Zwischen Wolfspräsenz und schwierigen Weidebedingungen
Auf dem dritten Schwarzwälder Weidetag in Schönwald standen Landwirte vor einer doppelten Herausforderung: Sie müssen ihre Tiere gegen mögliche Angriffe von Wölfen schützen und zugleich mit Klimawandel, Steillagen, Starkregen und zunehmenden Kosten umgehen. Beim Hofcafé Näbbe Duss zeigten Fachleute und Praktiker deshalb nicht nur neue Zauntechnik, sondern diskutierten auch, wie Weidehaltung im Schwarzwald langfristig erhalten werden kann. Veranstaltet wurde der Aktionstag vom Naturpark Südschwarzwald, dem Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverband und der Erzeugergemeinschaft Schwarzwald Schwarzwald Bio-Weiderind.
Die Weidehaltung hat für die Region mehr als eine landwirtschaftliche Funktion. Bürgermeister Christian Wörpel verwies auf ihre Bedeutung für Schönwald und den Tourismus, während Landwirte zugleich zur Pflege der Landschaft und zur Biodiversität beitragen. Nach Angaben aus der Veranstaltung werden allein in Villingen-Schwenningen rund 450 Tiere in 55 Revieren gehalten; ein Zeitpunkt für diese Bestandsangabe wurde dort nicht näher genannt. Für die Betriebe bedeutet das einen erheblichen Arbeits- und Kostenaufwand, der durch schwierige Wetterlagen zusätzlich steigt: Braune Wiesen, Trockenphasen und Starkregen erschweren die Futterversorgung und die Bewirtschaftung der Flächen.
Zäune allein lösen das Problem nicht
Besonders deutlich wurde die praktische Seite des Herdenschutzes bei den Vorführungen von Fest- und Mobilzäunen. Florian Armbruster und sein Team zeigten, wie Pfähle mit Raupe und Schlepper tief in den Boden eingebracht werden, während Sebastian Walter automatisierte Systeme zum Auslegen mobiler Zäune präsentierte. Die Firma Gallagher stellte Möglichkeiten zur Überwachung per Bluetooth oder WLAN vor, mit denen sich Störungen wie Stromausfälle oder Beschädigungen durch herabgefallene Äste schneller erkennen lassen. Damit wurde zugleich sichtbar, wie viel Technik und Arbeitszeit ein verlässlicher Herdenschutz im Alltag erfordert.
Ein Elektrozaun schützt jedoch nur dann zuverlässig, wenn er technisch korrekt aufgebaut und regelmäßig kontrolliert wird. Simon Zimmermann, Betriebsberater des Herdenschutzprojekts, erklärte, dass vor allem die Erdung entscheidend ist. Die Erdspieße müssen ausreichend tief in feuchte Bodenschichten reichen, damit die Spannung beim Kontakt mit dem Tier nicht zu stark abfällt. Auch Bewuchs, Waldränder und unebene Flächen können die Wirksamkeit beeinträchtigen, weil Vegetation Strom ableitet und die Pflege der Zauntrasse erschwert.
Das seit Ende 2023 laufende Herdenschutzprojekt begleitet 15 Pilotbetriebe und soll betriebsindividuelle, praxistaugliche Maßnahmen entwickeln. Ein im Projekt beschriebenes Beispiel ist ein Betrieb, der nach mehreren Wolfsrissen rund 80.000 Euro in einen etwa 1,20 Meter hohen Festzaun mit fünf Litzen sowie zusätzliche mobile Sicherungen investierte. Nach zwei Jahren wurde dort berichtet, dass es in der Region im laufenden Jahr noch keinen weiteren Riss gegeben habe und die umfangreichen Maßnahmen offenbar wirkten; daraus lässt sich jedoch kein allgemeiner Erfolg für alle Betriebe ableiten. Alle Weideflächen vollständig auf dieses Niveau zu bringen, gilt nach Einschätzung des Herdenschutzberaters vielfach als finanziell und arbeitswirtschaftlich nicht umsetzbar.
Für besonders gefährdete Kälberweiden können fünf Litzen oder eine zeitweise Stallhaltung dennoch erforderlich sein. Auf großen, verstreuten oder steilen Flächen müssen Tierhalter daher zwischen Festzäunen, ergänzenden Mobilzäunen und einer zeitweisen Sicherung einzelner Bereiche abwägen. Festzäune bieten eine dauerhafte Abgrenzung, verlangen aber regelmäßiges Freischneiden und eine funktionierende Erdung; Mobilzäune sind flexibler, müssen dafür häufiger umgesetzt, kontrolliert und bei Bedarf nachgespannt werden. Herdenschutzhunde wurden ebenfalls als Möglichkeit genannt, kommen nach den Erfahrungen des Projekts im Schwarzwald aber vielfach nicht infrage, weil dafür zusätzliche Anforderungen an Haltung, Zaun und tägliche Betreuung entstehen.
Wehrhafte Herden und mehrere Schutzbausteine
Projektkoordinatorin Rebecca Müller betonte in Schönwald, dass reiner Zaunschutz nicht genüge. Herden müssten so zusammengestellt und geführt werden, dass sie sich gegen einen Angreifer besser behaupten können. Eine kompakte Herdenstruktur mit ausgewachsenen Tieren ist dabei ein im Projekt verfolgter Ansatz beziehungsweise eine Einschätzung zur möglichen Wehrhaftigkeit, nicht jedoch ein unabhängig belegter Garant für einen erfolgreichen Schutz. Sie ersetzt daher weder funktionierende Zäune noch die regelmäßige Kontrolle der Weide.
Als weitere Möglichkeit wurde der Einsatz von Herdenschutzhunden vorgestellt. Ronja Schütz von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt erläuterte zugleich das Monitoring von Beutegreifern. Für Baden-Württemberg wurden bei der Veranstaltung fünf Wolfsterritorien mit eindeutigen Nachweisen genannt; auch diese Angabe wurde dort ohne näher bezeichneten Erhebungszeitpunkt präsentiert. Für Tierhalter bedeutet das nicht automatisch, dass überall dieselben Maßnahmen notwendig sind, wohl aber, dass Beratung und eine Anpassung an die örtlichen Bedingungen an Bedeutung gewinnen.
Wie Herdenschutzmaßnahmen praktisch bewertet werden zeigt auch der Blick auf andere Regionen. Der entscheidende Unterschied liegt häufig nicht in der Existenz einzelner Schutzmittel, sondern in ihrer dauerhaften Umsetzbarkeit. Steile Hänge, große und verstreute Weideflächen sowie fehlende Arbeitszeit machen Lösungen notwendig, die technisch wirksam und im Alltag beherrschbar sind. Die Veranstaltung verband deshalb technische Demonstrationen mit der Frage, wie solche Maßnahmen dauerhaft finanziert und betrieben werden können.
Faire Preise statt alleiniger Förderung
Landrat Sven Hinterseh stellte die wirtschaftliche Seite in den Mittelpunkt. Die Weidetierhaltung koste viel und werde durch Strukturwandel sowie Wetterextreme zusätzlich belastet. Förderprogramme könnten helfen, sie aber nicht dauerhaft ersetzen. Aus seiner Sicht sollten Verbraucher an der Ladentheke faire Preise für landwirtschaftliche Produkte zahlen.
Damit wird der Herdenschutz zu einer Frage, die über den Umgang mit dem Wolf hinausgeht. Jeder zusätzliche Zaun, jede Kontrolle und jede Anpassung der Herde bindet Zeit und Kapital, während die regionale Weidehaltung zugleich Landschaftspflege, Tourismus und Biodiversität unterstützt. Der Aktionstag machte deshalb deutlich: Einen einzelnen technischen Königsweg gibt es nicht. Tragfähig ist nur ein System aus passender Zauntechnik, funktionierender Erdung, angepasster Herdenführung, fachlicher Beratung und einer wirtschaftlichen Perspektive für die Betriebe.
Quellen
- schwarzwaelder-bote.de – Aktionstag in Schönwald: Klimawandel und Wolf – Weidetierhalter stehen vor großen … – https://www.schwarzwaelder-bote.de/lokales/st-georgen-triberg/aktionstag-in-schoenwald-weidetierhalter-stehen-vor-grossen-herausforderungen-79425302.html
- topagrar.com – Herdenschutz: Diese Maßnahmen helfen, Rinder vor dem Wolf zu schützen | top agrar – https://www.topagrar.com/rind/news/so-halt-die-herde-dem-wolf-besser-stand-b-20026500.html
- blhv.de – Startschuss für das Herdenschutzprojekt – BLHV – https://www.blhv.de/startschuss-fuer-das-herdenschutzprojekt
- blhv.de – Wehrhaftigkeit von Weiderindern fördern – BLHV – https://www.blhv.de/wehrhaftigkeit-von-weiderindern-foerdern
- fva-bw.de – Herdenschutzberatung – https://www.fva-bw.de/top-meta-navigation/fachabteilungen/fva-wildtierinstitut/luchs-wolf/wolf/herdenschutzberatung
