Zum Inhalt springen

Fakten statt Polemik. Aufklärung über radikalen Tierschutz.

Kritisch. Fundiert. Unabhängig.Hintergrundanalysen und aktuelle Entwicklungen.

Schlagwort: Wolf in Niedersachsen

  • Warum Schafzucht in Niedersachsen heute Rasseerhalt, Landschaftspflege und Bürokratie zugleich ist

    Warum Schafzucht in Niedersachsen heute Rasseerhalt, Landschaftspflege und Bürokratie zugleich ist

    Schafzucht im Wandel: Vom Nutztier zum lebenden Kulturgut

    Die Schafzucht in Niedersachsen hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Wo früher vor allem wirtschaftliche Leistung, Fleischansatz oder Milchmenge im Mittelpunkt standen, geht es heute zunehmend um den Erhalt alter Rassen, die Pflege wertvoller Kulturlandschaften und den Schutz genetischer Vielfalt.

    Darauf weist Klaus Gerdes hin, Leiter des Sachgebiets Tierzucht bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen und Ansprechpartner der niedersächsischen Schafzuchtverbände. Nach seinen Angaben gehören rund 80 Prozent der im Zuchtbuch eingetragenen Schafe in Niedersachsen gefährdeten Rassen an.

    Damit ist die Schafhaltung längst mehr als ein rein landwirtschaftlicher Produktionszweig. In der Lüneburger Heide, auf Moorflächen oder an den Deichen der Nordseeküste übernehmen Schafe Aufgaben, die sich nicht beliebig durch Maschinen oder andere Nutztiere ersetzen lassen. Sie halten Flächen offen, verdichten mit ihrem Tritt die Grasnarbe und tragen dazu bei, historisch gewachsene Landschaften zu erhalten.

    Entscheidend ist dabei die Wahl der passenden Rasse. Ein auf hohe Fleischleistung gezüchtetes Texelschaf ist für magere Heideflächen kaum geeignet. Dort werden robuste und genügsame Tiere benötigt, die über Generationen an karge Böden, wechselnde Witterung und extensive Haltung angepasst wurden.

    Gefährdete Rassen erhalten – aber unter welchen Bedingungen?

    Zu diesen schützenswerten Rassen gehören unter anderem das Bentheimer Landschaf und das Ostfriesische Milchschaf. Ihr Erhalt wird politisch und gesellschaftlich regelmäßig gefordert. In der Praxis liegt diese Aufgabe jedoch häufig bei kleinen Betrieben, Nebenerwerbshaltern und Privatpersonen.

    Nach den von Gerdes genannten Zahlen halten rund 80 Prozent der etwa 11.500 niedersächsischen Schafhalter lediglich fünf bis zehn Tiere. Gerade diese kleinen Bestände tragen dazu bei, seltene Rassen überhaupt noch in der Fläche zu erhalten.

    Gleichzeitig zeigt sich hier ein grundlegender Widerspruch: Die Gesellschaft erwartet Landschaftspflege, Artenvielfalt, tiergerechte Weidehaltung und den Erhalt alter Nutztierrassen. Wirtschaftlich tragfähige Strukturen werden den Haltern dafür jedoch kaum geboten.

    Kleine Tierbestände lassen sich nur schwer in klassische Vermarktungs- und Verarbeitungsketten integrieren. Schlachtung, Transport, Milchverarbeitung und Direktvermarktung verursachen einen hohen organisatorischen und finanziellen Aufwand. Was politisch als erhaltenswert bezeichnet wird, bleibt wirtschaftlich daher häufig vom persönlichen Einsatz einzelner Halter abhängig.

    Schafmilch: Regional gewünscht, bürokratisch ausgebremst

    Besonders deutlich wird das Problem bei der Verarbeitung von Schafmilch. Nach Gerdes’ Darstellung existiert in Niedersachsen praktisch keine Molkerei, die größere Mengen Schafmilch von verschiedenen Betrieben annimmt.

    Kleine Milchschafhalter verarbeiten ihre Milch deshalb meist selbst zu Käse, Joghurt oder anderen Produkten und verkaufen diese direkt. Solange ausschließlich die eigene Milch verarbeitet wird, bleibt der Betrieb rechtlich überschaubar organisiert.

    Sobald jedoch Milch eines anderen Halters mitverarbeitet wird, kann der Betrieb rechtlich als Molkerei gelten. Damit greifen umfangreichere hygienische, technische und dokumentarische Anforderungen. Für kleine Erzeuger können die dafür notwendigen Investitionen und Genehmigungsverfahren kaum zu bewältigen sein.

    Ausgerechnet jene Zusammenarbeit, die regionale Wertschöpfung und den Erhalt kleiner Milchschafbestände stärken könnte, wird dadurch erheblich erschwert. Politisch wird Regionalität gefordert, regulatorisch werden Zusammenschlüsse kleiner Produzenten jedoch schnell mit Vorgaben belastet, die eher für größere Verarbeitungsbetriebe ausgelegt sind.

    Der Rasseerhalt scheitert damit nicht unbedingt am fehlenden Engagement der Halter. Er droht vielmehr an Strukturen zu scheitern, die kleine Betriebe fördern sollen, ihnen in der Praxis aber kaum Raum zur wirtschaftlichen Entwicklung lassen.

    Der Wolf verschärft den Druck auf kleine Schafhalter

    Zu wirtschaftlichen und bürokratischen Schwierigkeiten kommt in Niedersachsen der zunehmende Konflikt mit dem Wolf. Nach den Schilderungen von Gerdes gab es in einzelnen Jahren mehr als 1.000 gerissene Schafe. Zuletzt hätten die Zahlen bei etwa 600 Tieren pro Jahr gelegen.

    Unabhängig von der genauen Jahresstatistik ist die Belastung für betroffene Halter erheblich. Ein Wolfsübergriff bedeutet nicht nur den Verlust einzelner Tiere. Häufig werden weitere Schafe verletzt, müssen notgeschlachtet werden oder reagieren über längere Zeit mit Stress und Verhaltensstörungen.

    Gerade für Halter seltener Rassen können solche Verluste besonders schwer wiegen. Ein gerissenes Zuchttier ist nicht ohne Weiteres ersetzbar. Mit ihm können wertvolle Blutlinien und jahrelange züchterische Arbeit verloren gehen.

    Gerdes berichtet aus seiner Beratungspraxis von verzweifelten Haltern, die morgens tote oder schwer verletzte Tiere auf ihren Weiden finden. Manche von ihnen geben die Schafhaltung nach wiederholten Übergriffen vollständig auf.

    Das betrifft besonders jene Menschen, die ihre Tiere nicht primär aus wirtschaftlichen Gründen halten, sondern aus Überzeugung, Traditionsbewusstsein oder Freude an einer bestimmten Rasse. Von ihnen zu erwarten, immer höhere Zäune zu errichten, zusätzliche Arbeitsstunden zu leisten und dennoch weitere Verluste hinzunehmen, geht an der Realität vieler kleiner Haltungen vorbei.

    Herdenschutz allein löst das Grundproblem nicht

    In der politischen Debatte wird häufig auf Herdenschutzmaßnahmen verwiesen. Elektrifizierte Zäune, höhere Einfriedungen und Herdenschutzhunde können das Risiko von Wolfsübergriffen reduzieren. Einen vollständigen Schutz bieten sie jedoch nicht.

    Besonders kleine Halter stoßen schnell an praktische Grenzen. Zäune müssen regelmäßig kontrolliert, von Bewuchs freigehalten und an wechselnde Flächen angepasst werden. Herdenschutzhunde verursachen laufende Kosten, benötigen Erfahrung und können in dicht besiedelten Regionen zu neuen Konflikten führen.

    Hinzu kommt, dass nicht jede Landschaft für technisch aufwendigen Herdenschutz geeignet ist. Deiche, touristisch genutzte Flächen, Naturschutzgebiete oder kleinteilige Weiden stellen andere Anforderungen als große, zusammenhängende Betriebe.

    Wer den Erhalt gefährdeter Schafrassen politisch ernst meint, kann die Verantwortung deshalb nicht allein bei den Tierhaltern abladen. Es braucht ein Wolfsmanagement, das nicht erst reagiert, wenn zahlreiche Tiere gerissen wurden und ein Betrieb vor der Aufgabe steht.

    Die Aufnahme des Wolfs in das niedersächsische Jagdrecht und die Möglichkeit schnellerer Abschüsse auffälliger Tiere können dabei ein notwendiger Baustein sein. Entscheidend wird jedoch sein, ob diese Instrumente in der Praxis tatsächlich zügig und rechtssicher eingesetzt werden.

    Rasseerhalt braucht mehr als politische Sonntagsreden

    Die Schafhaltung in Niedersachsen steht beispielhaft für einen politischen Zielkonflikt. Alte Rassen sollen erhalten, Kulturlandschaften gepflegt und regionale Lebensmittel produziert werden. Gleichzeitig kämpfen die Halter mit fehlenden Verarbeitungsstrukturen, steigender Bürokratie, hohen Kosten und dem Risiko von Wolfsübergriffen.

    Es reicht nicht, gefährdete Schafrassen in Förderprogrammen aufzulisten oder ihre kulturhistorische Bedeutung zu betonen. Wer ihren Fortbestand sichern will, muss dafür sorgen, dass die Menschen hinter diesen Tieren eine realistische Zukunftsperspektive haben.

    Dazu gehören praxistaugliche Regeln für kleine Verarbeitungsbetriebe, regionale Schlacht- und Molkereistrukturen, eine verlässliche Förderung der Landschaftspflege sowie ein wirksames Management von Problemwölfen.

    Andernfalls wird der Rasseerhalt weiter von Idealisten getragen, während Politik und Gesellschaft die Leistungen der Schafhalter zwar loben, ihnen die tägliche Arbeit aber zunehmend erschweren.

    Am Ende verschwinden nicht nur einzelne Betriebe. Mit ihnen verschwinden alte Nutztierrassen, regionale Traditionen und Formen der Landschaftspflege, die sich später kaum wiederherstellen lassen.

    Quellen

  • Wolfsmanagement in Iggewarden: Kritik am Podium der CDU-Veranstaltung greift zu kurz

    Wolfsmanagement in Iggewarden: Kritik am Podium der CDU-Veranstaltung greift zu kurz

    CDU und Hegering laden zur öffentlichen Wolfsdebatte

    Am Montag, dem 24. August 2026, findet auf dem Hof Iggewarden eine öffentliche Informationsveranstaltung unter dem Titel „Rund um den Wolf“ statt. Eingeladen haben der CDU-Stadtverband Nordenham, der CDU-Gemeindeverband Butjadingen und der Hegering Butenland. Beginn der Veranstaltung ist um 19 Uhr.

    Im Mittelpunkt sollen die Auswirkungen der wachsenden Wolfspopulation auf Landwirtschaft, Weidetierhaltung und Deichsicherheit stehen. Nach bisherigen Angaben werden Vertreter aus Landwirtschaft und Politik sowie Fachleute mit Bezug zum Deichschutz an der Diskussion teilnehmen.

    Gerade in der Wesermarsch ist das Thema von besonderer Bedeutung. Schafe und andere Weidetiere erfüllen auf den Deichen nicht nur eine landwirtschaftliche Funktion, sondern leisten durch die Verdichtung der Grasnarbe auch einen Beitrag zum Küstenschutz. Wolfsangriffe betreffen deshalb nicht allein einzelne Tierhalter, sondern können mittelbar auch Fragen der regionalen Sicherheit berühren.

    Leser kritisiert Zusammensetzung des Podiums

    In einer Leserzuschrift an die „Kreiszeitung Wesermarsch“ kritisierte Lars Hadeler aus Bremerhaven, dass auf dem angekündigten Podium offenbar keine Vertreter des Naturschutzes vorgesehen seien. Er äußerte zugleich die Befürchtung, die Veranstaltung könne sich einseitig auf erleichterte Abschüsse von Wölfen konzentrieren.

    Diese Kritik wirft jedoch selbst Fragen auf. Weder ist bislang eine vollständige Teilnehmerliste veröffentlicht worden, noch ist ersichtlich, weshalb Vertreter von Naturschutzverbänden zwingend über größere praktische Fachkenntnisse verfügen sollten als Weidetierhalter, Jäger, Deichverantwortliche oder Mitarbeiter des Wolfsmanagements.

    Naturschutzorganisationen vertreten zudem eigene politische und gesellschaftliche Interessen. Ihre Beteiligung kann eine Diskussion ergänzen, macht eine Veranstaltung aber nicht automatisch fachlicher oder ausgewogener. Ebenso wenig wird eine Veranstaltung allein deshalb einseitig, weil Menschen zu Wort kommen, die unmittelbar mit den Folgen von Wolfsangriffen konfrontiert sind.

    Praktische Erfahrung ist ebenfalls Fachwissen

    In der Wolfsdebatte wird häufig der Eindruck vermittelt, Fachkompetenz liege fast ausschließlich bei Naturschutzverbänden oder Biologen. Für die tatsächlichen Probleme vor Ort reicht diese Perspektive jedoch nicht aus.

    Weidetierhalter verfügen über praktische Erfahrungen mit Herdenschutz, Zaunanlagen, Tierverhalten und den Folgen von Wolfsangriffen. Jäger können Kenntnisse über Wildtierbestände, Revierstrukturen und auffälliges Verhalten einbringen. Vertreter des Deichschutzes müssen beurteilen, welche Auswirkungen eine erschwerte Schafhaltung auf die Pflege und Stabilität der Deiche haben kann.

    Auch diese Erfahrungen sind fachlich relevant. Eine ernsthafte Diskussion über Wolfsmanagement darf deshalb nicht nur theoretische Schutzkonzepte behandeln, sondern muss berücksichtigen, ob die vorgeschlagenen Maßnahmen unter realen Bedingungen überhaupt umsetzbar sind.

    Abschüsse sind nicht das einzige Thema – dürfen aber auch kein Tabu sein

    Kritiker von Veranstaltungen zum Wolfsmanagement warnen regelmäßig davor, den Abschuss als einzige Lösung darzustellen. Tatsächlich umfasst Wolfsmanagement weit mehr als die Entnahme einzelner Tiere. Dazu gehören Monitoring, Präventionsmaßnahmen, Entschädigungen, Beratung und der Schutz von Weidetieren.

    Das bedeutet jedoch nicht, dass die Entnahme auffälliger Wölfe aus der Diskussion ausgeschlossen werden darf. Wenn Tiere wiederholt geeignete Schutzmaßnahmen überwinden, Nutztiere angreifen oder ihre Scheu gegenüber Menschen verlieren, muss der Staat handlungsfähig bleiben.

    Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob über Abschüsse gesprochen werden darf, sondern unter welchen rechtlichen und fachlichen Voraussetzungen eine Entnahme zulässig und erforderlich ist. Eine ergebnisoffene Informationsveranstaltung muss auch dieses Thema behandeln können, ohne dass den Teilnehmern pauschal Wolfsfeindlichkeit unterstellt wird.

    Niedersachsen drängt auf Änderungen beim Wolfsrecht

    Die Veranstaltung findet zu einem Zeitpunkt statt, an dem auf Landes- und Bundesebene über Änderungen beim Umgang mit dem Wolf diskutiert wird. Das Niedersächsische Landwirtschaftsministerium setzt sich seit Längerem für rechtssichere und schnellere Möglichkeiten zur Entnahme problematischer Wölfe ein.

    Dabei geht es insbesondere um Regionen mit hoher Wolfsdichte sowie um Fälle, in denen Herdenschutzmaßnahmen ihre Wirkung verlieren. Die bisherigen Verfahren werden von Tierhaltern und politischen Vertretern häufig als zu langsam, kompliziert und praxisfern kritisiert.

    Amtliche Daten zum Wolfsbestand und zu bestätigten Vorkommen stellt unter anderem die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf bereit. Für konkrete Entscheidungen sind jedoch die zuständigen Landesbehörden verantwortlich. Naturschutzverbände besitzen dagegen keine behördliche Entscheidungsbefugnis, auch wenn sie sich öffentlich regelmäßig zum Wolfsmanagement äußern.

    GERATI-Fazit

    Die Kritik an der Zusammensetzung des Podiums ist zum jetzigen Zeitpunkt verfrüht. Solange keine vollständige Teilnehmerliste vorliegt, lässt sich nicht seriös behaupten, dass fachlich relevante Positionen bewusst ausgeschlossen wurden.

    Zudem wäre es falsch, Fachkompetenz ausschließlich mit der Beteiligung klassischer Naturschutzorganisationen gleichzusetzen. Gerade bei einer regionalen Veranstaltung müssen diejenigen gehört werden, die täglich mit Weidetierhaltung, Deichpflege, Jagd und den praktischen Folgen der Wolfsausbreitung beschäftigt sind.

    Eine ausgewogene Diskussion entsteht nicht dadurch, dass möglichst viele Verbände auf einem Podium sitzen. Sie entsteht, wenn überprüfbare Daten, geltendes Recht und die Erfahrungen der unmittelbar Betroffenen gleichermaßen berücksichtigt werden. Ob dies in Iggewarden gelingt, wird sich erst anhand der tatsächlichen Teilnehmer und der dort geführten Debatte beurteilen lassen.

    Quellen: