Seltene Flusskrabbe kehrt an den Gardasee zurück
Am Gardasee ist eine Tierart wieder aufgetaucht, die dort über Jahrzehnte nur noch sehr selten oder gar nicht mehr beobachtet worden war. Taucher, Naturbeobachter und Mitarbeiter des WWF haben an der veronesischen Seite des Sees zahlreiche Exemplare der Gemeinen Flusskrabbe entdeckt. Die wissenschaftlich als Potamon fluviatile bezeichnete Art gehört zu den wenigen heimischen Süßwasserkrabben Europas und war früher auch im Gardasee und seinen Zuflüssen verbreitet.
Bei den Beobachtungen handelt es sich nach Angaben des WWF nicht lediglich um ein einzelnes zufällig entdecktes Tier. Dokumentiert wurden vielmehr erwachsene und junge Flusskrabben an verschiedenen Stellen entlang des östlichen Seeufers. Der WWF geht deshalb davon aus, dass dort mehrere Populationen bestehen und sich die Tiere zumindest in geeigneten Uferbereichen wieder erfolgreich vermehren.
Der Fund ist damit deutlich bedeutsamer, als es die zunächst verbreiteten Schlagzeilen über ein einzelnes „seltenes Tier“ vermuten lassen. Gleichzeitig sollte die Meldung nicht als spektakuläre Neuentdeckung missverstanden werden. Die Gemeine Flusskrabbe war am Gardasee ursprünglich heimisch, ihre Bestände waren im vergangenen Jahrhundert jedoch stark zurückgegangen.
Warum die Flusskrabbe am Gardasee fast verschwand
Die Gemeine Flusskrabbe besiedelt langsam fließende Gewässer, Seen, Kanäle und strukturreiche Uferbereiche. Sie versteckt sich unter Steinen, zwischen Wurzeln oder in selbst gegrabenen Höhlen. Obwohl sie überwiegend im Wasser lebt, kann sie zeitweise auch kurze Strecken an Land zurücklegen, solange ihre Kiemen ausreichend feucht bleiben.
Im Verlauf des 20. Jahrhunderts gingen die Bestände der Art in vielen Regionen Italiens zurück. Als mögliche Ursachen gelten verschlechterte Wasserqualität, Veränderungen natürlicher Gewässerläufe, verbaute Uferbereiche, die Zerstörung geeigneter Verstecke und illegale Entnahmen. Flusskrabben wurden früher teilweise auch als Nahrungsmittel gefangen.
Auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN wird Potamon fluviatile als „Near Threatened“ und damit als potenziell gefährdet eingestuft. Das bedeutet nicht, dass die Art unmittelbar vom Aussterben bedroht ist. Die Einstufung weist jedoch darauf hin, dass ihre Bestände beobachtet und bestehende Lebensräume erhalten werden müssen.
Taucher und Bürgerwissenschaftler dokumentieren die Tiere
Die erneuten Nachweise gehen auf Beobachtungen von Tauchern, Naturfreunden und Teilnehmern von WWF-Monitoringprojekten zurück. Nach Angaben der Umweltschutzorganisation wurden die Tiere fotografiert und gefilmt, ohne sie aus ihrem Lebensraum zu entfernen. Die Aufnahmen zeigen sowohl ausgewachsene Tiere als auch kleinere Jungtiere zwischen Steinen und Unterwasserpflanzen.
Gerade der Nachweis verschiedener Altersstufen ist von Bedeutung. Einzelne adulte Tiere könnten theoretisch verschleppt worden sein oder nur vorübergehend an einem bestimmten Ort auftreten. Werden jedoch wiederholt junge und ausgewachsene Tiere in geeigneten Lebensräumen gefunden, spricht dies eher für eine sich reproduzierende Population.
Der WWF setzt bei der weiteren Erfassung auch auf sogenannte Citizen Science. Dabei melden Taucher und andere Besucher ihre Beobachtungen und stellen Fotos, Videos sowie möglichst genaue Angaben zum Fundort zur Verfügung. Solche Hinweise können professionelle Untersuchungen ergänzen, ersetzen jedoch keine systematische wissenschaftliche Bestandserfassung.
Flusskrabben fressen offenbar invasive Zebramuscheln
Besonders interessant ist eine Beobachtung zur Ernährung der wiederentdeckten Flusskrabben. Nach Angaben des WWF wurden Tiere dabei beobachtet, wie sie sich von Zebramuscheln ernährten. Diese auch als Wandermuscheln bezeichnete Art stammt ursprünglich nicht aus dem Gardasee und hat sich dort seit den 1980er-Jahren stark verbreitet.
Zebramuscheln können Unterwasserflächen, Steine, Hafenanlagen und technische Einrichtungen in hoher Dichte besiedeln. Ihre Ausbreitung verändert die Lebensbedingungen anderer Arten und kann erhebliche ökologische sowie wirtschaftliche Folgen haben. Dass eine heimische Art die Muscheln als Nahrungsquelle nutzt, ist deshalb für die Forschung besonders interessant.
Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass die Flusskrabbe das Problem der invasiven Zebramuschel allein lösen könnte. Ihr Fraßverhalten kann lokal Einfluss auf Muschelbestände haben. Wie groß dieser Einfluss tatsächlich ist, muss durch weitere Beobachtungen und Untersuchungen geklärt werden.
WWF sieht ein positives Signal für die Wasserqualität
Der WWF wertet die Rückkehr der Flusskrabbe als positives Zeichen für bestimmte Bereiche des Gardasees. Die Art benötigt vergleichsweise sauberes, sauerstoffreiches Wasser sowie strukturierte Uferzonen mit Steinen, Vegetation und geeigneten Versteckmöglichkeiten. Ihr Vorkommen kann deshalb Hinweise darauf geben, dass sich die Lebensbedingungen an einzelnen Standorten verbessert haben oder besser erhalten geblieben sind als bislang angenommen.
Eine solche Beobachtung erlaubt jedoch keine pauschale Aussage über den gesamten Gardasee. Der See ist ein großes und ökologisch sehr unterschiedliches Gewässer. Gute Bedingungen an einzelnen Fundorten bedeuten nicht automatisch, dass überall eine vergleichbare Wasser- und Habitatqualität besteht.
Die Funde können deshalb vor allem als Ausgangspunkt für genauere Untersuchungen dienen. Wissenschaftler und Naturschutzorganisationen wollen nun erfassen, wie weit die Populationen verbreitet sind, wie viele Tiere ungefähr vorkommen und welche Uferbereiche für ihre Fortpflanzung und ihr Überleben besonders wichtig sind.
Weitere Untersuchungen sollen den Bestand erfassen
Nach Angaben des WWF führen Biologen und Taucher gezielte Kontrollen durch. Dabei sollen die Verbreitung der Tiere kartiert, die Größe der Populationen eingeschätzt und der Gesundheitszustand der gefundenen Exemplare beurteilt werden. Zusätzlich interessieren sich die Forscher für Ernährung, Fortpflanzung und mögliche verbliebene Gefahren.
Zu diesen Risiken gehören Veränderungen der Uferzonen, Wasserverschmutzung, Eingriffe in Zuflüsse und die illegale Entnahme der Tiere. Auch invasive Arten können heimische Populationen beeinflussen. Welche Faktoren am Gardasee derzeit die größte Rolle spielen, lässt sich allein aus den ersten Sichtungen noch nicht abschließend ableiten.
Anders als im ursprünglichen automatisch erzeugten Bericht dargestellt, gibt es bislang keine belastbaren Hinweise auf geplante Badesperren, großflächige Nutzungseinschränkungen oder unmittelbar bevorstehende Verbote für Wassersportler und Fischer. Im Mittelpunkt stehen derzeit Beobachtung, Dokumentation und der Schutz der nachgewiesenen Tiere vor Störungen und Entnahmen.
Besucher sollen Tiere fotografieren, aber nicht anfassen
Der WWF bittet Besucher, entdeckte Flusskrabben weder anzufassen noch einzufangen. Wer ein Tier beobachtet, kann den Fund aus angemessener Entfernung fotografieren oder filmen und anschließend dem WWF oder den zuständigen Behörden melden. Angaben zum genauen Ort und zum Zeitpunkt der Beobachtung können für die weitere Erfassung besonders hilfreich sein.
Das Verbot der Entnahme dient nicht nur dem Schutz einzelner Tiere. Werden Exemplare aus kleinen oder räumlich begrenzten Populationen entfernt, kann dies den Bestand erheblich schwächen. Auch das Umsetzen an vermeintlich geeignetere Orte sollte unterbleiben, da dadurch Krankheiten verbreitet oder lokale Populationen genetisch verändert werden könnten.
Die sinnvolle Beteiligung von Urlaubern und Anwohnern besteht daher vor allem darin, Beobachtungen zu dokumentieren, ohne in das Verhalten der Tiere einzugreifen. Damit können auch Menschen ohne wissenschaftliche Ausbildung einen Beitrag zur Erfassung leisten.
Wiederentdeckung ohne künstliche Sensation
Die Rückkehr der Gemeinen Flusskrabbe ist eine erfreuliche Nachricht für den Gardasee. Sie zeigt, dass heimische Arten selbst nach langen Rückgangsphasen wieder häufiger auftreten können, wenn geeignete Lebensräume erhalten bleiben oder sich die Umweltbedingungen verbessern. Gleichzeitig sollte aus den Beobachtungen keine übertriebene Erfolgsmeldung konstruiert werden.
Noch ist nicht vollständig bekannt, wie groß und wie stabil die Populationen tatsächlich sind. Auch die langfristige Entwicklung lässt sich erst beurteilen, wenn über mehrere Jahre hinweg vergleichbare Daten erhoben werden. Die dokumentierten erwachsenen und jungen Tiere liefern dafür jedoch eine deutlich bessere Grundlage als ein bloßer Einzelfund.
Für den Gardasee ist die Wiederentdeckung deshalb vor allem ein Anlass, bestehende Lebensräume genauer zu untersuchen und nachweislich wirksame Schutzmaßnahmen beizubehalten. Entscheidend sind nicht spektakuläre Schlagzeilen oder vorschnell angekündigte Verbote, sondern nachvollziehbare Beobachtungen, wissenschaftliche Bestandsaufnahmen und ein verantwortungsvoller Umgang mit den Tieren.
Quellen:
Sensations-Fund: Seltenes Tier wieder im Gardasee – MSN – https://www.msn.com/de-at/nachrichten/other/sensations-fund-seltenes-tier-wieder-im-gardasee/ar-AA27K5Gy?apiversion=v2&domshim=1&noservercache=1&noservertelemetry=1&batchservertelemetry=1&renderwebcomponents=1&wcseo=1 Passender GERATI-Artikel: Waschbär als invasive Tierart: Ein Verein erhält einen Tierschutzpreis für einen fragwürdigen Schutzansatz. – https://gerati.de/2023/06/18/waschbaer-als-invasive-tierart-ein-verein-erhaelt-einen-tierschutzpreis-fuer-einen-fragwuerdigen-schutzansatz/
