Prominente Unterstützung für eine bekannte PETA-Forderung
Der Musiker Thomas D hat sich in einem Schreiben an den Memminger Oberbürgermeister Jan Rothenbacher und den Fischertagsverein gewandt. Darin fordert er eine „tierfreundliche Umgestaltung“ des traditionsreichen Memminger Fischertags. Begleitet wurde der Vorstoß von einer Pressemitteilung der Tierrechtsorganisation PETA Deutschland, die das traditionelle Abfischen der Forellen grundsätzlich ablehnt.
PETA bezeichnet die Veranstaltung als vermeidbares Tierleid und ordnet sie in den von der Organisation verwendeten Begriff des „Speziesismus“ ein. Dieser Begriff stammt aus der Tierrechtsideologie und setzt die unterschiedliche Behandlung von Menschen und Tieren mit gesellschaftlichen Diskriminierungsformen in Beziehung. Eine solche weltanschauliche Bewertung ist jedoch nicht mit einer behördlichen oder juristischen Feststellung gleichzusetzen.
Bislang ist nicht öffentlich dokumentiert, dass die zuständigen Behörden dem Memminger Fischertag systematische oder schwerwiegende Verstöße gegen das Tierschutzrecht vorwerfen. Auch gerichtliche Entscheidungen, die eine Rechtswidrigkeit der Veranstaltung feststellen, sind in der bekannten Berichterstattung nicht genannt.
Ein jahrhundertealter Brauch als Ziel einer Kampagne
Der Memminger Fischertag gehört zu den bekanntesten historischen Veranstaltungen der Stadt. Sein Ursprung liegt in der früher notwendigen Reinigung des Stadtbachs, bei der die darin befindlichen Fische abgefischt wurden. Aus diesem praktischen Vorgang entwickelte sich über die Jahrhunderte ein Volksfest, das heute zahlreiche Besucher anzieht und für viele Bürger einen wichtigen Bestandteil der lokalen Identität darstellt.
Beim traditionellen Ausfischen steigen die Teilnehmer in den Stadtbach und versuchen, innerhalb der vorgegebenen Zeit eine besonders schwere Forelle zu fangen. Der erfolgreiche Teilnehmer wird anschließend zum Fischerkönig gekrönt. Die Veranstaltung ist damit nicht lediglich ein beliebiger Wettbewerb, sondern Teil einer über Generationen gewachsenen städtischen Tradition.
Gerade diese öffentliche Aufmerksamkeit macht den Fischertag für PETA als Kampagnenziel interessant. Die Organisation verbindet ihre Forderung nicht nur mit einer Kritik einzelner Abläufe, sondern stellt die Verwendung lebender Fische grundsätzlich infrage. Damit richtet sich die Kampagne letztlich gegen einen wesentlichen Kern des Brauchs und nicht lediglich gegen mögliche organisatorische Mängel.
Was PETA und Thomas D konkret behaupten
PETA verweist auf wissenschaftliche Untersuchungen zum Nervensystem und zum Verhalten von Fischen. Daraus leitet die Organisation ab, dass Forellen Schmerzen und erheblichen Stress empfinden könnten. Thomas D greift diese Argumentation auf und erklärt, Traditionen müssten überprüft werden, wenn sie nach heutigen Erkenntnissen mit Tierleid verbunden seien.
Dass Fische auf schädliche Reize reagieren, Stressmarker zeigen und über sogenannte Nozizeptoren verfügen, wird wissenschaftlich nicht grundsätzlich bestritten. Schwieriger ist jedoch die weitergehende Frage, ob diese Reaktionen mit dem subjektiven menschlichen Schmerzempfinden gleichgesetzt werden können. Die wissenschaftliche Diskussion ist komplexer, als es die vereinfachte Darstellung einer politischen Kampagne vermuten lässt.
Vor allem lässt sich aus allgemeinen Studien zur Empfindungsfähigkeit von Fischen nicht automatisch ableiten, dass beim Memminger Fischertag konkrete Verstöße stattfinden. Dafür wären nachvollziehbare Feststellungen über den tatsächlichen Umgang mit den Tieren, die Dauer des Fangs, die Aufbewahrung, die Betäubung, die Tötung oder einen möglichen Weitertransport erforderlich.
Allgemeine Forschung ersetzt keine Prüfung des Einzelfalls
Die zentrale Schwäche der PETA-Kampagne liegt in der Vermischung unterschiedlicher Ebenen. Allgemeine Forschungsergebnisse über Stress- und Schmerzreaktionen bei Fischen werden unmittelbar mit der konkreten Veranstaltung verbunden. Daraus entsteht der Eindruck, der Fischertag sei bereits allein aufgrund seiner Existenz tierschutzwidrig.
Eine solche Schlussfolgerung ist rechtlich nicht haltbar. Das deutsche Tierschutzrecht verbietet es, einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen. Ob dieser Tatbestand erfüllt ist, muss jedoch anhand konkreter Abläufe und tatsächlicher Feststellungen geprüft werden. Eine Pressemitteilung einer Tierrechtsorganisation kann diese Prüfung weder ersetzen noch vorwegnehmen.
Entscheidend wäre daher, welche Auflagen für die Veranstaltung gelten, wie die zuständigen Behörden den Ablauf beurteilen und ob bei früheren Kontrollen konkrete Beanstandungen festgestellt wurden. Solange hierzu keine belastbaren amtlichen Feststellungen vorliegen, sollte nicht der Eindruck erweckt werden, eine Rechtsverletzung sei bereits bewiesen.
Keine öffentliche Feststellung systematischer Verstöße
In der bislang bekannten Berichterstattung werden weder behördliche Untersagungen noch gerichtliche Entscheidungen gegen den Memminger Fischertag genannt. Ebenso fehlen konkrete veterinärmedizinische Befunde, dokumentierte Verletzungen oder amtlich bestätigte Missstände, die den weitreichenden Vorwurf eines systematischen Tierleids im Einzelfall belegen würden.
Das bedeutet nicht, dass Abläufe bei einer solchen Veranstaltung keiner Kontrolle bedürfen. Selbstverständlich müssen Fang, Umgang, Aufbewahrung und gegebenenfalls Tötung der Tiere den gesetzlichen Vorgaben entsprechen. Wo konkrete Defizite festgestellt werden, müssen sie behoben werden. Das unterscheidet sachlichen Tierschutz jedoch von einer ideologisch begründeten Forderung nach vollständiger Abschaffung des traditionellen Fischfangs.
Auch eine fehlende ausführliche öffentliche Stellungnahme der Stadt oder des Vereins ist für sich genommen kein Hinweis auf ein Fehlverhalten. Behörden und Veranstalter sind nicht verpflichtet, jede Kampagne einer privaten Organisation sofort mit einer umfassenden öffentlichen Rechtfertigung zu beantworten. Entscheidend ist, ob die zuständigen Stellen ihren gesetzlichen Kontrollaufgaben nachkommen.
Reformvorschläge oder Abschaffung durch die Hintertür?
PETA schlägt vor, den Wettbewerb durch symbolische Aktionen ohne lebende Fische, ökologische Projekte im Stadtbach und vegane Angebote zu ersetzen. Diese Vorschläge werden als bloße „Umgestaltung“ dargestellt. Tatsächlich würden sie jedoch den prägenden Inhalt des Fischertags vollständig verändern.
Ein Wettbewerb ohne Fische wäre kein reformierter Fischertag, sondern eine neue Veranstaltung unter altem Namen. Der historische Zusammenhang zwischen Stadtbach, Fischfang und Fischerkönig würde weitgehend verschwinden. Ob die Bürger Memmingens eine solche Umdeutung ihrer Tradition wünschen, kann nicht von PETA oder einem prominenten Unterstützer entschieden werden.
Auch vegane Angebote können eine gastronomische Ergänzung darstellen. Sie begründen jedoch keinen Anspruch darauf, traditionelle Speisen oder den eigentlichen Charakter des Festes zu verdrängen. Vielfalt bedeutet, unterschiedliche Angebote zu ermöglichen, nicht eine bestimmte Ernährungs- oder Weltanschauung zum verbindlichen Maßstab für alle Besucher zu erklären.
Prominenz ersetzt keine belastbaren Belege
Die Beteiligung von Thomas D erhöht die mediale Reichweite der Kampagne. Sie verändert jedoch nicht die Beweislage. Prominente Unterstützung ist weder ein veterinärmedizinischer Befund noch eine behördliche Bewertung und auch kein Nachweis eines Rechtsverstoßes.
PETA setzt regelmäßig auf bekannte Persönlichkeiten, öffentlichkeitswirksame Appelle, Petitionen und zugespitzte Pressemitteilungen. Diese Vorgehensweise ist legitime Öffentlichkeitsarbeit, muss journalistisch jedoch als Kampagnenkommunikation eingeordnet werden. Die Aussagen einer beteiligten Organisation dürfen nicht wie neutrale Feststellungen behandelt werden.
Offen bleibt außerdem, welche eigenen Erkenntnisse Thomas D über den konkreten Ablauf des Memminger Fischertags besitzt. Aus der öffentlich bekannten Darstellung geht nicht hervor, ob er die Veranstaltung persönlich beobachtet, mit den zuständigen Behörden gesprochen oder konkrete Kontrollberichte ausgewertet hat. Sein Schreiben erscheint daher vor allem als moralische Unterstützung der PETA-Position.
GERATI-Analyse: Tierschutz prüfen, Kampagnenbehauptungen nicht übernehmen
Eine sachliche Bewertung muss zwischen drei Ebenen unterscheiden: der wissenschaftlichen Diskussion über die Empfindungsfähigkeit von Fischen, den konkreten Abläufen beim Memminger Fischertag und den grundsätzlichen politischen Zielen von PETA. Diese Ebenen werden in der Kampagne miteinander verbunden, obwohl sie unterschiedliche Belege erfordern.
Wissenschaftliche Erkenntnisse können Anlass sein, bestehende Regeln und Abläufe regelmäßig zu überprüfen. Sie beweisen jedoch nicht, dass eine bestimmte Veranstaltung gegen das Tierschutzgesetz verstößt. Dafür braucht es konkrete Tatsachen, behördliche Kontrollen und gegebenenfalls gerichtliche Entscheidungen.
PETA verfolgt darüber hinaus keine bloße Optimierung des praktischen Tierschutzes. Die Organisation lehnt die Nutzung von Tieren grundsätzlich ab. Ihre Forderung nach einem Fischertag ohne Fische ist deshalb konsequent aus Sicht ihrer eigenen Ideologie, darf aber nicht als einzig denkbare oder wissenschaftlich zwingende Lösung dargestellt werden.
Welche Fragen tatsächlich beantwortet werden sollten
Für eine fundierte Beurteilung wäre zunächst zu klären, welche konkreten Regeln beim Fischertag für Fang, Aufbewahrung und Umgang mit den Forellen gelten. Ebenso relevant ist, ob Veterinärbehörden die Veranstaltung kontrollieren, ob es in den vergangenen Jahren Beanstandungen gab und welche Maßnahmen gegebenenfalls angeordnet wurden.
Von Bedeutung wäre außerdem, ob die gefangenen Forellen fachgerecht betäubt und getötet, weiterverwendet oder anderweitig behandelt werden. Dabei sollten jedoch nicht bloße Mutmaßungen oder Kampagnenaussagen zugrunde gelegt werden, sondern überprüfbare Angaben des Veranstalters und der zuständigen Behörden.
Erst auf dieser Grundlage lässt sich beurteilen, ob einzelne Abläufe verbessert werden müssen. Eine solche Prüfung wäre konkreter und sachlicher als die pauschale Forderung, den Fischertag seines traditionellen Inhalts zu entkleiden.
Fazit
Der Vorstoß von Thomas D und PETA ist zunächst eine öffentlichkeitswirksame politische Forderung. Er ist weder eine behördliche Beanstandung noch ein Beweis dafür, dass der Memminger Fischertag gegen geltendes Tierschutzrecht verstößt. Die von PETA herangezogenen allgemeinen Erkenntnisse über Fische können eine sorgfältige Kontrolle konkreter Abläufe begründen, ersetzen diese Kontrolle aber nicht.
Sollten Behörden tatsächliche Mängel feststellen, müssen diese behoben werden. Solange solche Feststellungen fehlen, ist es jedoch unseriös, aus einer ideologischen Kampagne den Eindruck eines bereits nachgewiesenen Tierschutzskandals abzuleiten.
Der Memminger Fischertag darf und sollte kritisch überprüft werden. Die Entscheidung über seine Zukunft sollte jedoch auf Fakten, gesetzlichen Maßstäben und den Interessen der örtlichen Bevölkerung beruhen – nicht allein auf dem öffentlichen Druck einer Tierrechtsorganisation und der Reichweite eines prominenten Unterstützers.
Quellen:
Fischertag in Memmingen: Thomas D ruft gemeinsam mit PETA zur tierfreundlichen … – https://presseportal.peta.de/fischertag-in-memmingen-thomas-d-ruft-gemeinsam-mit-peta-zur-tierfreundlichen-umgestaltung-des-festes-auf/ https://www.peta.de/aktiv/fischertag-memmingen/ – Peta kündigt in Memmingen anlässlich des Fischertags Demonstration an – https://gerati.de/2021/07/23/peta-kuendigt-in-memmingen-anlaesslich-des-fischertags-demonstration-an/ https://presseportal.peta.de/termineinladung-peta-streetteam-protestiert-am-fischertag-in-memmingen-gegen-tierqualtradition/ https://presseportal.peta.de/termineinladung-peta-streetteam-protestiert-vor-dem-fischertag-in-memmingen-gegen-tierqualtradition/ https://www.lfvbw.de/images/beitraege/Projekte/Tagungsband_Heft_2.pdf https://www.memmingen.de/fileadmin/Allgemeine_Dateiverwaltung/Bereich_Amt03_Buero-OB/Jahresberichte/Jahresbericht_2014.pdf
