Tierärztin aus Werne hinterfragt neue Wolfsregelung NRW: „Weisen Sie das erst mal nach“

Die Aufnahme des Wolfs in das nordrhein-westfälische Jagdrecht soll schnellere Eingriffe bei auffälligen Tieren ermöglichen. Doch genau an der praktischen Umsetzung setzt die Kritik der Tierärztin Barbara Seibert aus Werne an. Nach einem Bericht der Ruhr Nachrichten bezweifelt sie vor allem, dass sich nach einem Nutztierriss immer zweifelsfrei feststellen lässt, welcher Wolf tatsächlich verantwortlich war. Ihr zentraler Einwand lautet damit nicht, dass problematische Tiere grundsätzlich unangetastet bleiben müssten, sondern wie Behörden vor einem Abschuss belastbar nachweisen wollen, dass sie das richtige Tier treffen.

Der entscheidende Punkt ist die Identifizierung des Wolfs

Seibert engagiert sich seit Jahren für die Rückkehr des Wolfs und war selbst Schafhalterin. Sie kennt damit auch die Perspektive von Menschen, deren Tiere auf der Weide geschützt werden müssen. Ihre Kritik richtet sich vor allem gegen die Vorstellung, ein auffälliger Wolf lasse sich nach einem Riss ohne Weiteres einem einzelnen Ereignis zuordnen. Beobachtungen, Spuren und genetische Untersuchungen können dabei wichtige Hinweise liefern – entscheidend ist jedoch, welchen Nachweis die Behörden für eine konkrete Maßnahme verlangen.

Genau hier liegt eine der praktisch wichtigsten Fragen der neuen Regelung. Soll ein bestimmter Wolf entnommen werden, muss nachvollziehbar sein, weshalb gerade dieses Tier als Verursacher gilt. Gleichzeitig stellt sich aus Sicht der Weidetierhalter die Gegenfrage, wie schnell ein solcher Nachweis überhaupt geführt werden kann, wenn sich Übergriffe wiederholen. Eine Regelung, die schnellere Eingriffe ermöglichen soll, verliert einen Teil ihrer Wirkung, wenn die Identifizierung eines einzelnen Tieres erst nach langwierigen Untersuchungen möglich ist.

Wölfin Gloria zeigt das praktische Problem

Wie schwierig diese Abwägung werden kann, zeigt der vielfach diskutierte Fall der Wölfin Gloria. Der WDR berichtete, dass sie im August 2024 auf einem Hof in Hünxe trotz eines Schutzzauns zwei Schafe getötet haben soll, darunter ein tragendes Tier. Der Wölfin wurden zuvor weitere Nutztierrisse in Nordrhein-Westfalen zugeschrieben. Später verlor sich ihre Spur.

Der Fall erklärt, weshalb betroffene Weidetierhalter schnellere Eingriffsmöglichkeiten verlangen. Wer wiederholt Tiere verliert, erwartet von einer neuen gesetzlichen Regelung mehr als eine theoretische Möglichkeit zum Eingreifen. Gleichzeitig muss ein Abschuss eines konkret bestimmten Wolfs auf einer nachvollziehbaren Tatsachengrundlage beruhen. Genau an dieser Schnittstelle zwischen schneller Reaktion und belastbarer Zuordnung setzt Seiberts Kritik an.

Jagdrecht macht Herdenschutz nicht überflüssig

Auch mit erweiterten jagdrechtlichen Möglichkeiten bleibt der Herdenschutz ein wesentlicher Bestandteil des Wolfsmanagements. Zäune, Herdenschutzhunde und andere Schutzmaßnahmen sollen weiterhin eine zentrale Rolle spielen und werden teilweise finanziell unterstützt. Vertreter des Naturschutzes weisen zudem darauf hin, dass der Abschuss einzelner Tiere nicht automatisch dazu führt, dass andere Wölfe dauerhaft größeren Abstand zu Weidetieren halten.

Für Tierhalter ist diese Debatte allerdings keineswegs theoretisch. Geeignete Zäune müssen angeschafft, kontrolliert und instand gehalten werden. Herdenschutzhunde verursachen zusätzliche Kosten und benötigen Betreuung, während nicht jede Weidefläche unter identischen Bedingungen geschützt werden kann. Wer über strengeren Herdenschutz spricht, muss deshalb auch berücksichtigen, welchen tatsächlichen Aufwand die Anforderungen insbesondere für kleinere Tierhaltungen bedeuten.

Neue Wolfsregelung muss sich in der Praxis beweisen

Die politische Entscheidung, den Umgang mit auffälligen Wölfen zu verändern, beantwortet deshalb noch nicht die entscheidende praktische Frage. Ein Gesetz kann Eingriffe erleichtern – die Behörden müssen anschließend trotzdem feststellen, welches Tier für einen konkreten Schaden verantwortlich ist und ob die Voraussetzungen für eine Maßnahme erfüllt sind.

Seiberts Forderung nach belastbaren Nachweisen ist deshalb zunächst nachvollziehbar. Sie wirft jedoch gleichzeitig eine Frage auf, die für die Wirksamkeit der neuen Wolfsregelung entscheidend sein dürfte: Welcher Grad an Sicherheit muss erreicht sein, bevor eingegriffen werden darf? Wird praktisch ein zweifelsfreier individueller Nachweis verlangt, könnten schnelle Maßnahmen erheblich erschwert werden. Wird der Maßstab dagegen zu niedrig angesetzt, steigt das Risiko, dass ein Tier getroffen wird, dessen Verantwortlichkeit nicht ausreichend belegt ist.

Das Schermbecker Rudel bleibt Teil der Debatte

Auch das Schermbecker Rudel spielt in der Diskussion weiterhin eine Rolle. Über Jahre gehörten die Wölfe dieses Rudels zu den bekanntesten Beispielen für die Rückkehr des Wolfs nach Nordrhein-Westfalen. Gleichzeitig zeigt gerade die Entwicklung einzelner Rudel, wie schnell sich Zusammensetzung, Aufenthaltsgebiet und Nachweisbarkeit verändern können.

Für behördliche Entscheidungen reicht deshalb die bloße Annahme, ein bestimmtes Rudel halte sich weiterhin in einer Region auf, nicht aus. Aktuelle Monitoringdaten und konkrete Nachweise gewinnen an Bedeutung, sobald Maßnahmen gegen einzelne Tiere erwogen werden. Damit wird die Qualität des Wolfsmonitorings selbst zu einem entscheidenden Bestandteil einer Regelung, die schneller auf problematisches Verhalten reagieren soll.

Zwischen Schutz des Wolfs und Schutz der Weidetiere

Die neue Regelung wird sich letztlich nicht daran messen lassen müssen, wie weitreichend sie auf dem Papier formuliert ist. Entscheidend ist, ob Behörden auffällige Tiere tatsächlich schnell und belastbar identifizieren können und ob betroffene Tierhalter dadurch spürbar besser geschützt werden.

Barbara Seibert trifft deshalb mit ihrem Satz „Weisen Sie das erst mal nach“ einen zentralen Punkt der gesamten Debatte. Allerdings gilt auch die umgekehrte Frage: Wenn wiederholte Übergriffe ausreichend dokumentiert sind, wie lange darf die Suche nach absoluter Gewissheit dauern, bevor gehandelt wird? Genau an dieser Grenze zwischen notwendiger Beweissicherheit und praktisch wirksamem Herdenschutz wird sich zeigen, welchen tatsächlichen Nutzen die neue Wolfsregelung in Nordrhein-Westfalen hat.

Quellen

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