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Fakten statt Polemik. Aufklärung über radikalen Tierschutz.

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Schweinehaltung in Deutschland: Dirk Hesse rechnet mit Tierwohl-Haltungsstufen ab

Schweinehaltung in Deutschland: Gesunde Schweine in einem modernen Stall mit Darstellung der fünf Tierwohl-Haltungsstufen.

Mehr Platz, mehr Auslauf und höhere Haltungsstufen gelten in der öffentlichen Diskussion als Fortschritt für das Tierwohl. Doch Dr. Dirk Hesse von der Initiative Schweinehaltung Deutschland (ISD) widerspricht dieser Vorstellung entschieden. In einem am 9. Oktober 2026 veröffentlichten Interview bei Trude Kuh erklärt der langjährige Wissenschaftler, warum aus seiner Sicht gerade die konventionelle Schweinehaltung besonders gute Voraussetzungen für gesunde Tiere bietet. Seine Kritik richtet sich gegen die Tierhaltungskennzeichnung, politische Fehlentwicklungen und die Falschdarstellungen von Tierrechtlern. Statt Schweinehaltung nach menschlichen Vorstellungen zu bewerten, fordert Hesse eine konsequente Orientierung an den tatsächlichen Bedürfnissen der Tiere.

Haltungsstufe 1: Aus Sicht der Schweine die beste Wahl

Bereits zu Beginn des Interviews stellt Hesse die verbreitete Bewertung der fünf Haltungsstufen grundsätzlich infrage. Verbraucher verbinden höhere Stufen häufig mit glücklicheren Tieren, mehr Platz und einer natürlicheren Umgebung. Nach seiner Auffassung entsteht diese Vorstellung jedoch aus einer menschlichen Betrachtungsweise, die nicht mit den tatsächlichen Bedürfnissen der Schweine übereinstimmt. Hesse verweist auf 14 Jahre Forschung an der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig und die dort entwickelten wissenschaftlichen Wahlversuche. Diese Forschungsarbeiten hätten ihm gezeigt, dass Schweine ihre Umgebung anders bewerten als Menschen.

Bei Minute 04:12 formuliert er seine zentrale Aussage:

„Je höher die Haltungsstufe, desto schlechter geht es dem Tier aus seiner Sicht.“

Hesse bezeichnet die Haltungsstufe 1 als das aus seiner Sicht beste Angebot für die Tiere. Die dort vorgesehenen Flächen seien keineswegs willkürlich gewählte Mindestgrößen, sondern auf Grundlage von Tierverhalten und Tiergesundheit entwickelt worden. Er selbst sei an der Erarbeitung dieser Flächenvorgaben beteiligt gewesen. Deshalb widerspricht er ausdrücklich der Darstellung, konventionelle Stallhaltung stehe grundsätzlich für schlechte Lebensbedingungen.

Mehr Platz bedeutet nach Hesse nicht automatisch mehr Tierwohl

Ein zentraler Bestandteil seiner Argumentation betrifft die Aufteilung der Stallflächen. Schweine unterscheiden zwischen Bereichen zum Fressen, Trinken, Ruhen und Ausscheiden. Nach Hesses Darstellung wurde die Fläche der konventionellen Haltung so bemessen, dass die Tiere diese Funktionen sauber voneinander trennen können. Eine Vergrößerung der Fläche führe deshalb nicht zwangsläufig zu einem zusätzlichen Nutzen für die Schweine. Stattdessen könne sich vor allem der verschmutzte Bereich einer Bucht ausdehnen.

Ab Minute 07:00 erläutert Hesse die gesundheitlichen Folgen, die er mit dieser Entwicklung verbindet. Eine größere verschmutzte Oberfläche könne die Belastung der Stallluft durch Schadgase erhöhen. Dies wirke sich insbesondere auf die Atemwege der Schweine aus. Er verweist dabei auf höhere Lungenerkrankungsraten, die er der Haltungsstufe 2 gegenüber der Haltungsstufe 1 zuschreibt.

Die übliche Gleichung „mehr Quadratmeter gleich mehr Tierwohl“ hält Hesse deshalb für falsch. Entscheidend sei, wie die Tiere die vorhandene Fläche tatsächlich nutzen und welche gesundheitlichen Ergebnisse das Haltungssystem hervorbringt. Für ihn stehen nicht die möglichst großzügige Gestaltung einer Bucht, sondern deren Funktionalität, Sauberkeit und die Gesundheit der Schweine im Vordergrund. Damit stellt er eines der wichtigsten Argumente der öffentlichen Kampagnen für höhere Haltungsstufen infrage.

Tierhaltungskennzeichnung vermittelt ein falsches Bild

Die Kritik der ISD richtet sich insbesondere gegen die öffentliche Darstellung der Haltungsstufen. Im Lebensmittelhandel werden Schweinefleischprodukte über ein fünfstufiges Kennzeichnungssystem eingeordnet, das von konventioneller Stallhaltung bis zur ökologischen Erzeugung reicht. Auch das staatliche Tierhaltungskennzeichnungsgesetz arbeitet mit fünf Haltungsformen. Für Verbraucher entsteht dadurch eine scheinbar eindeutige Rangfolge, bei der höhere Stufen mit besserem Tierwohl verbunden werden.

Hesse kritisiert, dass diese Einordnung die tatsächliche Tiergesundheit nicht ausreichend berücksichtigt. Während die Haltungsformen bestimmte bauliche und organisatorische Bedingungen beschreiben, sagen sie wenig über Verletzungen, Erkrankungen oder die tägliche Betreuung einzelner Tiere aus. Gerade diese Merkmale seien jedoch entscheidend, wenn die Lebensbedingungen von Schweinen bewertet werden sollen. Eine auf Stallausstattung ausgerichtete Kennzeichnung könne deshalb ein Bild vermitteln, das aus Sicht der Tiere nicht zutreffe.

GERATI hat bereits über die Probleme des Tierhaltungskennzeichnungsgesetzes berichtet. Die Aussagen von Hesse zeigen, dass die Kritik an der staatlich geförderten Einteilung weit über Fragen der Bürokratie und der wirtschaftlichen Belastung hinausgeht. Im Mittelpunkt steht die grundsätzliche Frage, ob die Kennzeichnung überhaupt die richtigen Eigenschaften der Tierhaltung bewertet.

Hesse macht Tierrechtler für Falschdarstellungen verantwortlich

Besonders deutlich wird Hesse bei der Frage, weshalb die konventionelle Schweinehaltung in der öffentlichen Wahrnehmung so negativ dargestellt wird. Er sieht darin nicht nur ein Missverständnis über die Bedürfnisse der Tiere, sondern auch das Ergebnis gezielter Einflussnahme durch Tierrechtler. Diese würden den Begriff Tierwohl verwenden, obwohl ihre eigentliche Zielsetzung über die Verbesserung der Haltungsbedingungen hinausgehe. Für Hesse ist deshalb eine klare Trennung zwischen Tierschutz und Tierrecht notwendig.

Ab Minute 11:39 erläutert er diesen Unterschied. Tierschützer seien Menschen, die erreichen wollten, dass es den Tieren besser gehe. Tierrechtler dagegen lehnten die Nutzung von Tieren durch Menschen grundsätzlich ab. Daraus ergibt sich nach seiner Auffassung eine völlig andere Motivation für die öffentliche Auseinandersetzung über die Nutztierhaltung.

Bei Minute 12:02 bringt er diese Unterscheidung auf den Punkt:

„Das sind nicht Tierschützer, sondern Tierrechtler.“

Damit spricht Hesse ein grundlegendes Problem der öffentlichen Tierwohldebatte an. Wer die Nutzung von Schweinen grundsätzlich beenden möchte, verfolgt andere Ziele als ein Tierhalter, der die Gesundheit seiner Tiere verbessern und gleichzeitig Lebensmittel produzieren will. Werden diese unterschiedlichen Interessen unter dem gemeinsamen Begriff Tierschutz zusammengefasst, verschwimmen die tatsächlichen Zielsetzungen. Gerade diese Vermischung hat GERATI bereits wiederholt im Zusammenhang mit Tierrecht und Tierschutz thematisiert.

Tierhaltungsstufen als Instrument zur Schwächung der heimischen Landwirtschaft

Hesse sieht hinter der Entwicklung der Haltungsstufen auch eine politische Zielsetzung. Im Interview erklärt er ab Minute 06:11, dass Deutschland und die Niederlande zunehmend von Lebensmittelimporten abhängig gemacht werden sollten. Eine Reduzierung der heimischen Tierhaltung lasse sich unter anderem über steigende Anforderungen an die Haltungsbedingungen erreichen. Die dadurch entstehenden Kosten erschwerten die wirtschaftliche Produktion im eigenen Land.

Besonders bemerkenswert ist seine Einschätzung zum Kaufverhalten der Verbraucher. Obwohl höhere Haltungsstufen öffentlich als besonders tierfreundlich dargestellt werden, werde Fleisch aus diesen Stufen vergleichsweise selten gekauft. Für Hesse ist das auch aus Sicht der Tiere positiv, weil er die konventionelle Haltung für die bessere Variante hält. Gleichzeitig verdeutlicht diese Entwicklung den wirtschaftlichen Widerspruch zwischen politischen Forderungen und dem tatsächlichen Kaufverhalten.

Die ISD setzt sich deshalb für den Erhalt der deutschen Schweinehaltung ein. Eine funktionierende heimische Produktion bedeutet nicht nur Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung, sondern auch unmittelbare Einflussmöglichkeiten auf Haltung, Gesundheit und Betreuung der Tiere. Werden landwirtschaftliche Betriebe durch immer höhere Anforderungen verdrängt, verschwindet damit zugleich ein Teil der Lebensmittelproduktion aus Deutschland. Hesse verbindet seine Kritik an den Haltungsstufen daher ausdrücklich mit der Zukunft der gesamten Fleischwirtschaft.

KTBL-Tierschutzindikatoren: Das Tier selbst wird zum Maßstab

Als Alternative zur bisherigen Kennzeichnung verweist Hesse auf die Tierschutzindikatoren des Kuratoriums für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft (KTBL). Diese ermöglichen es, wichtige Merkmale des Wohlbefindens direkt an den Tieren zu erfassen. Dazu gehören beispielsweise die Sauberkeit, Klauengesundheit, Verletzungen, Lahmheiten und weitere Auffälligkeiten. Die Bewertung erfolgt damit nicht ausschließlich anhand der Stallkonstruktion, sondern anhand beobachtbarer Ergebnisse der Tierhaltung.

Besonders ausführlich behandelt Hesse die Verschmutzung der Schweine. Im Interview zeigt er Aufnahmen aus unterschiedlichen Haltungssystemen und macht deutlich, welche Bedeutung er der Sauberkeit beimisst. Er verweist auf die KTBL-Indikatoren und erklärt, dass starke Verschmutzungen ein Zeichen für problematische Haltungsbedingungen sein können. Für ihn ist ein sauberes Schwein ein wesentliches Merkmal einer funktionierenden Haltung.

Der Ansatz der ISD berücksichtigt dadurch auch die Arbeit des Tierhalters. Ein gut gestalteter Stall allein garantiert noch keine sorgfältige Betreuung. Entscheidend ist, ob ein Landwirt die Bedürfnisse seiner Tiere erkennt, auf Veränderungen reagiert und ihre Gesundheit dauerhaft sichert. Genau diese praktische Verantwortung soll nach Hesses Vorstellung künftig stärker in die Bewertung der Schweinehaltung einfließen.

Strohhaltung: Naturnahes Aussehen ersetzt keine Hygiene

Auch die Haltung von Schweinen auf Stroh betrachtet Hesse aus der Perspektive der Tiergesundheit. Im Interview erklärt er, dass er während seiner wissenschaftlichen Tätigkeit selbst ein entsprechendes Haltungsverfahren entwickelt habe. Seine Kritik richtet sich daher nicht grundsätzlich gegen die Verwendung von Einstreu. Vielmehr verweist er auf gesundheitliche Risiken, die entstehen können, wenn Stroh bereits bei der Ernte oder Lagerung mit Pilzen belastet wird.

Nach seiner Darstellung erschweren die klimatischen Bedingungen in vielen deutschen Getreideanbaugebieten eine vollständig pilzfreie Strohgewinnung. Gelangt belastetes Material in den Stall, können daraus gesundheitliche Probleme für die Schweine entstehen. Ein optisch ansprechender Stroheinstand ist deshalb für Hesse noch kein Beweis für eine besonders gute Haltung. Er fordert, die Auswirkungen des Materials auf die Tiere in den Mittelpunkt zu stellen.

Die öffentliche Darstellung von Strohhaltung konzentriert sich dagegen häufig auf Natürlichkeit und Beschäftigungsmöglichkeiten. Diese Eigenschaften können durchaus Vorteile bieten, sind jedoch nur ein Teil der Bewertung. Für die ISD zählt vor allem, ob das gesamte Haltungssystem gesundheitsfördernde Bedingungen schafft. Auch hier gilt nach Hesses Überzeugung, dass das tatsächliche Wohlbefinden der Schweine wichtiger ist als die menschliche Vorstellung von einem schönen Stall.

Ferkelschutzkorb: Für Hesse ein Vorteil für Sau und Ferkel

Eine weitere bemerkenswerte Aussage betrifft den Ferkelschutzkorb. Tierrechtsorganisationen stellen diese Einrichtung häufig als Symbol einer besonders problematischen Schweinehaltung dar. Hesse erläutert dagegen, weshalb er den Ferkelschutzkorb aus der Perspektive der Tiere positiv bewertet. Dabei geht es ihm nicht nur um den Schutz der neugeborenen Ferkel, sondern auch um die körperlichen Bedürfnisse der Muttersau.

Ab Minute 09:36 beschreibt er die Situation einer Sau mit einem Körpergewicht von etwa 250 Kilogramm. Wenn sich ein so schweres Tier ablegen möchte, könne eine seitliche Begrenzung als Unterstützung dienen. Die Sau könne sich daran abstützen und kontrollierter zu Boden bewegen. Hesse bezeichnet den Ferkelschutzkorb deshalb als besonders günstige Abliegehilfe.

Ein weiterer wesentlicher Vorteil liegt nach seiner Darstellung im Schutz der Ferkel. Durch das kontrollierte Ablegen der Sau sinke die Gefahr, dass Jungtiere versehentlich erdrückt werden. Hesse verweist auf die geringen Erdrückungsverluste in entsprechenden Haltungssystemen. Er selbst habe auch eine Freilauf-Abferkelbucht entwickelt, hält jedoch den zeitweiligen Einsatz eines Ferkelschutzkorbes rund um die Geburt weiterhin für sinnvoll.

Damit zeigt er, warum die Bewertung einer Haltungseinrichtung nicht allein anhand ihrer äußeren Erscheinung erfolgen sollte. Eine Vorrichtung, die auf Bildern einschränkend wirkt, kann aus Sicht des Tierhalters und des Wissenschaftlers zugleich wichtige Schutzfunktionen erfüllen. Für Hesse steht deshalb der praktische Nutzen für Sau und Ferkel im Mittelpunkt. Gerade die Vermeidung von Verletzungen und Todesfällen gehört für ihn zu den wesentlichen Aufgaben des Tierschutzes.

Wissenschaftliche Wahlversuche: Schweine bevorzugten den Stall

Besonders aufschlussreich sind Hesses Schilderungen eigener wissenschaftlicher Untersuchungen zum Verhalten von Schweinen. Ab Minute 16:05 beschreibt er Wahlversuche, bei denen die Tiere zwischen einer Mastschweinebucht im Stall und einem vergleichbaren Außenbereich wählen konnten. Während sich das Klima im Stall an die Bedürfnisse der Tiere anpassen ließ, war der Außenbereich den natürlichen Temperaturen ausgesetzt. Die Schweine konnten selbst entscheiden, wo sie sich aufhalten wollten.

Nach Hesses Darstellung verbrachte die große Mehrheit der Tiere während des überwiegenden Jahresverlaufs freiwillig ihre Zeit im Stall. Bereits geringe Temperaturunterschiede hätten ausgereicht, um den Außenbereich weniger attraktiv zu machen. Die Tiere hätten sich deshalb für die klimatisch angenehmere Umgebung entschieden. Für Hesse zeigen diese Ergebnisse, wie wichtig ein kontrollierbares Stallklima für die Schweinehaltung ist.

Zur Veranschaulichung verwendet er einen Vergleich mit menschlicher Kleidung. Wer das gesamte Jahr über nur ein T-Shirt tragen dürfte, wäre bei Hitze, Kälte und wechselnden Wetterbedingungen auf eine geeignete Umgebung angewiesen. Schweine könnten ihre körperliche Isolierung ebenfalls nicht beliebig an wechselnde Temperaturen anpassen. Ein gut geführter Stall ermögliche es dagegen, die klimatischen Bedingungen gezielt auf die Tiere abzustimmen.

Die Schilderung der Wahlversuche gehört zu den stärksten Argumenten des Interviews. Sie macht deutlich, weshalb die Bedürfnisse von Schweinen nicht ohne Weiteres mit menschlichen Vorstellungen von Freiheit und Natur gleichgesetzt werden können. Hesse sieht darin eine wissenschaftliche Grundlage für seine Forderung, die Sichtweise der Tiere stärker zu berücksichtigen. Ein Aufenthalt im Freien sei nicht allein deshalb besser, weil Menschen ihn als natürlicher empfinden.

Wohnwagen statt Partyzelt: Eine ungewöhnliche Aktion am Bundesrat

Wie schwierig es ist, diese Zusammenhänge außerhalb der Landwirtschaft zu vermitteln, verdeutlicht Hesse anhand einer Öffentlichkeitsaktion vom Juli 2022. Damals präsentierte die ISD am Deutschen Bundesrat einen sechs Meter langen Wohnwagen und ein Partyzelt mit Schlafzelten. Die Besucher sollten sich vorstellen, ein ganzes Jahr lang mit derselben Kleidung leben zu müssen. Anschließend mussten sie entscheiden, welche Unterkunft sie unter diesen Bedingungen bevorzugen würden.

Nach Hesses Angaben entschieden sich sämtliche Teilnehmer für den Wohnwagen. Ausschlaggebend war für sie die Möglichkeit, sich dort besser vor wechselnden Witterungsbedingungen zu schützen. Die Aktion sollte den Besuchern verdeutlichen, dass eine geschützte Umgebung für Lebewesen erhebliche Vorteile bieten kann. Damit gelang es der ISD nach seiner Darstellung, eine komplizierte fachliche Frage verständlich zu vermitteln.

Hesse fasst seine Kommunikationsstrategie mit einem einfachen Sprichwort zusammen:

„Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.“

Auf die Schweinehaltung übertragen bedeutet dies, dass nicht menschliche Vorlieben über die Qualität einer Unterkunft entscheiden sollen. Maßgeblich ist, ob die Umgebung den Bedürfnissen der Tiere entspricht. Mit dieser Botschaft möchte die ISD insbesondere Verbraucher erreichen, die selbst keine unmittelbaren Erfahrungen mit moderner Schweinehaltung besitzen.

Tierwohl und wirtschaftliche Leistung gehören zusammen

Im Interview wird auch die Frage angesprochen, ob eine gute Schweinehaltung mit wirtschaftlicher Produktion vereinbar ist. Hesse beantwortet dies mit einem Vergleich zur menschlichen Leistungsfähigkeit. Wer gesund sei und sich wohlfühle, könne bessere Leistungen erbringen als jemand, dem es schlecht gehe. Dieses Prinzip überträgt er auf die landwirtschaftliche Nutztierhaltung.

Nach seiner Auffassung profitieren Tierhalter unmittelbar davon, wenn ihre Schweine gesund sind und unter geeigneten Bedingungen leben. Eine gute Tiergesundheit ist mit einer stabilen Entwicklung der Tiere, geringeren Verlusten und einer wirtschaftlicheren Produktion verbunden. Deshalb sieht er zwischen Tierwohl und der Wirtschaftlichkeit einer sorgfältig geführten Schweinehaltung keinen grundsätzlichen Gegensatz. Vielmehr betrachtet er beide Ziele als eng miteinander verknüpft.

Hesse verbindet diese Überlegung erneut mit seiner Einschätzung der Haltungsstufe 1. Weil er dort die besten Voraussetzungen für die Tiergesundheit sieht, hält er diese Haltungsform zugleich für besonders wirtschaftlich. Das daraus erzeugte Fleisch könne entsprechend günstig angeboten werden. Für Verbraucher bedeute dies nach seiner Argumentation, dass eine preiswerte Fleischproduktion nicht automatisch mit schlechter Tierhaltung gleichgesetzt werden dürfe.

ISD setzt auf die gesamte Wertschöpfungskette Fleisch

Die Initiative Schweinehaltung Deutschland wurde 2020 gegründet. Seitdem hat sie ihren Tätigkeitsbereich nach Hesses Angaben erheblich erweitert. Aus einer Initiative mit Schwerpunkt auf der Schweinehaltung entwickelte sich eine Interessenvertretung für die gesamte Wertschöpfungskette Fleisch. Dazu gehören die Futtermittelproduktion, die landwirtschaftlichen Betriebe, die Fleischverarbeitung und der regionale Einzelhandel.

Besonders wichtig sind Hesse dabei handwerkliche Metzgereien und regionale Wirtschaftsstrukturen. Im Interview verweist er auf ein gemeinsam mit der Metzgerei Oskar Zeeb in Baden-Württemberg entwickeltes Konzept. Dort soll Tierwohl aus Sicht der Tiere praktisch umgesetzt und für die Vermarktung nutzbar gemacht werden. Die ISD will damit zeigen, wie sich wissenschaftliche Erkenntnisse auch außerhalb der politischen Diskussion anwenden lassen.

Der Erhalt regionaler Strukturen spielt für die Zukunft der deutschen Fleischwirtschaft eine entscheidende Rolle. Steigende Anforderungen und wirtschaftlicher Druck treffen nicht nur Schweinehalter, sondern auch nachgelagerte Betriebe. GERATI berichtete bereits über die Auseinandersetzung um Tierwohlverträge bei Edeka. Die ISD betrachtet deshalb die gesamte Wertschöpfungskette als zusammenhängendes System, dessen Zukunft von verlässlichen wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen abhängt.

Antibiotikaverbrauch: Hesse kritisiert die öffentliche Darstellung

Gegen Ende des Interviews spricht Hesse einen weiteren häufig diskutierten Vorwurf gegenüber der Nutztierhaltung an. Dabei geht es um den Einsatz von Antibiotika in landwirtschaftlichen Betrieben. In der öffentlichen Diskussion wird der Medikamenteneinsatz in der Tierhaltung häufig besonders kritisch dargestellt. Hesse hält auch diese Darstellung für einseitig.

Ab Minute 19:44 zieht er einen Vergleich zwischen der Humanmedizin und der Nutztierhaltung. Bezogen auf das Lebendgewicht werde nach seinen Angaben beim Menschen ungefähr das Zweieinhalbfache an Antibiotika eingesetzt. Er verweist im Gespräch auf die Werte 0,24 gegenüber 0,1, ohne die zugrunde liegende Statistik ausführlich darzustellen. Für Hesse verdeutlichen diese Zahlen, dass der Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft anders einzuordnen sei, als es in der Öffentlichkeit häufig geschehe.

Zugleich hebt er den gezielten Einsatz von Medikamenten in der Nutztierhaltung hervor. Nach seiner Darstellung spielen vorherige Untersuchungen und die Auswahl geeigneter Wirkstoffe dabei eine wichtige Rolle. Er stellt diesem Vorgehen den häufigen Einsatz von Breitbandantibiotika in der Humanmedizin gegenüber. Seine Botschaft lautet, dass die moderne Tierhaltung hinsichtlich des verantwortungsvollen Arzneimitteleinsatzes nicht grundsätzlich schlechter dargestellt werden dürfe, als es die tatsächlichen Verhältnisse rechtfertigen.

Schweinehaltungsverordnung aus Sicht der Tiere statt nach politischen Vorstellungen

Auf die Frage nach den Zielen für die kommenden drei bis fünf Jahre formuliert Hesse eine konkrete politische Forderung. Deutschland benötige eine Schweinehaltungsverordnung, die konsequent von den tatsächlichen Bedürfnissen der Tiere ausgehe. Vorhandene wissenschaftliche Erkenntnisse und direkt messbare Tierschutzindikatoren sollten dabei den Maßstab bilden. Die bisherige Konzentration auf Stallformen und bauliche Vorgaben will er durch eine stärkere Ergebnisorientierung ersetzen.

Ab Minute 18:38 verweist er erneut auf die vom KTBL entwickelten Kriterien. Insgesamt gebe es für die unterschiedlichen Bereiche der Schweinehaltung ungefähr 50 direkt messbare Merkmale, die zur Bewertung herangezogen werden könnten. Dazu zählen die Sauberkeit und Klauengesundheit ebenso wie weitere Aspekte der körperlichen Verfassung und des Verhaltens. Diese Merkmale sollen sichtbar machen, wie gut ein Haltungssystem im Alltag tatsächlich funktioniert.

Ein besonderer Vorteil besteht für Hesse darin, dass auch der tägliche Umgang des Menschen mit dem Tier berücksichtigt wird. Gute Tierhaltung hängt schließlich nicht allein von der Technik eines Stalls ab. Die Fähigkeiten und das Verantwortungsbewusstsein des Tierhalters beeinflussen unmittelbar die Gesundheit seiner Tiere. Eine an tatsächlichen Ergebnissen ausgerichtete Verordnung würde deshalb die praktische Tierbetreuung stärker in den Mittelpunkt stellen.

Jeder Mensch soll selbst über seine Ernährung entscheiden

Die ISD setzt sich nicht nur für den Erhalt der Schweinehaltung ein, sondern auch für die Wahlfreiheit der Verbraucher. Hesse erklärt im Interview, dass jeder Mensch selbst entscheiden können müsse, ob und wie viel Fleisch er konsumiert. Über unterschiedliche Ernährungsempfehlungen und den Umfang des Fleischkonsums könne selbstverständlich diskutiert werden. Die grundsätzliche Möglichkeit, Fleisch zu kaufen, dürfe dadurch jedoch nicht infrage gestellt werden.

Im Mittelpunkt steht für die Initiative das Angebot von Fleisch aus einer aus ihrer Sicht guten Tierhaltung. Wer Fleisch essen möchte, soll auch künftig entsprechende Produkte aus heimischer Erzeugung erwerben können. Gleichzeitig akzeptiert Hesse ausdrücklich, dass sich andere Menschen vegetarisch oder vegan ernähren möchten. Entscheidend ist für ihn die individuelle Entscheidung und nicht die Durchsetzung einer bestimmten Ernährungsweise.

Damit grenzt sich die ISD erneut von tierrechtlichen Forderungen nach einer vollständigen Beendigung der Nutztierhaltung ab. Während die Initiative an der Weiterentwicklung bestehender Haltungssysteme arbeitet, verfolgen Teile der Tierrechtsbewegung das Ziel einer Gesellschaft ohne tierische Lebensmittelproduktion. Diese unterschiedlichen Zielsetzungen erklären einen wesentlichen Teil der Auseinandersetzung um die Zukunft der deutschen Landwirtschaft.

„Wer die Welt eines Schweines verstehen will, muss sich zwischen die Schweine legen“

Zum Abschluss des Interviews erinnert sich Hesse an eine Tierschutztagung im Jahr 1989. Dort hörte er einen Satz, der seine persönliche Sicht auf Schweine nachhaltig beeinflusste. Wer die Welt eines Schweines verstehen wolle, müsse sich zwischen die Schweine legen. Hesse nahm diese Aufforderung nach eigenen Angaben wörtlich.

Bereits am folgenden Tag begab er sich in eine Mastschweinebucht und legte sich auf den Boden. Die Tiere reagierten zunächst neugierig auf den ungewöhnlichen Besucher und untersuchten ihn mit ihren Rüsseln. Nach ungefähr einer Stunde hätten sie sich an seine Anwesenheit gewöhnt. Für Hesse war dies eine prägende Erfahrung, die seinen wissenschaftlichen und praktischen Umgang mit den Tieren bis heute beeinflusst.

Seitdem versucht er nach eigenen Angaben regelmäßig, die Umgebung aus der Perspektive der Schweine zu betrachten. Er möchte verstehen, was die Tiere selbst als angenehm empfinden und welche Bedingungen ihnen tatsächlich guttun. Diese Haltung bildet den roten Faden seiner Argumentation. Nicht die menschliche Vorstellung vom glücklichen Schwein soll entscheidend sein, sondern die tatsächliche Welt des Tieres.

Fazit: Tierwohl muss am Schwein gemessen werden

Das Interview mit Dirk Hesse stellt eine der grundlegenden Annahmen der öffentlichen Tierwohldebatte infrage. Höhere Haltungsstufen, zusätzliche Flächen und vermeintlich natürlichere Stallbedingungen werden häufig als unmittelbare Verbesserung für Schweine präsentiert. Hesse zeigt dagegen anhand seiner Forschungserfahrungen und praktischen Beispiele, warum aus seiner Sicht die konventionelle Haltung besonders gute Voraussetzungen für Tiergesundheit und wirtschaftliche Produktion bietet. Seine Forderung nach einer stärkeren Berücksichtigung direkter Tierschutzindikatoren stellt den tatsächlichen Zustand der Tiere in den Mittelpunkt.

Besonders deutlich wird dabei der Unterschied zwischen Tierschutz und Tierrecht. Während es beim praktischen Tierschutz um Gesundheit, Versorgung und Wohlbefinden der Tiere geht, verfolgen Tierrechtler mit der grundsätzlichen Ablehnung der Tiernutzung ein anderes gesellschaftliches Ziel. Hesse sieht in dieser unterschiedlichen Zielsetzung eine wesentliche Ursache für die negativen Darstellungen der deutschen Schweinehaltung. Die ISD will dem mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, praktischer Aufklärung und einer stärkeren Interessenvertretung der Fleischwirtschaft begegnen.

Für GERATI ist vor allem die zentrale Botschaft des Interviews entscheidend: Ein Schwein wird nicht deshalb gesünder, weil seine Haltungsstufe auf einer Verpackung höher ausfällt. Entscheidend sind seine tatsächliche Gesundheit, sein Verhalten und die Qualität seiner Betreuung. Wer Tierwohl glaubwürdig verbessern möchte, muss deshalb die Tiere selbst zum Maßstab machen. Genau dafür setzt sich die Initiative Schweinehaltung Deutschland ein.

Das rund 23-minütige Interview mit Dr. Dirk Hesse wurde am 9. Oktober 2026 bei Trude Kuh veröffentlicht. Nach Mitteilung der ISD soll das Gespräch nur für begrenzte Zeit kostenlos zur Verfügung stehen. Die Initiative wirbt außerdem um finanzielle Unterstützung ihrer Öffentlichkeitsarbeit und der Verbreitung ihrer Positionen.

Zum vollständigen Interview: Dirk Hesse von der Initiative Schweinehaltung Deutschland bei Trude Kuh

Quellen

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