Vor dem Oberlandesgericht München wollte SOKO Tierschutz die Niederlage aus Augsburg korrigieren. Stattdessen blieb die Organisation auch in der nächsten Instanz erfolglos. Bemerkenswert ist nicht nur das Urteil, sondern vor allem das Verhalten danach: Wer sonst jeden Gerichtstermin öffentlichkeitswirksam begleitet und selbst Zwischenerfolge als historischen Sieg inszeniert, schweigt zur eigenen Niederlage auffällig beharrlich.
Auch das Oberlandesgericht folgt SOKO Tierschutz nicht
SOKO Tierschutz ist im Rechtsstreit um die Berichterstattung über die Kaninchenanlage in Kissing erneut vor Gericht gescheitert. Nach der Niederlage vor dem Landgericht Augsburg blieb die Organisation nun auch vor dem Oberlandesgericht München erfolglos. Die von SOKO angegriffene Entscheidung bleibt damit bestehen.
Das Verfahren drehte sich nicht darum, ob grundsätzlich über Tierhaltung, Tierversuche oder mögliche Missstände berichtet werden darf. Gegenstand war vielmehr die konkrete Form der Veröffentlichung: die identifizierende Darstellung des Betriebs und seines Leiters, die Nennung des Ortes sowie die Verwendung von Aufnahmen, durch die die Anlage erkennbar gemacht werden konnte. Genau diese Unterscheidung hatte SOKO Tierschutz in seiner öffentlichen Kommunikation weitgehend ausgeblendet.
Bereits das Landgericht Augsburg hatte die Berichterstattung als unzulässige identifizierende Verdachtsberichterstattung bewertet. Nach der veröffentlichten Darstellung der erstinstanzlichen Entscheidung beanstandete das Gericht nicht nur die Identifizierbarkeit des Betroffenen, sondern auch konkrete Tatsachenbehauptungen und die fehlende Einhaltung presserechtlicher Sorgfaltspflichten. SOKO Tierschutz wollte diese Entscheidung vor dem OLG zu Fall bringen – ohne Erfolg.
Aus einem Presserechtsstreit wurde angebliche „Zensur“
Vor dem OLG-Termin hatte SOKO Tierschutz seine Unterstützer noch mit großer Geste mobilisiert. Unter dem Schlagwort „Redefreiheit vor Gericht“ wurde behauptet, Tierleid dürfe nicht zensiert werden. Damit wurde der Eindruck erzeugt, ein Unternehmen wolle kritische Berichterstattung grundsätzlich verhindern und eine Tierschutzorganisation mundtot machen.
Diese Darstellung war von Beginn an verkürzt. Pressefreiheit bedeutet nicht, dass Organisationen Menschen oder Unternehmen nach Belieben identifizieren, schwerwiegende Vorwürfe verbreiten und dabei auf die üblichen journalistischen Sorgfaltsanforderungen verzichten dürfen. Wer öffentlich den Eindruck strafbaren oder systematisch rechtswidrigen Verhaltens erzeugt, muss über eine belastbare Tatsachengrundlage verfügen, Betroffene angemessen mit den Vorwürfen konfrontieren und zwischen gesicherten Erkenntnissen, Verdacht und eigener Bewertung unterscheiden.
Gerade SOKO Tierschutz tritt nicht als Privatperson mit einem spontanen Social-Media-Kommentar auf. Der Verein veröffentlicht professionell produzierte Beiträge, verschickt Pressemitteilungen, beliefert Medien mit Bildmaterial und erzielt mit seinen Kampagnen erhebliche öffentliche Reichweite. Wer diese publizistische Macht nutzt, muss sich auch an den rechtlichen Maßstäben messen lassen, die für professionelle Berichterstattung gelten.
Das Gericht hat SOKO Tierschutz deshalb nicht verboten, über das Thema Kaninchenhaltung oder die Gewinnung von Tierblut zu berichten. Untersagt wurde eine bestimmte Form der identifizierenden Berichterstattung. Aus dieser juristischen Grenze eine angebliche Zensur des Tierschutzes zu konstruieren, war vor allem eine wirkungsvolle Mobilisierungserzählung.
Laut vor dem Termin, still nach dem Urteil
Besonders aufschlussreich ist die Kommunikation nach dem verlorenen Verfahren. Vor Gerichtsterminen ruft SOKO Tierschutz regelmäßig zu Mahnwachen, Demonstrationen und öffentlicher Unterstützung auf. Anklagen, Ermittlungen oder Entscheidungen gegen Tierhalter werden häufig mit dramatischen Überschriften, Videos und Siegesmeldungen begleitet.
Auch im Fall Kissing wurde vorab lautstark mobilisiert. Von „Redefreiheit“, „Zensur“ und dem Versuch, die Organisation „mundtot“ zu machen, war die Rede. Unterstützer sollten erscheinen, Beiträge teilen und politischen sowie öffentlichen Druck erzeugen.
Nach der Entscheidung des Oberlandesgerichts ist von dieser offensiven Transparenz bislang wenig zu erkennen. Auf der eigenen Nachrichtenseite war bis zum Redaktionsschluss keine nachvollziehbare Aufarbeitung der erneuten Niederlage zu finden. Dort präsentiert sich SOKO Tierschutz gleichzeitig als Organisation, die Licht ins Dunkel bringen und umfassend informieren wolle.
Dieses Schweigen ist deshalb relevant, weil Transparenz nicht erst dort beginnen darf, wo sie dem eigenen Narrativ nutzt. Wer gerichtliche Entscheidungen gegen andere sofort kommentiert, muss auch bereit sein, Urteile gegen die eigene Organisation offen darzustellen. Dazu gehörten zumindest das Ergebnis, die wesentlichen Gründe, eine selbstkritische Einordnung und die Erklärung, welche Konsequenzen man daraus zieht.
Stattdessen entsteht erneut der Eindruck einer selektiven Öffentlichkeitsarbeit: Erfolge werden maximal ausgeschlachtet, Niederlagen möglichst geräuschlos übergangen. Das mag aus Sicht des Spendensammelns und der Kampagnenführung nachvollziehbar erscheinen. Mit dem eigenen Anspruch auf schonungslose Aufklärung und Transparenz ist es jedoch kaum vereinbar.
Auch die strafrechtliche Erzählung bekam Risse
Die OLG-Niederlage steht zudem nicht isoliert. Bereits im Juni 2026 hatte die Staatsanwaltschaft Augsburg das Ermittlungsverfahren gegen den Betriebsinhaber und den Seniorchef eingestellt. Nach der Prüfung sah die Behörde keinen hinreichenden Tierschutzverstoß, der eine strafrechtliche Verfolgung getragen hätte.
Damit scheiterten innerhalb kurzer Zeit zwei wesentliche Ebenen der SOKO-Kampagne. Strafrechtlich ließen sich die öffentlich erhobenen Vorwürfe nicht in ein entsprechendes Verfahren überführen. Presserechtlich wurde SOKO Tierschutz zunächst vom Landgericht Augsburg und nun erneut vom Oberlandesgericht München in die Schranken gewiesen.
Das bedeutet nicht automatisch, dass jede gezeigte Haltungssituation unproblematisch war oder dass eine öffentliche Debatte über Tierversuche, Kaninchenhaltung und Antikörperproduktion unzulässig wäre. Es bedeutet aber sehr wohl, dass moralische Empörung keine gerichtsfesten Belege ersetzt. Dramatische Bilder und maximal zugespitzte Begriffe können Aufmerksamkeit erzeugen – sie heben die Pflicht zu korrekter, sorgfältiger und verhältnismäßiger Berichterstattung jedoch nicht auf.
Gerade deshalb wäre eine sachliche Reaktion von SOKO Tierschutz wichtig. Der Verein könnte erklären, an welchen Punkten das Gericht seiner Argumentation nicht folgte und welche journalistischen Standards künftig verbessert werden sollen. Das bisherige Schweigen vermittelt dagegen eher den Eindruck, dass eine gerichtliche Entscheidung nur dann öffentlich bedeutsam sein soll, wenn sie sich für die eigene Kampagne verwerten lässt.
Aktivismus steht nicht über dem Presserecht
Das Urteil des Oberlandesgerichts München ist kein Sieg über den Tierschutz. Es ist eine erneute Erinnerung daran, dass auch aktivistische Organisationen Recht und Persönlichkeitsrechte beachten müssen. Ein selbst verliehenes moralisches Mandat schafft keine Sonderrechte.
SOKO Tierschutz fordert von Behörden, Unternehmen und Tierhaltern regelmäßig Transparenz, Reue und Konsequenzen. Nun wäre die Organisation selbst an der Reihe. Sie müsste ihren Unterstützern erklären, warum sie auch in zweiter Instanz gescheitert ist und weshalb ihre Darstellung vom angeblichen Zensurversuch vor Gericht offenbar nicht überzeugt hat.
Bislang bleibt es still. Und genau diese Stille sagt mehr über die Kommunikationsstrategie von SOKO Tierschutz aus als viele der sonst so lautstarken Pressemitteilungen. Transparenz ist eben erst dann glaubwürdig, wenn sie auch bei den eigenen Niederlagen gilt.
Quellen:
- Augsburger Allgemeine – Streit um Kaninchenanlage: Oberlandesgericht bestätigt Urteil gegen die Soko Tierschutz – https://www.augsburger-allgemeine.de/friedberg/soko-tierschutz-vs-kaninchenanlage-kissing-erneute-niederlage-fuer-tierschuetzer-vor-gericht-114886910
- GERATI – Soko Tierschutz vor dem OLG München: Streit um Namensnennung, Drohnenaufnahmen und unbelegte Vorwürfe – https://gerati.de/2026/07/28/soko-tierschutz-olg-muenchen-drohnenaufnahmen-namensnennung/
