Wer im Supermarkt Schweinefleisch kauft, soll künftig erkennen können, unter welchen Bedingungen die Tiere gehalten wurden. Im Restaurant, in der Kantine oder am Imbiss bleibt diese Transparenz jedoch weiterhin lückenhaft. Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) fordert deshalb seit Jahren, Gastronomie und Außer-Haus-Verpflegung verbindlich in die Kennzeichnung einzubeziehen.
Die Forderung ist grundsätzlich nachvollziehbar. Allerdings muss zwischen der Herkunft des Fleisches und der Haltungsform der Tiere unterschieden werden. Beides wird in der politischen Debatte häufig miteinander vermischt – obwohl es sich rechtlich und inhaltlich um zwei verschiedene Kennzeichnungen handelt.
ISN warnt vor einer Kennzeichnung mit Schlupflöchern
Die ISN kritisiert, dass eine Kennzeichnung, die nur einen Teil des Marktes erfasst, kaum die versprochene Wirkung entfalten könne. Restaurants, Kantinen, Großküchen und andere gastronomische Betriebe bilden einen bedeutenden Absatzkanal für Fleisch. Bleiben sie außerhalb einer verbindlichen Regelung, können Verbraucher dort weiterhin kaum erkennen, woher das Schweinefleisch stammt oder unter welchen Bedingungen die Tiere gehalten wurden.
Aus Sicht der Schweinehalter entsteht dadurch ein Wettbewerbsnachteil für deutsche Betriebe. Während heimische Erzeuger zusätzliche Vorgaben erfüllen und Investitionen in ihre Ställe finanzieren sollen, kann in der Gastronomie weiterhin preisgünstigere Importware eingesetzt werden, ohne dass die Herkunft für den Gast unmittelbar sichtbar wird.
Die ISN bezeichnete entsprechende Pläne bereits in einer älteren Stellungnahme als „undurchdachtes Stückwerk“. Diese Kritik ist allerdings nicht neu: Die in mehreren aktuellen Darstellungen zitierte ISN-Meldung wurde bereits 2022 veröffentlicht und darf deshalb nicht als neue Reaktion aus dem Jahr 2026 dargestellt werden. z beschlossen – Kennzeichnung trotzdem erneut verschoben
Das Tierhaltungskennzeichnungsgesetz trat bereits am 24. August 2023 in Kraft. Es sieht zunächst eine verpflichtende Kennzeichnung für frisches, unverarbeitetes Schweinefleisch aus deutscher Produktion vor. Unterschieden werden die fünf Haltungsformen Stall, Stall plus Platz, Frischluftstall, Auslauf/Weide und Bio. lich sollte die Kennzeichnungspflicht ab August 2025 gelten. Der Start wurde zunächst auf den 1. März 2026 und anschließend erneut auf den 1. Januar 2027 verschoben. Der Bundestag begründete die zweite Verschiebung damit, dass CDU/CSU und SPD eine grundsätzliche Überarbeitung des Gesetzes vereinbart hätten und diese Reform nicht rechtzeitig abgeschlossen werden könne. eibt selbst die bereits beschlossene Kennzeichnung im Einzelhandel vorerst Zukunftsmusik. Gleichzeitig laufen Diskussionen darüber, Gastronomie, Außer-Haus-Verpflegung, verarbeitete Produkte und ausländische Ware später in das System einzubeziehen. Eine vollständig umgesetzte und für alle Absatzwege geltende Regelung existiert Ende Juli 2026 jedoch nicht.
Herkunft und Haltung sind nicht dasselbe
In der öffentlichen Diskussion werden zwei unterschiedliche Fragen häufig zusammengeführt: Wo wurde das Tier gehalten und geschlachtet? Und: Unter welchen Bedingungen wurde es gehalten?
Die staatliche Tierhaltungskennzeichnung beantwortet grundsätzlich nur die zweite Frage. Sie informiert über die Haltungsform während der Mast. Eine lückenlose Herkunftskennzeichnung, die dem Gast im Restaurant eindeutig zeigt, aus welchem Land das Fleisch stammt, ist damit nicht automatisch verbunden.
Gerade für die ISN ist diese Trennung entscheidend. Eine Haltungskennzeichnung kann deutschen Schweinehaltern nur dann einen Marktvorteil bringen, wenn auch ausländische Ware vergleichbar erfasst wird und Verbraucher zugleich erkennen können, ob das Fleisch tatsächlich aus Deutschland stammt. Andernfalls droht ein System, das deutsche Betriebe mit zusätzlichen Pflichten belastet, Importware aber nicht in gleichem Umfang einbezieht.
Kennzeichnung allein finanziert keinen Stallumbau
Hinter der Forderung steht nicht nur der Wunsch nach Verbraucherinformation. Die Schweinehaltung befindet sich seit Jahren unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Hohe Baukosten, schwankende Futter- und Energiepreise, geringe Margen und internationale Marktverwerfungen erschweren vielen Betrieben langfristige Investitionen.
Die ISN hofft, dass eine transparente Kennzeichnung die Nachfrage nach deutschem Schweinefleisch und nach höheren Haltungsstandards stärkt. Ob daraus tatsächlich höhere und verlässlich bei den Erzeugern ankommende Preise entstehen, ist jedoch offen. Ein Etikett allein garantiert weder ein Preispremium noch die Finanzierung kostspieliger Stallumbauten.
Auch Agrarökonom Achim Spiller warnte davor, den Umbau der Tierhaltung allein dem Markt und der Zahlungsbereitschaft der Verbraucher zu überlassen. Die von ihm mitgetragene Borchert-Kommission schlug ergänzend eine Abgabe von rund 40 Cent je Kilogramm Fleisch vor, um Investitionen in tiergerechtere Haltung dauerhaft zu finanzieren. Dabei handelt es sich jedoch um ein älteres Finanzierungskonzept und nicht um eine im Jahr 2026 beschlossene Abgabe. praktische Fragen bleiben unbeantwortet
Eine Ausweitung auf Restaurants und Kantinen klingt zunächst einfach, wäre in der Praxis aber mit erheblichem Aufwand verbunden. Geklärt werden müsste unter anderem, wie Betriebe die Angaben sichtbar machen, welche Nachweise Lieferanten vorlegen müssen und wie häufig Restaurants kontrolliert werden.
Offen ist auch, wer die zusätzlichen Kosten trägt und welche Sanktionen bei falschen oder fehlenden Angaben gelten sollen. Besonders schwierig wird die Kontrolle bei wechselnden Lieferanten, verarbeiteten Fleischprodukten, Mischgerichten und internationalen Lieferketten.
Auch Vertreter der Gastronomie verlangen deshalb klare und praktikable Vorgaben. Lobbyregistereinträge zeigen, dass Unternehmen und Verbände eine mögliche Ausweitung auf die Außer-Haus-Verpflegung bereits begleiten und vor unverhältnismäßiger Bürokratie oder Wettbewerbsverzerrungen warnen. I-Einordnung: Transparenz darf nicht an der Restauranttür enden
Die Forderung der Schweinehalter ist im Kern berechtigt. Es wäre kaum vermittelbar, Verbraucher im Supermarkt über Haltungsformen und möglicherweise auch über die Herkunft zu informieren, während dieselben Angaben beim Schnitzel im Restaurant oder beim Essen in der Kantine verschwinden.
Allerdings wäre es zu einfach, eine Kennzeichnung als Lösung sämtlicher Probleme der Schweinehaltung zu verkaufen. Sie schafft zunächst Transparenz. Ob Verbraucher deshalb mehr bezahlen, ob das zusätzliche Geld tatsächlich bei den Landwirten ankommt und ob damit Stallumbauten finanziert werden können, ist keineswegs gesichert.
Ebenso darf eine Kennzeichnung nicht zu einem einseitigen Belastungsprogramm für deutsche Betriebe werden. Werden heimische Schweinehalter streng erfasst, während Importfleisch, verarbeitete Ware oder gastronomische Angebote durch Schlupflöcher ausgenommen bleiben, könnte die Regelung den Wettbewerb sogar weiter verzerren.
Die Politik hat seit 2023 ein Gesetz, aber auch drei Jahre später noch kein vollständig funktionierendes System. Der Start wurde inzwischen auf den 1. Januar 2027 verschoben, die konkrete Einbindung der Gastronomie bleibt Gegenstand der Reformdebatte. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob mehr Transparenz sinnvoll wäre, sondern warum eine praktikable, einheitliche und wettbewerbsneutrale Regelung weiterhin nicht umgesetzt ist.
Die ISN ist dabei keine neutrale Verbraucherorganisation, sondern eine registrierte Interessenvertretung der Schweinehalter. Im Lobbyregister werden für den Verband insgesamt 8.800 Mitglieder zum Stand 31. Dezember 2024 ausgewiesen, darunter 8.600 natürliche Personen. Das erklärte Ziel der Organisation besteht darin, die Wettbewerbsstellung der Schweinehalter zu verbessern – vor diesem Hintergrund muss auch ihre Forderung nach einer umfassenderen Kennzeichnung eingeordnet werden.
Quellen:
- https://background.tagesspiegel.de/agrar-und-ernaehrung/briefing/schweinehalter-fordern-herkunftskennzeichnung-auch-in-gastronomie – Recherchierte Quelle
- https://www.schweine.net/news/verbindliche-haltungskennzeichnung-ohne-gastronomi.html – Registereintrag „ISN – Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands e.V.“
- https://www.lobbyregister.bundestag.de/suche/R004641 – Lobbyregister beim Deutschen Bundestag
- https://www.schweine.net/ – schweine.net
- https://www.schweine.net/news/oezdemir-stellt-entwurf-haltungskennzeichnung-vor.html – Özdemir stellt Entwurf zur Haltungskennzeichnung vor – ISN: Erster Schritt mit zu vielen Schlupflöchern (Schweine)
- https://gerati.de/2026/03/09/zoo-erfurt-gastronomie-4i28/ – GERATI: Zoo Erfurt Gastronomie: Neue Food-Trailer sollen Besucher und Inklusion zusammenbringen
