Steinkauz-Auswilderung: Was wurde aus dem Heidelberger Modellprojekt?

Im Herbst 2024 erprobten der Zoo Heidelberg und regionale Naturschützer eine besondere Methode zur Auswilderung von vier jungen Steinkäuzen. Die im Zoo geschlüpften Vögel waren aufgrund einer späten Brut bereits zu weit entwickelt, um wie zuvor als Nestlinge in bestehende Wildbruten eingesetzt zu werden. Statt die Tiere deshalb von der Auswilderung auszuschließen, entwickelte das Projektteam eine Übergangslösung mit kleinen Volieren an vorbereiteten Nisthilfen.

Der Ansatz war pragmatisch und fachlich nachvollziehbar. Dennoch entscheidet nicht allein die Konstruktion der Voliere darüber, ob aus einer innovativen Einzelmaßnahme tatsächlich ein übertragbares Modell wird. Maßgeblich ist, ob die ausgewilderten Käuze überlebten, die vorgesehenen Gebiete annahmen und später zur regionalen Population beitrugen.

Vier Nachzügler erfordern eine neue Lösung

Beim Artenschutzprojekt „Gemeinsam für den Steinkauz“ arbeiten der Zoo Heidelberg, der BUND-Ortsverband Dossenheim, weitere Naturschutzverbände und zahlreiche ehrenamtliche Helfer zusammen. Ziel ist es, den stark geschrumpften Steinkauzbestand im Rhein-Neckar-Raum zu stabilisieren und bestehende Lücken zwischen einzelnen Vorkommen zu schließen.

In den Jahren zuvor waren im Zoo geschlüpfte Steinkäuze bereits im Alter von ungefähr drei Wochen in passende Wildnester gesetzt worden. Dort konnten sie gemeinsam mit gleichaltrigen Jungvögeln aufwachsen und von wildlebenden Altvögeln versorgt werden. Ein 2023 auf diese Weise ausgewildertes Weibchen wurde später als Brutvogel wiedergefunden – ein konkreter Hinweis darauf, dass diese Form der Bestandsstützung funktionieren kann.

Im Jahr 2024 brütete eines der Steinkauzpaare im Zoo jedoch ungewöhnlich spät. Als die vier Jungvögel bereit für die Auswilderung waren, waren die Jungtiere in den geeigneten Wildnestern bereits zu groß. Ein späteres Hinzusetzen hätte nach Einschätzung der Verantwortlichen keine ausreichenden Erfolgsaussichten mehr geboten.

Drei Tage in einer provisorischen Minivoliere

Das Projektteam beantragte beim Regierungspräsidium eine Ergänzung der bestehenden Genehmigung. An den ausgewählten Nisthilfen wurden kleine Vorbauvolieren montiert, in denen die vier flüggen Jungvögel zunächst geschützt untergebracht wurden. Während dieser Übergangsphase konnten sie Geräusche, Gerüche und weitere Umweltreize am neuen Standort wahrnehmen.

Nach drei Tagen entfernten die Betreuer die provisorischen Volieren. Die Steinkäuze konnten daraufhin frei ausfliegen, hatten aber weiterhin Zugang zu den jeweiligen Nisthilfen. Die Standorte waren so gewählt worden, dass dort bislang keine Revierpaare festgestellt worden waren, zugleich aber eine Verbindung zu benachbarten Steinkauzvorkommen möglich erschien.

Die Methode sollte somit nicht lediglich vier Tiere freisetzen. Sie sollte gezielt unbesetzte Bereiche erschließen und bestehende Teilpopulationen besser miteinander verbinden. Das unterscheidet die Maßnahme von einer Freilassung ohne konkrete räumliche Planung.

Modellcharakter war ausdrücklich an Erfolg gebunden

In der ursprünglichen Mitteilung bezeichneten die Beteiligten das Vorgehen nicht vorschnell als bereits bewährtes Modell. Projektleiter Michael Ziara erklärte vielmehr, die pragmatische Lösung könne Modellcharakter erhalten, wenn sie erfolgreich sei. Die entscheidende Kontrolle der Nisthilfen wurde damals für Mai 2025 angekündigt.

Damit formulierten die Verantwortlichen selbst einen nachvollziehbaren Prüfpunkt. Zu klären wäre, ob die Jungvögel die Nisthilfen weiterhin nutzten, in der Umgebung nachgewiesen werden konnten oder später sogar Brutreviere besetzten. Solche Ergebnisse wären entscheidend, um die Wirksamkeit der neuen Variante von einer technisch gelungenen Freilassung zu unterscheiden.

Bislang ist jedoch keine leicht auffindbare öffentliche Auswertung bekannt, die das weitere Schicksal dieser vier Tiere konkret dokumentiert. Das bedeutet nicht, dass intern keine Kontrollen stattgefunden haben. Es bedeutet lediglich, dass der angekündigte Erfolg anhand der öffentlich zugänglichen Informationen derzeit nicht abschließend nachvollzogen werden kann.

Monitoring gehört bereits zum Gesamtprojekt

Dabei wäre es falsch, aus den offenen Fragen abzuleiten, das Heidelberger Steinkauzprojekt arbeite grundsätzlich ohne wissenschaftliche Begleitung oder Kennzeichnung. Bereits bei früheren Projektphasen wurden Jungvögel beringt. Der Zoo erklärte zudem, dass die Auswilderungen mit dem Regierungspräsidium Karlsruhe und der Vogelwarte Radolfzell abgestimmt und wissenschaftlich begleitet würden.

Gerade die Beringung ermöglichte den späteren Nachweis eines im Zoo geschlüpften Weibchens, das nach seiner Auswilderung selbst erfolgreich brütete. Dieser Wiederfund ist deutlich aussagekräftiger als eine bloße Beobachtung nicht identifizierbarer Steinkäuze im Projektgebiet. Auch andere regionale Schutzprogramme nutzen individuelle Ringe, um Herkunft, Wanderungen, Alter und spätere Bruterfolge nachvollziehen zu können.

Für die vier im Herbst 2024 über Minivolieren ausgewilderten Tiere wäre deshalb besonders interessant, ob dieselbe Kennzeichnung und Nachverfolgung eingesetzt wurde. Eine kompakte Veröffentlichung der Kontrollergebnisse könnte diese Frage beantworten, ohne sensible Standorte preiszugeben.

Zoo und Naturschutzverbände ergänzen sich

Das Projekt zeigt zugleich, welche Rolle zoologische Einrichtungen im regionalen Artenschutz übernehmen können. Der Zoo Heidelberg stellte nicht nur nachgezüchtete Tiere zur Verfügung, sondern brachte Zuchterfahrung, Personal und zoologische Fachkenntnisse ein. Die Naturschutzverbände wiederum verfügten über Kenntnisse der örtlichen Bestände, geeigneter Lebensräume und vorhandener Nisthilfen.

Diese Zusammenarbeit widerspricht der pauschalen Behauptung, Tierhaltung in Zoos und praktischer Artenschutz seien grundsätzlich Gegensätze. Im Rhein-Neckar-Raum war 2020 nur noch ein erfolgreich brütendes Steinkauzpaar bekannt. Vier Jahre später meldete das Projekt mindestens zehn Brutpaare mit insgesamt 47 Jungvögeln. Dieser Bestandsanstieg kann nicht allein einer einzelnen Maßnahme zugeschrieben werden, zeigt aber, dass langfristige Lebensraumpflege, Nisthilfen, ehrenamtliche Betreuung und gezielte Bestandsstützung gemeinsam Wirkung entfalten können.

Auch die neue Minivolieren-Methode sollte deshalb weder vorschnell gefeiert noch aus Prinzip kleingeredet werden. Sie war eine fachlich begründete Reaktion auf ein konkretes Problem und eröffnete vier spät geschlüpften Jungvögeln überhaupt erst eine realistische Möglichkeit zur Auswilderung.

Aus einer guten Idee muss ein belegbares Ergebnis werden

Ob das Heidelberger Vorgehen künftig auch für andere Projekte empfohlen werden kann, hängt von den Ergebnissen nach der Freilassung ab. Relevant wären bestätigte Sichtungen der individuell gekennzeichneten Tiere, ihre Überlebensdauer, die Annahme der Nisthilfen, die Bildung eigener Reviere und spätere Brutnachweise. Ebenso müsste geprüft werden, ob die dreitägige Eingewöhnung gegenüber einer direkten Freilassung tatsächlich einen erkennbaren Vorteil bietet.

Der entscheidende Kritikpunkt richtet sich daher nicht gegen die Auswilderung selbst. Im Gegenteil: Die Beteiligten reagierten flexibel, arbeiteten mit den zuständigen Behörden zusammen und schufen eine Alternative zum Ausschluss der vier Jungvögel aus dem Projekt. Offen bleibt lediglich, ob der im Jahr 2024 angekündigte Modellcharakter durch die späteren Kontrollergebnisse bestätigt wurde.

Eine Veröffentlichung dieser Ergebnisse wäre nicht nur im Interesse des Zoos und der beteiligten Verbände. Sie könnte anderen Artenschutzprojekten helfen, das Verfahren fachlich einzuordnen und bei vergleichbaren Problemen anzuwenden. Erst dann würde aus einer überzeugenden pragmatischen Lösung ein tatsächlich belegtes Modell für die Bestandsstärkung des Steinkauzes.

Quellen:

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