, Ausstattung und den konkreten Haltungsbedingungen. Zudem besteht die Frage, nach welchen wissenschaftlichen Kriterien Arten zugelassen oder ausgeschlossen werden und ob bestehende Tier-, Arten- und Gefahrtierrechtsvorschriften nicht gezielter durchgesetzt werden könnten. Damit geht es in der politischen Debatte nicht nur um die Frage, welche Arten gehalten werden dürfen, sondern auch darum, welches Regulierungsmodell tatsächlich wirksam und verhältnismäßig ist.
Die Diskussion zeigt zugleich, warum Social-Media-Inhalte und der reale Tiermarkt nicht vollständig getrennt voneinander betrachtet werden können. Plattformen machen exotische Tiere innerhalb kürzester Zeit einem Millionenpublikum sichtbar, während Herkunft, Transport und tatsächliche Haltungsanforderungen in kurzen Videos häufig kaum eine Rolle spielen. Ob daraus unmittelbar ein Kauf entsteht, lässt sich im Einzelfall nicht bestimmen. Aufmerksamkeit kann jedoch Interesse erzeugen und damit zumindest einen Faktor darstellen, der Nachfrage beeinflusst.
Hintergrund zur Problematik illegaler Einfuhren bietet auch der GERATI-Beitrag „Illegale Importe von Reptilien in Deutschland“. Die Diskussion über Petfluencer und Tierquälerei in sozialen Medien macht zudem deutlich, warum die mediale Darstellung von Tieren nicht vollständig von der Verantwortung für deren Haltung getrennt werden kann.
Die IFAW-Kampagne „Liked to death“ richtet sich daher sowohl an Plattformen und Anbieter als auch an das Verhalten des Publikums. Wer problematische Beiträge nicht liked, kommentiert oder teilt, erhöht zumindest nicht zusätzlich deren Reichweite. Gleichzeitig kann individuelles Nutzerverhalten staatliche Kontrollen, die Durchsetzung bestehender Artenschutzbestimmungen oder eine politische Diskussion über geeignete Regeln für Handel und Haltung nicht ersetzen.
Quellen
- rp-online.de – Illegales Milliardengeschäft: Social Media heizt Handel mit Wildtieren an – https://rp-online.de/digitales/internet/illegaler-wildtierhandel-milliardenmarkt-nutzt-social-media_aid-154185055
- ifaw.org – Liked to death: Soziale Medien und der illegale Wildtierhandel – https://www.ifaw.org/de/press-releases/lied-to-death-soziale-medien-wildtierhandel-presse
- volksfreund.de – IFAW Deutschland: Tödliche Klicks – Soziale Medien befeuern illegalen Wildtierhandel – https://www.volksfreund.de/pr/presseportal/toedliche-klicks-soziale-medien-befeuern-illegalen-wildtierhandel_aid-147512707
