Der Kanton Wallis hat nach einem schweren Wolfsangriff auf eine Schafherde im Fieschertal innerhalb von nur rund 48 Stunden eine Abschussbewilligung erteilt. Auslöser waren neun gerissene Schafe auf der Alp Märjelen oberhalb von Fiesch. Während Naturschutzorganisationen eine sorgfältige Prüfung solcher Entscheidungen fordern, sehen viele Landwirte und Alpbewirtschafter in dem schnellen Handeln ein wichtiges Signal.
Der Vorfall zeigt einmal mehr, wie kontrovers das Wolfsmanagement in der Schweiz inzwischen diskutiert wird. Zwischen dem Schutz einer streng geschützten Tierart und dem Schutz der Nutztierhaltung geraten die Kantone immer häufiger unter erheblichen politischen und gesellschaftlichen Druck.
Neun Schafe auf einer Alp getötet
Der Angriff ereignete sich Anfang der Woche auf der Schafalpe Märjelen im Fieschertal im Goms. Nach Angaben der zuständigen Behörden wurden dabei neun Schafe getötet. Die Wildhut dokumentierte den Schaden und leitete unmittelbar die erforderlichen Untersuchungen ein.
Bereits kurz darauf lagen offenbar sämtliche Voraussetzungen vor, um nach den geltenden gesetzlichen Bestimmungen eine Abschussbewilligung zu verfügen. Staatsrat Christophe Darbellay unterzeichnete die Bewilligung bereits etwa zwei Tage nach dem Angriff.
Eine derart schnelle Reaktion ist außergewöhnlich, verdeutlicht jedoch den Handlungsspielraum, den die Kantone nach den Änderungen der Schweizer Jagdverordnung inzwischen besitzen.
Neue Rechtslage ermöglicht schnelleres Eingreifen
In den vergangenen Jahren mussten viele Abschussanordnungen deutlich umfangreicher abgestimmt werden. Mit den gesetzlichen Anpassungen wurde den Kantonen jedoch mehr Eigenverantwortung übertragen.
Liegen die gesetzlichen Voraussetzungen für einen sogenannten Schadenwolf vor, kann der zuständige Kanton heute wesentlich schneller reagieren als noch vor wenigen Jahren. Ziel dieser Änderungen war es insbesondere, wiederholte Nutztierschäden wirksamer zu verhindern und den Behörden ein schnelleres Eingreifen zu ermöglichen.
Gerade im Wallis wird diese Möglichkeit inzwischen konsequent genutzt.
Wallis verfolgt eine klare Linie beim Wolfsmanagement
Der Kanton Wallis gehört seit Jahren zu den am stärksten vom Wolf betroffenen Regionen der Schweiz. Aufgrund der steigenden Wolfsbestände und zahlreicher Nutztierrisse verfolgt die Kantonsregierung inzwischen einen deutlich konsequenteren Kurs.
Nach offiziellen Angaben wurden im Wallis im vergangenen Jahr zahlreiche Wolfsrudel bestätigt. Gleichzeitig kam es zu mehreren hundert gerissenen Nutztieren. Bereits in den vergangenen Monaten wurden mehrere Einzelwölfe sowie Tiere aus Rudeln im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten entnommen.
Für viele Alpbewirtschafter ist diese Entwicklung notwendig, um die traditionelle Weidewirtschaft überhaupt aufrechterhalten zu können.
Herdenschutz stößt in den Alpen an Grenzen
Immer wieder wird in der öffentlichen Diskussion gefordert, der Herdenschutz müsse weiter ausgebaut werden. Tatsächlich investieren viele Tierhalter bereits erhebliche Summen in Schutzzäune, Herdenschutzhunde und zusätzliche Arbeitskräfte.
Gerade im hochalpinen Gelände zeigt sich jedoch immer wieder, dass diese Maßnahmen nicht überall vollständig umgesetzt werden können. Steile Berghänge, große Weideflächen, Felsgebiete und touristisch stark genutzte Regionen erschweren einen lückenlosen Herdenschutz erheblich.
Selbst dort, wo Schutzmaßnahmen vorhanden sind, kommt es immer wieder zu erfolgreichen Wolfsangriffen. Der Vorfall im Fieschertal zeigt erneut, dass ein vollständiger Schutz in alpinen Regionen trotz aller Anstrengungen häufig nicht gewährleistet werden kann.
Zwischen Artenschutz und Landwirtschaft
Der Wolf genießt weiterhin einen hohen gesetzlichen Schutz. Gleichzeitig wächst jedoch der Konflikt mit der Alm- und Weidewirtschaft.
Während Naturschutzverbände häufig vor vorschnellen Abschüssen warnen und den Fokus auf Prävention legen, fordern zahlreiche Landwirte praktikable Lösungen für den Alltag auf den Alpen. Sie argumentieren, dass es Regionen gibt, in denen sich ein flächendeckender Herdenschutz aufgrund der Topografie oder der Größe der Weideflächen kaum realisieren lässt.
Dabei geht es längst nicht mehr ausschließlich um wirtschaftliche Schäden. Jeder Wolfsangriff bedeutet für die betroffenen Tierhalter oftmals erheblichen organisatorischen Aufwand sowie eine enorme psychische Belastung. Verendete oder schwer verletzte Tiere auf den Weiden gehören für viele Schäfer mittlerweile zu einer wiederkehrenden Realität.
Rekordtempo dürfte Diskussion weiter anheizen
Dass zwischen dem Angriff und der Abschussbewilligung lediglich rund 48 Stunden lagen, dürfte die Debatte zusätzlich verschärfen.
Befürworter sehen darin ein konsequentes und rechtssicheres Handeln der Behörden. Sie verweisen darauf, dass nur ein schnelles Eingreifen weitere Schäden verhindern könne. Kritiker werden hingegen genau prüfen, ob sämtliche rechtlichen Voraussetzungen vollständig erfüllt wurden und ob die Entscheidung einer möglichen gerichtlichen Überprüfung standhält.
Bislang ist nicht bekannt, ob gegen die Abschussbewilligung Rechtsmittel eingelegt wurden. Ebenso wurde bisher nicht veröffentlicht, ob der verantwortliche Wolf bereits genetisch eindeutig identifiziert oder inzwischen erlegt werden konnte.
Ein Präzedenzfall mit Signalwirkung?
Der aktuelle Fall dürfte weit über das Wallis hinaus Beachtung finden. Die schnelle Reaktion der Behörden zeigt, wie sich das Wolfsmanagement in der Schweiz in den vergangenen Jahren verändert hat. Während früher häufig Wochen oder sogar Monate vergingen, bis Entscheidungen getroffen wurden, können die Kantone heute unter bestimmten Voraussetzungen deutlich schneller handeln.
Für viele Weidetierhalter ist dies ein wichtiges Signal, dass ihre Sorgen ernst genommen werden. Gleichzeitig dürfte der Fall von Naturschutzorganisationen aufmerksam verfolgt werden, da er beispielhaft für den schwierigen Balanceakt zwischen Artenschutz und Nutztierhaltung steht.
Fazit
Der Vorfall im Fieschertal macht deutlich, wie schwierig der Umgang mit dem Wolf in den Alpen inzwischen geworden ist. Der Kanton Wallis setzt zunehmend auf schnelles Handeln, sobald die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind. Für viele Nutztierhalter ist dies ein Zeichen dafür, dass ihre Interessen stärker berücksichtigt werden.
Gleichzeitig zeigt der Fall aber auch, dass der gesellschaftliche Konflikt um den Wolf weiter bestehen bleibt. Zwischen strengem Artenschutz und dem Erhalt einer traditionellen Weidewirtschaft wird auch künftig ein ausgewogener Weg gefunden werden müssen. Der Abschussentscheid aus dem Wallis dürfte deshalb nicht das Ende der Debatte sein, sondern sie vielmehr erneut anfachen.
