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Der Streichelzoo Bern bleibt bestehen – und mit ihm eine Form der Tierbegegnung, die für viele Kinder und Familien weit mehr ist als bloße Unterhaltung. Nach Monaten der Debatte, politischem Druck und öffentlicher Kritik ist klar: Der Tierpark Bern hält am Konzept fest, will es jedoch grundlegend weiterentwickeln. Statt eines einfachen „Weiter so“ soll ein moderner Familienzoo entstehen, der Tierwohl, Bildungsauftrag und gesellschaftliche Erwartungen miteinander verbindet.
Der Fall zeigt exemplarisch, dass Zoos längst nicht mehr nur unter dem Aspekt der Freizeitgestaltung diskutiert werden. Es geht um Bildungsräume, um Verantwortung gegenüber Tieren – und um die Frage, ob Politik bereit ist, diesen Bildungsauftrag aktiv zu verteidigen. In Bern lautet die Antwort: ja.
Tierpark Bern zwischen Kritik und Modernisierung
Als der Tierpark Bern 2023 ankündigte, den bestehenden Kinderzoo umzubauen, schlug die Nachricht hohe Wellen. Die geplante Umgestaltung des Kinderzoo Umbaus wurde von vielen als Abschied vom vertrauten Streichelzoo verstanden. Eltern, Grosseltern und Schulklassen sahen einen wichtigen Ort kindlicher Naturerfahrung in Gefahr.
Gleichzeitig waren die Tierschutzbedenken nicht von der Hand zu weisen. Die bestehenden Anlagen galten als veraltet und entsprachen nicht mehr den heutigen Anforderungen an eine zeitgemäße Tierhaltung. Der Tierpark machte deutlich, dass genau hier der Kern des Problems liege: Nicht die Tierbegegnung an sich, sondern deren Ausgestaltung müsse überdacht werden.
Die Lösung: ein neues Konzept, das Nähe zulässt, ohne Tierwohl zu kompromittieren. Der geplante Familienzoo Konzept soll Begegnungen ermöglichen, diese jedoch pädagogisch begleiten und strukturell tiergerechter umsetzen.
Politischer Druck und die Rolle der SVP
In diese Debatte griff die Politik ein – ungewöhnlich deutlich. Die SVP Initiative „Der Streichelzoo im Tierpark Dählhölzli muss bleiben“ sammelte über 5000 Unterschriften und setzte die Stadt Bern sowie die Zooleitung unter erheblichen Druck. Für die Partei war klar: Tierbegegnungen sind Teil frühkindlicher Bildung und dürfen nicht leichtfertig aufgegeben werden.
Die SVP sieht ihre Kernforderung nun erfüllt und zieht die Initiative zurück. Dass Politiker sich offen für den Erhalt von Bildungsangeboten in Zoos einsetzen, ist bemerkenswert. Der politische Druck führte dazu, dass der Tierpark seine Kommunikation präzisierte und das neue Konzept offensiver erklärte.
Dabei bleibt ein Spannungsfeld sichtbar: Während die Politik den Entscheid als Erfolg der Bürgerinitiative feiert, betont der Tierpark, dass Tierbegegnungen nie grundsätzlich infrage standen. Ein Missverständnis, das zeigt, wie sensibel das Thema Zoo, Tierethik und Bildung inzwischen ist.
Bildung statt Abschaffung
Der zukünftige Familienzoo im Dählhölzli steht sinnbildlich für einen Richtungswechsel, den viele Zoos derzeit vollziehen. Weg vom reinen Streicheln, hin zu begleiteten Lernerfahrungen. Kinder sollen Tiere nicht nur anfassen, sondern verstehen: ihre Bedürfnisse, ihr Verhalten, ihre Grenzen.
Gerade im Streichelzoo Dählhölzli wird dieser Anspruch sichtbar. Die Nähe bleibt – aber sie wird eingebettet in pädagogische Konzepte, die Verantwortung vermitteln. Zoos positionieren sich damit zunehmend als außerschulische Lernorte, nicht als nostalgische Erlebnisparks.
Dass Politiker diesen Bildungsauftrag verteidigen, ist ein Signal über Bern hinaus. Es zeigt, dass Zoos in der öffentlichen Wahrnehmung mehr sind als Freizeitangebote – sie sind Teil gesellschaftlicher Bildung.
Fazit: Streichelzoo Bern als politisches Signal
Der Streichelzoo Bern steht exemplarisch für eine breitere Debatte über Zoos im 21. Jahrhundert. Der Erhalt des Angebots ist kein Sieg über den Tierschutz, sondern Ausdruck eines Aushandlungsprozesses zwischen Tierwohl, Bildung und gesellschaftlichen Erwartungen.
Der Tierpark modernisiert, die Politik reagiert, die Öffentlichkeit diskutiert – und am Ende bleibt ein Bildungsort erhalten, der sich weiterentwickeln muss. Dass politische Akteure bereit sind, sich für den Erhalt solcher Bildungsräume einzusetzen, ist kein Selbstläufer. In Bern ist es gelungen. Ob andere Städte folgen, wird sich zeigen.
Quellen:
- 20 Minuten – Tierpark Bern: Trotz Tierschutz-Bedenken: Berner Streichelzoo bleibt offen – https://www.20min.ch/story/tierpark-bern-trotz-tierschutz-bedenken-berner-streichelzoo-bleibt-offen-103485204
- GERATI – Wenn Kinder nichts über Tiere im Zoo lernen, warum wissen sie das Dinos nur im Zoo Jurassic Park überleben konnten? – https://gerati.de/2020/08/27/wenn-kinder-nichts-ueber-tiere-im-zoo-lernen-warum-wissen-sie-das-dinos-nur-im-zoo-jurassic-park-ueberleben-konnten/
