Zum Inhalt springen

Fakten statt Polemik. Aufklärung über radikalen Tierschutz.

Kritisch. Fundiert. Unabhängig.Hintergrundanalysen und aktuelle Entwicklungen.

Tierheim St. Pölten kämpft mit Kosten und schwer vermittelbaren Tieren

Tierheim St. Pölten kämpft mit Kosten: Ein Tierpfleger tröstet einen Hund im Tierheim St. Pölten, das aktuell mit Kosten kämpft.

Zum Welttierschutztag wird die Finanzierung zum Kernproblem

Der Tierschutzverein St. Pölten warnt zum Welttierschutztag am 4. Oktober vor wachsenden finanziellen Belastungen. Rund 1.000 Tiere werden nach Angaben des Vereins jährlich betreut, hinzu kommen etwa 1.800 medizinische Eingriffe. Allein dafür müssen jährlich mehr als 100.000 Euro aufgebracht werden. Besonders teuer wird die Versorgung, wenn Tiere aufgrund gesundheitlicher oder verhaltensbedingter Probleme über Jahre im Tierheim bleiben.

Nach Angaben des Vereins tragen die Stadt St. Pölten und das Land derzeit etwa die Hälfte der Aufwendungen. Die übrigen Kosten müssen über Spenden, Sponsoren und weitere Unterstützer finanziert werden. Damit hängt ein erheblicher Teil des laufenden Betriebs von freiwilliger Unterstützung ab. Steigende Kosten für medizinische Behandlungen, Betreuung und Betrieb verschärfen diese Abhängigkeit zusätzlich.

Obmann Thomas Kainz fordert deshalb entweder einen Gnadenhof für besonders schwierige Fälle in Niederösterreich oder eine deutlich bessere finanzielle Unterstützung der Tierheime. Im Mittelpunkt stehen dabei vor allem Tiere aus behördlichen Abnahmen, die aufgrund ihrer Vorgeschichte teilweise kaum noch vermittelbar sind. Ein Hund, der nach jahrelanger schlechter Haltung beschlagnahmt wird und sich nicht ausreichend stabilisieren lässt, kann noch zehn Jahre oder länger im Tierheim leben. Für die Einrichtung bedeutet das eine dauerhafte Verantwortung für Unterbringung, Versorgung und medizinische Betreuung.

Behördliche Abnahmen können Tierheime jahrelang belasten

Tierheimleiterin Victoria Bischof berichtet von sehr unterschiedlichen Gründen, aus denen Tiere nach St. Pölten kommen. Neben Fundtieren und privaten Abgaben gehören dazu behördliche Beschlagnahmungen, illegaler Welpenhandel sowie vernachlässigte oder misshandelte Tiere. Erst im Juni nahm das Tierheim mehr als 20 Tiere aus einem einzelnen Tierschutzfall auf. Darunter befanden sich stark abgemagerte Katzen, misshandelte Hunde und verwahrloste Schildkröten.

Gerade solche Fälle zeigen, warum sich die Belastung eines Tierheims nicht allein an der Zahl der aufgenommenen Tiere messen lässt. Tiere aus schlechter Haltung benötigen häufig zunächst medizinische Behandlung und anschließend intensive Betreuung, bevor überhaupt über eine Vermittlung nachgedacht werden kann. Bei manchen Tieren gelingt eine stabile Vermittlung trotz großer Bemühungen nicht mehr. Jeder dieser Langzeitfälle bindet über Jahre Platz, Personal und finanzielle Mittel.

Die Situation in St. Pölten steht damit für ein grundsätzliches Problem, das auch andere Tierheime beschäftigt. GERATI berichtete bereits über die Frage, wer für die Finanzierung von Tierheimen aufkommen muss, nachdem der Deutsche Tierschutzbund in Deutschland sogar den Rechtsweg eingeschlagen hatte. Die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen unterscheiden sich zwischen Deutschland und Österreich, das praktische Problem ist jedoch ähnlich: Tierheime übernehmen gesellschaftlich notwendige Aufgaben, deren Kosten nicht automatisch vollständig gedeckt sind. Besonders deutlich wird das dort, wo Tiere nicht nur kurzfristig aufgenommen, sondern dauerhaft versorgt werden müssen.

Katze Agathe zeigt den Aufwand hinter einer erfolgreichen Vermittlung

Wie aufwendig ein einzelner Fall werden kann, zeigt die Geschichte der Katze Agathe. Sie kam nach einem schweren Verkehrsunfall mit mehreren Brüchen im Kiefer- und Gesichtsbereich in die Obhut des Tierheims. Mehrere Operationen waren notwendig, anschließend musste sie über Wochen mehrfach täglich mit flüssiger Nahrung versorgt werden. Trotz ihrer schweren Verletzungen erholte sich die Katze so weit, dass sie schließlich Ende August in ein neues Zuhause vermittelt werden konnte.

Agathe steht damit für einen erfolgreichen Ausgang, zeigt aber zugleich den finanziellen und personellen Aufwand hinter solchen Rettungen. Medizinische Versorgung endet bei schweren Verletzungen nicht mit einer einzigen Operation, sondern umfasst häufig Nachbehandlung, Medikamente, spezielle Fütterung und intensive Pflege. Während dieser Zeit bleibt außerdem ein Tierheimplatz dauerhaft belegt. Bei Tieren, die anschließend nicht vermittelt werden können, wird aus dieser vorübergehenden Belastung eine langfristige Aufgabe.

Nicht jeder schwierige Fall endet deshalb so wie bei Agathe. Besonders ältere, traumatisierte oder dauerhaft behandlungsbedürftige Tiere haben oftmals schlechtere Vermittlungschancen als junge und gesunde Tiere. Gleichzeitig müssen Tierheime jederzeit Kapazitäten für neue Fundtiere oder behördliche Abnahmen bereithalten. Genau dieser Gegensatz zwischen akuter Aufnahmeverpflichtung und langfristig belegten Plätzen verschärft den Druck auf Einrichtungen wie das Tierheim St. Pölten.

Prävention soll verhindern, dass Tiere überhaupt im Tierheim landen

Neben der unmittelbaren Versorgung setzt der Tierschutzverein deshalb auch auf Aufklärung. Im „Tierischen Klassenzimmer“ werden Schulklassen und andere Besuchergruppen über artgerechte Haltung, Tierschutz und den Alltag eines Tierheims informiert. Workshops, Vorträge und Sachkundekurse für Hundehalter sollen Wissen vermitteln, bevor Fehlentscheidungen bei Anschaffung oder Haltung zu Problemen führen. Damit versucht der Verein, einen Teil jener Fälle zu verhindern, die später möglicherweise als Abgabe oder behördliche Abnahme im Tierheim enden.

Dieser Ansatz kann die akuten finanziellen Probleme allerdings nicht kurzfristig lösen. Das Tierheim muss die bereits aufgenommenen Tiere unabhängig davon versorgen, wie lange sie bleiben und welche Behandlungskosten entstehen. Gleichzeitig kann eine Einrichtung nur begrenzt neue Tiere aufnehmen, wenn vorhandene Plätze über Jahre durch schwer vermittelbare Tiere belegt bleiben. Die Forderung nach einem Gnadenhof für Niederösterreich zielt daher vor allem darauf, Tierheime bei solchen dauerhaften Fällen zu entlasten.

Spenden bleiben für den Betrieb entscheidend

Solange es keine zusätzliche strukturelle Finanzierung oder eine eigene Einrichtung für dauerhaft schwer vermittelbare Tiere gibt, bleibt das Tierheim St. Pölten auf private Unterstützung angewiesen. Der Verein muss einen erheblichen Teil seiner laufenden Aufwendungen über Spenden, Sponsoring und andere Unterstützungsformen finanzieren. Gleichzeitig lassen sich medizinische Notfälle und behördliche Abnahmen kaum planen. Genau diese Mischung aus festen laufenden Kosten und unvorhersehbaren zusätzlichen Belastungen macht die Finanzierung schwierig.

Der Welttierschutztag lenkt damit in St. Pölten den Blick auf einen Bereich des Tierschutzes, der häufig weniger sichtbar ist als die eigentliche Rettung eines Tieres. Hinter jeder Aufnahme stehen Futter, Unterbringung, medizinische Versorgung, Personal und oftmals Monate oder Jahre der Betreuung. Erfolgreiche Vermittlungen schaffen neue Kapazitäten, während Langzeitbewohner dauerhaft Ressourcen benötigen. Die Diskussion um einen Gnadenhof und eine bessere Finanzierung betrifft deshalb nicht nur einzelne schwierige Tiere, sondern die langfristige Funktionsfähigkeit des gesamten Tierheimbetriebs.

Quellen

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert