In der Schweiz gehen die gemeldeten Nutztierrisse 2026 weiter zurück, während die Politik zusätzliche Wolfsabschüsse über eine regionale Bestandsobergrenze ermöglichen will. Im Wallis wurden bis Oktober 264 getötete Nutztiere gezählt, gegenüber rund 315 im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Graubünden verzeichnete bis Ende September 128 statt 189 Tiere. Die von Watson zusammengetragenen Zahlen zeigen damit eine Entlastung für die Tierhaltung, beantworten aber noch nicht, welchen Anteil Herdenschutz und Abschüsse jeweils daran haben.
Weniger Risse trotz gewachsenem Wolfsbestand
Für 2025 nennt Watson 43 Rudel und rund 350 Wölfe – den höchsten Bestand seit der Rückkehr der Art in die Schweiz. Noch 2020 waren es zehn Rudel und etwas mehr als 100 Tiere gewesen. Die Entwicklung der Nutztierschäden verlief zuletzt in die entgegengesetzte Richtung: Nach knapp 1.800 getöteten Nutztieren im Jahr 2022 lag die erfasste Zahl 2025 bei knapp über 800. Aus der Zahl der Wölfe allein lässt sich die Entwicklung der Risse deshalb nicht ablesen.
Allerdings hat sich die Erfassung über die Entschädigung verändert: Seit 2025 vergütet der Bund nur noch Risse in geschützten Herden oder solche, nach denen Sofortmaßnahmen ergriffen wurden. Die Bundeszahlen vor und nach dieser Änderung sind daher nicht ohne Weiteres vergleichbar. Der Rückgang begann jedoch früher: Bis 2024, als der Bund noch jeden Riss vergütete, war die Zahl gegenüber dem Höchststand bereits um gut ein Drittel gesunken. Auch die kantonalen Vergleiche für 2026 sprechen für eine weitere Abnahme; rechnerisch beträgt sie im Wallis rund 16 Prozent und in Graubünden rund 32 Prozent, jeweils innerhalb der genannten Vergleichszeiträume.
Das Wallis zeigt die Unterschiede vor Ort
Wie unterschiedlich die Lage innerhalb eines Kantons sein kann, zeigen die Zahlen aus dem Wallis bis Mitte Oktober 2026. Im Oberwallis wurden 185 Nutztiere bei 75 Angriffen getötet, im Unterwallis 79 Tiere bei 32 Angriffen. Dabei gab es im Unterwallis nach den von Watson wiedergegebenen Kora-Angaben fünf Schweizer und zwei grenzüberschreitende Rudel. Im Oberwallis waren es jeweils zwei Schweizer und zwei grenzüberschreitende Rudel: Mehr Rudel gingen in diesem Vergleich also nicht mit mehr getöteten Nutztieren einher.
Zugleich unterscheiden sich die Schutzbedingungen und die Eingriffe erheblich. Im Oberwallis waren 86 der getöteten Tiere ungeschützt, im Unterwallis 21 – annähernd die Hälfte gegenüber gut einem Viertel der jeweiligen Verluste. Im Winter vor der Alpsaison 2026 wurden im Unterwallis außerdem 20 Wölfe geschossen, im Oberwallis vier. Beide Unterschiede kommen als Erklärung für die geringeren Schäden im Unterwallis infrage; aus diesem Vergleich lässt sich jedoch weder der Erfolg allein den Abschüssen zuschreiben noch deren möglicher Beitrag ausschließen.
Herdenschutz wirkt, erreicht aber nicht jede Alp
Für die praktische Schutzwirkung gibt es konkretere Anhaltspunkte als für die Aufteilung des landesweiten Rückgangs. Watson berichtet über eine Kora-Studie von 2022, in der Herdenschutzhunde die Zahl getöteter Nutztiere pro Wolfsangriff um 54 bis 75 Prozent verringerten. Weitere Fallstudien zeigten bei korrekt installierten Elektrozäunen eine Schadensminderung von mehr als 75 Prozent. Diese Ergebnisse betreffen die untersuchten Schutzmaßnahmen und Situationen; sie sind keine Berechnung darüber, wie viel des Schweizer Rückgangs 2026 auf Hunde oder Zäune entfällt.
Für Halter im schwierigen Gelände bleibt entscheidend, ob sich solche Maßnahmen vor Ort wirksam einsetzen lassen. Der Kanton Wallis führt die hohen Verluste im Oberwallis auch auf die Geländeformen zurück; kantonsweit wurden 2026 bis zum genannten Oktoberstand 44 der 264 Tiere in Situationen getötet, die als nicht schützbar gelten. Nach der von Watson beschriebenen Kora-Untersuchung beeinträchtigen unübersichtliches, stark zerklüftetes Gelände und ein hoher Waldanteil die Schutzwirkung von Herdenschutzhunden deutlich. Sinkende kantonale Gesamtzahlen bedeuten deshalb nicht, dass für jede einzelne Alp dieselben Möglichkeiten zur Schadensvermeidung bestehen.
Obergrenze soll zusätzliche Abschüsse ermöglichen
Präventive Wolfsabschüsse sind in der Schweiz seit Ende 2023 möglich. Zwischen September 2025 und Ende Januar 2026 schossen die Kantone 77 Wölfe. Das Bundesamt für Umwelt führt den Rückgang der Nutztierschäden nach der Darstellung bei Watson sowohl auf den ausgebauten Herdenschutz als auch auf die stärkere Regulierung zurück. Die unterschiedlichen politischen Vorstellungen zu Wolfsregulierung und kantonalen Befugnissen betreffen damit zusätzliche Eingriffe in ein bereits bestehendes Management.
Im September 2026 verlangte eine Parlamentsmehrheit eine regionale Obergrenze für die Wolfspopulation. Nach dem vom Tessiner Mitte-Ständerat Fabio Regazzi eingebrachten Vorstoß sollen Behörden bei Überschreiten dieses Werts überzählige Wölfe abschießen dürfen. Regazzi hält das bisherige System für zu langsam und zu bürokratisch. Der politische Streit dreht sich somit auch um den Maßstab für weitere Abschüsse: Die Obergrenze würde an die regionale Bestandszahl anknüpfen, während die aktuellen Schadenszahlen bereits sinken.
Welche Folgen Eingriffe in Rudel haben
Gegen zusätzliche Abschüsse wenden sich Akteure mit unterschiedlichen Begründungen. Pro Natura schreibt die sinkenden Risszahlen dem Herdenschutz zu, nicht den Abschüssen; David Gerke, Geschäftsführer der Gruppe Wolf Schweiz, hält die bestehenden gesetzlichen Instrumente für ausreichend. Gerke warnt außerdem, dass Jungwölfe nach dem Abschuss von Elterntieren früher aus dem Rudel abwandern könnten. Ob Abschüsse in der Schweiz tatsächlich mehr Einzelwölfe erzeugen, ist nach der von Watson wiedergegebenen Einschätzung der Stiftung Kora noch offen; die Auswirkungen des tödlichen Managements werden in einer bis 2029 laufenden Studie untersucht.
Auch die Annahme, Einzelwölfe verursachten grundsätzlich mehr Nutztierschäden als Rudel, verlangt eine differenzierte Betrachtung. Watson verweist auf eine italienische Untersuchung mit einem höheren Nutztieranteil im Kot umherziehender Einzelwölfe, während eine andere Schweizer Nahrungsanalyse diesen Unterschied nicht fand. Hinzu kommt als mögliche Erklärung, dass wandernde Tiere Gebiete erreichen, in denen der Herdenschutz noch weniger ausgebaut ist. Für die betroffenen Tierhalter bleibt deshalb die entscheidende praktische Frage, welche Kombination aus Schutzmaßnahmen und Eingriffen die Verluste unter ihren konkreten Bedingungen senkt – eine Bestandsobergrenze allein beantwortet sie nicht.
Quellen
- watson.ch – Wolf in der Schweiz: Warum die Wolfsrisse trotz Rekordbestand sinken – Watson – https://www.watson.ch/schweiz/gesellschaft-politik/795932905-wolf-in-der-schweiz-warum-die-wolfsrisse-trotz-rekordbestand-sinken

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