Schafzucht im Wandel: Was jetzt in Niedersachsen passiert
In Niedersachsen warnen Zuchtberater und Verbandsvertreter, dass sich die Schafhaltung in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gewandelt hat: Weg von rein ökonomisch orientierter Hochleistungszucht, hin zu einer stärker erhaltungsorientierten Aufgabe. Das sagt Klaus Gerdes, Leiter des Sachgebiets Tierzucht bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen und Ansprechpartner der Schafzuchtverbände. Er nennt die Zahl, dass etwa 80 Prozent der eingetragenen Zuchtschafe in Niedersachsen gefährdeten Rassen angehören. Für Regionen wie die Lüneburger Heide oder die Deichlandschaften an der Küste seien diese Rassen nicht nur kulturhistorisch bedeutsam, sondern erbracht auch funktionale Leistungen bei Landschafts- und Deichpflege. Gerdes betont, dass bestimmte, an raue Standorte angepasste Rassen gebraucht werden; ein auf Fleisch selektiertes Texelschaf sei für karge Heideflächen ungeeignet und würde dort nicht zurechtkommen.
Rasseerhalt trifft auf strukturelle Hürden
Gerdes beschreibt, wie die Priorität heute auf dem Erhalt historischer Rassen liegt: Bentheimer Landschaf, Ostfriesisches Milchschaf und vergleichbare Typen sollen bewahrt werden, weil sie an ihren Lebensraum angepasst sind und ökologische Leistungen erbringen. Zugleich zeigt seine Darstellung einen strukturellen Widerspruch: Die Mehrheit der Halter sind Kleinerzeuger oder Hobbyhalter. Nach den Angaben im Interview sind rund 80 Prozent der etwa 11.500 Schafhalter in Niedersachsen kleine Haltungen mit fünf bis zehn Tieren. Solche Strukturen sind schwer mit marktwirtschaftlicher Verarbeitung kombinierbar und erschweren die Bildung wirtschaftlich tragfähiger Wertschöpfungsketten.
Das wird besonders bei der Schafmilch deutlich: Niedersachsen verfüge faktisch über keine Molkerei, die Schafmilch in nennenswertem Umfang annimmt, so Gerdes. Kleine Melkbetriebe verarbeiten ihre Milch meist selbst zu Käse und Joghurt und verkaufen diese Produkte direkt. Rechtlich gilt ein Betrieb als Molkerei, sobald er Milch Dritter mitverarbeitet; dann greifen umfangreiche EU-Vorgaben. Nach Gerdes’ Darstellung schrecken genau diese regulatorischen Anforderungen viele kleine Produzenten davon ab, sich zu vernetzen oder zu erweitern. Diese Bürokratie behindere die Entwicklung regionaler Verarbeitungsstrukturen und damit auch die wirtschaftliche Perspektive von Erhaltungszuchten.
Wolfskonflikt: Existenzgefährdend für Kleinhalter
Neben strukturellen und bürokratischen Problemen nennt Gerdes den Wolf als zunehmende Belastung für Schafhalter. Niedersachsen erlebte Jahre mit hohen Risszahlen; Gerdes nennt in seiner Darstellung Jahreswerte, etwa früher über 1.000 gerissene Schafe, zuletzt um die 600. Nach seinen Schilderungen geben vor allem Halter gefährdeter Rassen wegen wiederholter Übergriffe auf, weil sie ihre Schafhaltung oft als Kultur- oder Freizeitaufgabe betreiben und nicht als „Futterproduktion“ für Raubtiere akzeptieren wollen. Gerdes berichtet von verzweifelten Anrufen von Haltern, die morgens gerissene Tiere auf der Weide vorfanden. Diese Schilderungen stammen aus seiner Beratungspraxis und sind als fachliche Einschätzung zu verstehen; das vorliegende Material enthält keine vollständigen, amtlich verifizierten Statistiken zu einzelnen Schadenssummen oder zu individuellen Ausstiegsraten.
Was belegt ist — und was offen bleibt
Die zentralen Aussagen stützen sich auf das Interview mit Gerdes und auf seine offizielle Funktion bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Belastbare, amtliche Zahlen zu den genauen Rissursachen, zur Höhe der wirtschaftlichen Schäden oder zu konkreten Ausstiegsquoten von Züchtern liefert das vorliegende Material nicht in detaillierter Form. Ebenso gibt es im vorliegenden Material keine direkte amtliche Bestätigung, dass EU-Vorgaben konkret einzelne niedersächsische Kleinerzeuger rechtlich an der Verarbeitung hindern; dies ist eine bewertende Einschätzung aus der Beratungspraxis. Die Differenz zwischen persönlichen Beratungserfahrungen und amtlich dokumentierten Statistiken bleibt damit eine offene Beleglage, die für politische Entscheidungen genauer quantifiziert werden müsste.
Quellen:
– Tierzuchtberater über Weidehaltung: „Schafe haben maßgeblich zur Evolution beigetragen“ – https://taz.de/Tierzuchtberater-ueber-Weidehaltung/!6197727/ – https://www.lwk-niedersachsen.de/lwk/kontaktmanager/103006_Klaus_Gerdes – https://www.nlwkn.niedersachsen.de/download/78709/Vortrag_Gerdes.pdf – https://www.ml.niedersachsen.de/download/198725/Tierschutzleitlinie_fuer_die_Schafhaltung.pdf – https://www.ml.niedersachsen.de/startseite/themen/landwirtschaft/tiere/schafhaltung-149368.html – https://cdu-kaarst.de/personen/dr-klaus-gerdes/ – GERATI: Wolfsbejagung Niedersachsen: Aufnahme in das Jagdrecht und die Praxis der Schnellabschüsse – https://gerati.de/2026/07/17/wolfsbejagung-niedersachsen-jagdrecht-schnellabschuss-evt-dac4697eb2/
