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Fakten statt Polemik. Aufklärung über radikalen Tierschutz.

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Malte Zierden und die haarlose Bärin: Was an der Zoo-Geschichte nicht stimmt

Malte Zierden neben einer Brillenbärin mit starkem Haarausfall – Titelbild zur Recherche über die unbelegte Bären-Geschichte.

Ein haarloser Bär, ein angeblich schlimmer Zoo und eine tote Schwester: Malte Zierden erzählt auf Instagram eine Geschichte, die perfekt in ein emotionales Anti-Zoo-Narrativ passt. Millionen Menschen erreichen solche Videos innerhalb kürzester Zeit, während für die Vorgeschichte des Tieres oft nur wenige Sekunden bleiben. Wer jedoch beginnt, Zierdens Darstellung anhand älterer Quellen zu überprüfen, stößt auf erhebliche Probleme. Einige zentrale Bestandteile seiner Geschichte sind entweder stark verkürzt, nicht belegt oder lassen entscheidenden Kontext weg.

Auf diese Widersprüche machte zunächst Philipp J. Kroiß von zoos.media aufmerksam. Sein Artikel war für GERATI der Ausgangspunkt, die Geschichte selbst anhand älterer Berichte und wissenschaftlicher Veröffentlichungen nachzuvollziehen. Dabei geht es nicht darum, Tierschutz kleinzureden, sondern darum, überprüfbare Tatsachen von emotional erzählten Behauptungen zu trennen. Wer mit Tierschutz Millionen Menschen erreicht, sollte gerade bei dramatischen Geschichten besonders sorgfältig mit Fakten umgehen.

Malte Zierden erzählt die Geschichte einer leidenden Bärin

In einem Instagram-Reel zeigt Malte Zierden eine nahezu haarlose Brillenbärin und verbindet ihren Zustand mit ihrer Vergangenheit in einem Zoo. Seine Erzählung erzeugt ein klares Bild: Das Tier habe unter den Bedingungen dort gelitten, seine Schwester sei bei einem Fluchtversuch aus dem Zoo ums Leben gekommen und die überlebende Bärin trage die sichtbaren Folgen dieser Vergangenheit. Für den Zuschauer entsteht dadurch praktisch automatisch eine Ursache-Wirkungs-Kette zwischen Zoo, Leid, Tod und dem dramatischen körperlichen Zustand des Tieres.

Doch genau diese Erzählung hält einer genaueren Prüfung nur teilweise stand. Emotionale Bilder ersetzen keine Chronologie, und aus einer starken Geschichte wird nicht automatisch ein belegter Sachverhalt. Die dokumentierte Vergangenheit dieser Bärin ist wesentlich komplexer als das Narrativ, das Zierden in wenigen Sätzen vermittelt. Vor allem beginnt ihre Geschichte nicht damit, dass ein Zoo zwei gesunde Tiere aus der Wildnis holte und ihnen dort Schaden zufügte.

zoos.media identifiziert die Bärin als Dominga

Philipp J. Kroiß hat für zoos.media die naheliegende Identität der Bärin recherchiert. Vieles spricht dafür, dass es sich bei dem von Zierden gezeigten Tier um die Brillenbärin Dominga handelt, die 2017 aus dem Parque Ecológico Taraccasa beziehungsweise einem kleinen Zoo bei Abancay in das Taricaya Ecological Reserve gebracht wurde. Bilder Domingas und ihre dokumentierte Geschichte passen auffällig zu dem Tier und den Umständen, die Zierden beschreibt.

Diese Vorarbeit von zoos.media ist entscheidend, weil sich Domingas Vergangenheit anhand zeitgenössischer Berichte rekonstruieren lässt. Dabei ergibt sich ein wesentlich anderes Bild als jenes, das eine simple Anti-Zoo-Erzählung nahelegt. Dominga war nicht einfach eine Bärin, die von einem Zoo aus der Natur gerissen worden war. Sie war vielmehr selbst Opfer des illegalen Wildtierhandels.

Dominga und ihre Schwester wurden als Jungtiere aus der Wildnis geraubt

Eine Meldung der Nachrichtenagentur EFE aus dem Februar 2017 beschreibt die Herkunft von Dominga ausdrücklich. Demnach wurden Dominga und ihre Schwester bereits als Jungtiere von Wildtierhändlern aus der Natur entnommen. Anschließend beschlagnahmten peruanische Behörden die Tiere und brachten sie in einen kleinen Zoo in Abancay. Der Zoo war damit nach dieser zeitgenössischen Darstellung nicht derjenige, der die Tiere ursprünglich der Wildnis entnahm.

Das ist für die Einordnung entscheidend. Die beiden Bärinnen waren bereits Opfer illegalen Wildtierhandels, bevor sie überhaupt in dem Zoo untergebracht wurden. Nach ihrer Beschlagnahmung kamen sie in menschliche Obhut, weil eine einfache Rückkehr in die Natur offenbar nicht möglich war. Diese Vorgeschichte im Zusammenhang mit dem späteren Zustand des Tieres wegzulassen, verändert die Wahrnehmung des gesamten Falls erheblich.

Gerade bei der aktuellen Debatte über Zoos begegnet GERATI immer wieder solchen Verkürzungen. Auch bei Robert Marc Lehmanns Kritik an Zoos zeigt sich, wie wichtig es ist, konkrete Einrichtungen, Arten und Schutzmaßnahmen getrennt zu betrachten. Eine emotionale Gesamtanklage gegen „den Zoo“ ist wesentlich einfacher zu erzählen als eine komplizierte Rettungs- und Haltungsgeschichte. Einfacher bedeutet jedoch nicht richtiger.

Für den angeblichen Fluchtversuch der Schwester fehlt jeder Beleg

Besonders auffällig ist Zierdens Behauptung über die Schwester von Dominga. Im Reel sagt er, diese sei bei einem Fluchtversuch aus dem Zoo gestorben. Diese Darstellung verstärkt das gewünschte Bild erheblich: Ein Tier wolle aus seinem Gefängnis entkommen und bezahle diesen Versuch mit dem Leben. Genau für diesen dramatischen Teil der Geschichte findet sich jedoch in den zugänglichen zeitgenössischen Quellen kein belastbarer Beleg.

EFE berichtete 2017 ausdrücklich vom Tod der Schwester. Sie sei einige Jahre zuvor in dem Zoo gestorben, woraufhin Dominga allein zurückblieb. Von einem Fluchtversuch, einem Ausbruch oder einem tödlichen Versuch, das Gehege zu verlassen, ist dort keine Rede. Auch die von Animal Defenders International veröffentlichte Darstellung der Geschichte Domingas erwähnt den Tod der Schwester, nennt aber ebenfalls keinen Fluchtversuch.

Damit steht ein zentraler Bestandteil von Zierdens Erzählung ohne nachvollziehbaren Beleg im Raum. Wer eine konkrete Todesgeschichte öffentlich verbreitet, trägt die Verantwortung dafür, sie auch belegen zu können. Gerade wenn diese Geschichte dazu dient, einen Zoo als besonders grausam darzustellen, reicht eine emotionale Behauptung nicht aus. Für den von Malte Zierden beschriebenen tödlichen Fluchtversuch ist bislang keine Quelle auffindbar.

Der Haarausfall ist kein Beweis gegen Zoos

Auch der dramatische Haarausfall der Bärin wird durch die Bildsprache schnell zu einem vermeintlichen Beweis gegen den Zoo. Wissenschaftlich ist die Situation jedoch wesentlich komplizierter. Bei Brillen- beziehungsweise Andenbären ist ein eigenes Alopezie-Syndrom seit Jahren beschrieben. Untersuchungen aus europäischen und amerikanischen Zoopopulationen dokumentierten teilweise extremen Haarverlust, insbesondere bei weiblichen Brillenbären.

Eine 2018 veröffentlichte veterinärmedizinische Untersuchung konnte keine einfache Einzelursache für das Syndrom benennen. Weitere Forschungen untersuchten unter anderem immunologische Mechanismen, Hauterkrankungen und Haltungsfaktoren. Eine spätere Studie beschäftigte sich außerdem mit sozialen Haltungskonstellationen als möglichem Risikofaktor. Daraus lässt sich gerade nicht die simple Behauptung ableiten, dass ein haarloser Brillenbär automatisch ein Beleg für schlechte Zoohaltung sei.

Auch bei Dominga dokumentieren zeitgenössische Berichte einen Zusammenhang zwischen dem Tod ihrer Schwester und einer Verschlechterung ihres Zustandes. Dazu kamen Hautprobleme und eine schlechte körperliche Verfassung. Der Haarausfall allein ist deshalb kein seriöser Beweis dafür, dass „der Zoo“ die Ursache gewesen sei. Wer einen solchen Zusammenhang behauptet oder durch seine Darstellung nahelegt, müsste ihn veterinärmedizinisch belegen.

Zoos waren selbst an der Erforschung des Alopezie-Syndroms beteiligt

Bemerkenswert ist zudem, dass ein erheblicher Teil der wissenschaftlichen Erkenntnisse über das Alopezie-Syndrom bei Brillenbären überhaupt erst durch zoologische Einrichtungen und die dortige veterinärmedizinische Dokumentation gewonnen werden konnte. Tierärzte, Zoos und Fachgruppen haben über Jahre Daten gesammelt, Krankheitsverläufe untersucht und Behandlungsmöglichkeiten dokumentiert. Genau diese langfristige Beobachtung ermöglicht es, komplexe Erkrankungen besser zu verstehen.

Das passt schlecht zu einer Erzählung, in der „Zoo“ lediglich als pauschaler Verursacher tierischen Leidens erscheint. Zoologische Einrichtungen können selbstverständlich kritisiert werden, wenn konkrete Missstände belegt sind. Gleichzeitig sind sie aber auch Orte tiermedizinischer Forschung, Artenschutzarbeit und langfristiger wissenschaftlicher Dokumentation. Wer nur eine Seite dieser Realität zeigt, erzeugt kein vollständiges Bild.

GERATI hat bereits bei Malte Zierdens Aktivismus auf finnischen Pelzfarmen kritisiert, dass starke Emotionalisierung schnell an die Stelle einer sauberen Trennung zwischen Dokumentation, Bewertung und Aktivismus treten kann. Reichweite kann Aufmerksamkeit für Tierschutz schaffen. Sie erhöht aber gleichzeitig die Verantwortung, belastbare Fakten nicht einer möglichst dramatischen Geschichte unterzuordnen.

Der Zoo war nicht der Ursprung von Domingas Leidensgeschichte

Auch die Rolle des Zoos selbst muss anhand der dokumentierten Chronologie betrachtet werden. Dominga lebte dort über Jahre, und verschiedene Tierschutzorganisationen bewerteten ihre damalige Situation kritisch. Animal Defenders International bezeichnete ihre spätere Umsiedlung in das Taricaya Ecological Reserve ausdrücklich als Rettung und stellte die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen in den Vordergrund.

Das ändert jedoch nichts an der entscheidenden Vorgeschichte. Dominga und ihre Schwester wurden nicht vom Zoo aus der Natur entnommen. Sie waren zuvor bereits Opfer des illegalen Wildtierhandels und wurden erst nach ihrer Beschlagnahmung in der Einrichtung untergebracht. Wer diesen Teil der Geschichte weglässt, verschiebt die Verantwortung für den Ursprung ihres Schicksals.

Der Zoo kooperierte zudem bei der späteren Übergabe Domingas. Diese Tatsache macht aus der Einrichtung keine automatisch vorbildliche Institution. Sie zeigt aber erneut, dass die Geschichte nicht in das einfache Schema „böser Zoo gegen gute Retter“ passt. Die tatsächliche Chronologie ist komplexer, und genau diese Komplexität verschwindet in Social-Media-Erzählungen besonders schnell.

Aus einer komplexen Tierbiografie wird eine perfekte Social-Media-Geschichte

Genau darin liegt das eigentliche Problem solcher Videos. Die reale Geschichte besteht aus illegalem Wildtierhandel, behördlicher Beschlagnahmung, jahrelanger Haltung, dem Tod eines zweiten Tieres, gesundheitlichen Problemen, wissenschaftlich untersuchter Alopezie und schließlich einer Umsiedlung. Daraus lässt sich auf Social Media sehr viel einfacher eine andere Geschichte machen: Zoo schlecht, Tier leidet, Schwester versucht zu fliehen und stirbt, anschließend kommt die Rettung.

Diese Version funktioniert emotional ausgezeichnet. Sie benötigt nur wenige Bilder und wenige Sätze und liefert sofort einen eindeutigen Schuldigen. Doch Tierschutz sollte nicht daran gemessen werden, wie wirkungsvoll eine Geschichte auf Instagram erzählt wird. Entscheidend ist, ob die zentralen Behauptungen belegt sind.

Die aktuelle Diskussion rund um Anti-Zoo-Influencer zeigt, wie schnell sich solche Narrative verselbstständigen können. Auch bei Robert Marc Lehmann und seiner Auseinandersetzung mit Zoos zeigt sich immer wieder, wie wichtig die Trennung zwischen dokumentiertem Vorgang und daraus entwickelter Geschichte ist. Kritik an Zoos ist legitim. Sie wird aber nicht glaubwürdiger, wenn wesentliche Informationen fehlen oder unbelegte Behauptungen als Tatsachen präsentiert werden.

Wer Tierschutz fordert, muss bei den Fakten bleiben

Malte Zierden erreicht mit seinem Engagement ein Millionenpublikum. Gerade deshalb sollte bei konkreten Behauptungen ein hoher Maßstab gelten. Wer öffentlich erzählt, ein Tier sei bei einem Fluchtversuch aus einem Zoo gestorben, sollte dafür eine nachvollziehbare Quelle nennen können. Für genau diese Behauptung findet sich in den zugänglichen zeitgenössischen Berichten kein Beleg.

Dokumentiert ist dagegen, dass Dominga und ihre Schwester als Jungtiere illegal aus der Natur entnommen wurden. Dokumentiert ist, dass sie anschließend nach ihrer Beschlagnahmung in einen Zoo kamen. Dokumentiert ist auch der spätere Tod der Schwester sowie Domingas massiver Haarausfall. Nicht dokumentiert ist der von Zierden behauptete Fluchtversuch.

Auch der Haarausfall lässt sich wissenschaftlich nicht auf die einfache Formel reduzieren, die die Bilder nahelegen können. Das Alopezie-Syndrom bei Brillenbären ist seit Jahren Gegenstand veterinärmedizinischer Forschung. Wer daraus eine eindeutige Anklage gegen einen Zoo konstruiert, muss diesen Zusammenhang belegen und darf ihn nicht allein durch emotionale Bildsprache entstehen lassen.

Philipp J. Kroiß und zoos.media haben mit ihrer Recherche einen wichtigen Widerspruch sichtbar gemacht. GERATI hat die zentralen Punkte anhand weiterer Quellen nachvollzogen. Das Ergebnis ist eindeutig genug: Die tatsächliche Geschichte der Bärin ist erheblich komplexer als die von Malte Zierden verbreitete Erzählung, und für einen ihrer dramatischsten Bestandteile – den angeblich tödlichen Fluchtversuch der Schwester – fehlt der Beleg.

Tierschutz verliert an Glaubwürdigkeit, wenn emotionale Geschichten wichtiger werden als überprüfbare Tatsachen. Wer Missstände aufdecken will, sollte deshalb zuerst sicherstellen, dass die eigene Geschichte stimmt.

Quellen

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