Asiatische Hornisse in Offenbach: Forscher bringen komplettes Nest nach Bayern

Ein Hornissennest aus einer Offenbacher Grünanlage tritt eine ungewöhnliche Reise nach Bayern an. Wissenschaftler des Instituts für Bienenkunde und Imkerei in Veitshöchheim haben ein Nest der invasiven Asiatischen Hornisse samt Brut und erwachsenen Tieren gesichert und abtransportiert. Statt die Tiere unmittelbar zu vernichten, sollen sie nun unter kontrollierten Bedingungen weiterleben und der Forschung dienen. Dabei geht es vor allem um eine Frage: Wie groß ist die Gefahr, die von der sich in Deutschland immer weiter ausbreitenden Art für unsere Honigbienen tatsächlich ausgeht?

Forscher rücken mit Schutzanzügen in Offenbach an

Das Nest befand sich in der Puteauxpromenade in Offenbach nur etwa ein bis zwei Meter über dem Boden in einer Hecke. Für seine Sicherung rückten Dr. Ronald Jäger und Maike Kümmerle vom Institut für Bienenkunde und Imkerei der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) an. Unterstützt wurden sie vom Mühlheimer Hornissenberater Christian Engel, der ursprünglich vom Stadtservice der Stadtwerke Offenbach zur Nestbeseitigung hinzugezogen worden war.

Rund eine halbe Stunde dauerte der Einsatz. In spezieller Schutzkleidung saugten die Fachleute zunächst die erwachsenen Asiatischen Hornissen mit einem Absauggerät ab und brachten sie in einer Transportbox unter. Anschließend wurde das eigentliche Nest einschließlich der darin vorhandenen Brutwaben verpackt. Das gesamte Hornissenvolk konnte dadurch für die wissenschaftliche Untersuchung nach Veitshöchheim gebracht werden.

Bei dem Fund handelte es sich um ein sogenanntes Primärnest. Solche Nester werden im Frühjahr von einer überwinterten Königin gegründet und können bereits mehrere hundert Tiere beherbergen. Im weiteren Verlauf des Sommers entstehen häufig erheblich größere Sekundärnester, die meist hoch in Baumkronen gebaut werden. Nach Angaben des Umweltbundesamtes können solche Nester einen Durchmesser von bis zu einem Meter erreichen und im Mittel etwa 3.000 bis 5.000 Hornissen beherbergen.

Warum bayerische Forscher ausgerechnet nach Hessen kamen

Dass Wissenschaftler aus Unterfranken für ein Hornissennest bis nach Offenbach reisen, hat einen einfachen Grund: In Bayern fehlten ihnen in diesem Jahr ausreichend gut entwickelte Primärnester für ihre Untersuchungen. Das Institut hatte deshalb ehrenamtliche Hornissenberater in Bayern und Südhessen darüber informiert, dass entsprechende Forschungsobjekte gesucht würden.

Als Christian Engel vom Offenbacher Stadtservice zu dem Nest gerufen wurde, stellte er den Kontakt zu den Wissenschaftlern her. Für die Forscher war der Fund besonders interessant, weil sich ein komplettes, noch entwicklungsfähiges Volk sichern ließ. In Veitshöchheim befinden sich inzwischen mehrere solcher Nester unter kontrollierten Bedingungen.

Die Forschung ist längst kein theoretisches Projekt mehr. Die LWG hat aufgrund der zunehmenden Verbreitung der Asiatischen Hornisse eine eigene Koordinierungsstelle eingerichtet und bildet inzwischen auch Personen für die Suche und Entfernung von Nestern aus. Dabei kommen unter anderem Absaugtechnik, Wärmebildtechnik und teilweise Peilsender zum Einsatz.

Wie kam die Asiatische Hornisse überhaupt nach Europa?

Ursprünglich gehört die Asiatische Hornisse, wissenschaftlich Vespa velutina genannt, nach Süd- und Südostasien. Ihr natürliches Verbreitungsgebiet reicht unter anderem über Teile Indiens und Chinas bis weit nach Südostasien. In Europa handelt es sich dagegen um eine eingeschleppte Art.

Der Beginn der europäischen Invasion lässt sich erstaunlich genau eingrenzen. Im Südwesten Frankreichs wurden 2004 die ersten Tiere festgestellt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass eine oder mehrere überwinternde Königinnen unbeabsichtigt mit Importwaren aus China nach Frankreich gelangten. Häufig wird dabei der Import chinesischer Keramik beziehungsweise von Töpferwaren als wahrscheinlichster Einschleppungsweg genannt. Vollständig bewiesen ist dieser konkrete Transportweg allerdings nicht.

Von Frankreich aus gelang der Hornisse anschließend eine beeindruckend schnelle Ausbreitung über weite Teile Europas. In Deutschland wurde Vespa velutina 2014 erstmals in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz nachgewiesen. Inzwischen ist die Art in mehreren Bundesländern großräumig etabliert und breitet sich weiter aus. Genau deshalb wurde ihr rechtlicher Status in Deutschland im März 2025 von der Früherkennung hin zum Management einer bereits etablierten invasiven Art geändert.

Warum Imker die Ausbreitung mit Sorge beobachten

Besonders problematisch ist das Jagdverhalten der Asiatischen Hornisse. Arbeiterinnen können sich vor Bienenstöcken positionieren und zurückkehrende Honigbienen regelrecht aus der Luft abfangen. Anschließend zerlegen sie ihre Beute und transportieren vor allem proteinreiche Teile zu ihrer eigenen Brut.

Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass Honigbienen je nach Situation bis zu 80 Prozent der Beute der Asiatischen Hornisse ausmachen können. Hinzu kommt ein indirekter Effekt: Wenn zahlreiche Hornissen vor einem Bienenstock patrouillieren, reduzieren Honigbienen ihre Sammelflüge. Dadurch gelangen weniger Pollen und andere Ressourcen in das Volk, was zusätzlichen Stress verursachen kann.

Gerade europäische Honigbienen sind mit diesem spezialisierten Jäger evolutionär deutlich weniger vertraut als einige asiatische Bienenarten. Wissenschaftliche Untersuchungen beschreiben beispielsweise Abwehr- und Vermeidungsstrategien der Asiatischen Honigbiene gegen vor dem Stock jagende Hornissen. Solche Anpassungen machen deutlich, dass zwischen Beute und Räuber im ursprünglichen Verbreitungsgebiet eine lange gemeinsame Entwicklung stattgefunden hat.

Doch Vespa velutina jagt keineswegs ausschließlich Honigbienen. Auch Hummeln, Schwebfliegen und zahlreiche andere Insekten gehören zum Beutespektrum. Die Bayerische Landesanstalt beschreibt die Hornisse deshalb als geschickte Jägerin, die zahlreiche heimische Insekten erbeutet. Gleichzeitig ist bei Aussagen über Auswirkungen auf die gesamte Biodiversität Vorsicht angebracht: Das aktuelle Managementblatt des Bundesamtes für Naturschutz weist darauf hin, dass für eine generelle Beeinträchtigung der Biodiversität in Europa bislang noch keine ausreichenden Belege vorliegen.

Ist die Asiatische Hornisse auch für Menschen gefährlich?

Bei dieser Frage lohnt sich eine klare Trennung zwischen einzelnen Tieren und einem Hornissennest. Nach Angaben des Umweltbundesamtes ist die Asiatische Hornisse nicht von Natur aus aggressiver als die heimische Europäische Hornisse. Einzelne Tiere stellen deshalb für Menschen normalerweise keine außergewöhnliche Gefahr dar.

Anders sieht es unmittelbar am Nest aus. Dort verteidigen die Hornissen ihr Volk und können bei einer wahrgenommenen Bedrohung angreifen. Besonders große Sekundärnester mit mehreren Tausend Tieren sollten deshalb keinesfalls eigenmächtig beseitigt oder aus nächster Nähe untersucht werden. Für Menschen mit einer Allergie gegen Insektengifte können Stiche zudem – wie bei Bienen, Wespen und heimischen Hornissen – medizinisch gefährlich werden.

Auch deshalb sollten vermeintliche Nester der Asiatischen Hornisse nicht auf eigene Faust zerstört werden. Es besteht zusätzlich die Gefahr einer Verwechslung mit der heimischen Europäischen Hornisse, die in Deutschland besonders geschützt ist. Behörden empfehlen daher, verdächtige Tiere oder Nester zu fotografieren und über die jeweiligen Meldewege an Fachleute weiterzugeben.

Offenbacher Hornissen sollen jetzt ihre Jagdstrategie verraten

Genau hier setzt die Forschung in Veitshöchheim an. Das aus Offenbach mitgebrachte Volk wird in einer kontrollierten Anlage weiterentwickelt. Die Tiere erhalten dort die Möglichkeit, zu angeschlossenen Bienenvölkern zu fliegen, während die Wissenschaftler ihr Verhalten und die Auswirkungen auf die Bienen beobachten.

Für die Forscher ist das wichtig, weil sich wirksame Gegenmaßnahmen nur entwickeln lassen, wenn das Verhalten der invasiven Art unter deutschen Bedingungen genauer verstanden wird. Die LWG arbeitet bereits an Managementstrategien, Methoden zur Nestfindung und Schutzeinrichtungen für Bienenvölker. Das Forschungsprojekt „Velucord“ soll dabei Erkenntnisse aus Untersuchungen zur bienenschädlichen Wirkung der Asiatischen Hornisse in praktische Maßnahmen überführen.

Das kleine Nest aus einer Offenbacher Hecke könnte damit wesentlich mehr liefern als einige hundert Hornissen für ein Forschungsprojekt. Es könnte helfen zu beantworten, wie Imker ihre Völker künftig besser gegen einen Räuber schützen können, der vor gut zwei Jahrzehnten wahrscheinlich als blinder Passagier mit Handelsware nach Europa gelangte – und heute aus Deutschland kaum noch vollständig verschwinden dürfte.

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