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Schlagwort: Wildtiermedizin

  • Dr. Alexandra Dörnath: Wildtierärztin spricht über Praxis, Zoos und Wal Timmy

    Dr. Alexandra Dörnath: Wildtierärztin spricht über Praxis, Zoos und Wal Timmy

    Zwischen Riesenkrabbenspinne und Schimpanse

    Dr. med. vet. Kerstin Alexandra Dörnath ist auf Wild- und Zootiere spezialisiert und behandelt ein Spektrum, das weit über die klassische Kleintiermedizin hinausgeht. In ihrer Bremer Praxis „Klein Mexiko“ versorgt sie Zootiere, Zirkustiere, Wildtiere und exotische Heimtiere, während größere oder schwer transportierbare Tiere auch direkt vor Ort betreut werden. Bayern 2 beschreibt ihre Patienten mit einer bemerkenswerten Spannweite: vom Tiger bis zur Riesenkrabbenspinne und von der Schildkröte bis zum Schimpansen. Dörnath verfügt zudem über einen Master of Science in Wild Animal Health und verbindet damit langjährige praktische Erfahrung mit einer speziellen wissenschaftlichen Qualifikation in der Wildtiermedizin.

    GERATI beschäftigte sich bereits 2020 ausführlich mit der Arbeit der Wildtierärztin. In einem Interview mit Dr. Alexandra Dörnath berichtete sie unter anderem über ihre internationale Erfahrung in der Zoo- und Wildtiermedizin, ihre Tätigkeit in mehreren Zoos und einem Delfinarium sowie ihre Arbeit mit unterschiedlichsten Tierarten. Ihr beruflicher Weg führte sie auch in wissenschaftliche Freilandprojekte, darunter Arbeiten mit Walen auf den Hebriden, Ohrenrobben auf Galápagos und weiteren Wildtierarten. Diese Kombination aus praktischer Tiermedizin, wissenschaftlicher Ausbildung und unmittelbarer Erfahrung mit Tieren in menschlicher Obhut prägt auch ihre öffentlichen Stellungnahmen zu Fragen des Tierwohls.

    Fachwissen aus Praxis, Zoos und Zirkussen

    Die Behandlung von Wildtieren und Exoten verlangt Kenntnisse, die sich nicht ohne Weiteres aus der klassischen Haustiermedizin übertragen lassen. Anatomie, Stoffwechsel, Verhalten und Ernährung unterscheiden sich erheblich zwischen den Tierarten, während Fixierung, Transport oder Narkose zusätzliche Risiken verursachen können. Dörnaths Praxis nennt deshalb neben der Behandlung von Zootieren, Zirkustieren, Wildtieren und exotischen Haustieren ausdrücklich auch Fachberatung, Sachverständigentätigkeit und die Unterstützung von Einsatzkräften und Behörden bei Exoten als Tätigkeitsfelder. Gerade bei großen oder besonders empfindlichen Tieren kann die Untersuchung am gewohnten Aufenthaltsort zudem vermeiden, dass ein Transport selbst zu einer zusätzlichen Belastung wird.

    Diese praktische Perspektive ist auch für die Debatte über Zoo- und Zirkustiere relevant. Wer den Gesundheitszustand eines Tieres beurteilen will, muss das konkrete Individuum, seine Vorgeschichte, seine Umgebung und sein Verhalten berücksichtigen, statt allein von der Tierart oder der Haltungsform auf sein Wohlergehen zu schließen. Dörnath hat sich wiederholt gegen pauschale Bewertungen von Tierhaltung ausgesprochen und ihre Position mit ihrer praktischen Erfahrung begründet. Gerade diese Verbindung zwischen tiermedizinischer Arbeit und konkreter Kenntnis unterschiedlicher Haltungsformen unterscheidet eine fachliche Einzelfallbewertung von einer rein emotional oder ideologisch geführten Diskussion.

    Wal Timmy: Dörnath warnte früh vor der vermeintlichen Rettung

    Besonders deutlich wurde dieser Ansatz im Frühjahr 2026 beim Buckelwal Timmy. Das schwer geschwächte Tier strandete mehrfach in der Ostsee und löste eine enorme öffentliche Anteilnahme sowie verschiedene Rettungsversuche aus. Während private Helfer und Unterstützer darauf hofften, Timmy wieder ins offene Meer bringen zu können, bewertete Dörnath den Zustand des Wals wesentlich pessimistischer. Gegenüber dem ZDF erklärte sie bereits am 16. April, dass sie den Wal für sterbend hielt und keine Besserung seines Gesundheitszustands erwartete.

    Ihre Position war damit unbequem, aber eindeutig: Nicht jeder Rettungsversuch ist automatisch im Interesse des betroffenen Tieres. Dörnath argumentierte, dass bei einem derart geschwächten Großwal die Belastungen durch Manipulation, Hebevorgänge und Transport gegen die Aussicht auf eine erfolgreiche Rettung abgewogen werden müssten. Auch gegenüber dem MDR sprach sie sich dafür aus, den Wal von seinem Leiden zu erlösen, und interpretierte heftige Bewegungen des Tieres nicht als Zeichen wiederkehrender Vitalität, sondern als mögliche Stressreaktion. Damit stellte sie eine tiermedizinische Frage in den Mittelpunkt, die in der emotionalen Debatte leicht in den Hintergrund geraten konnte: Welche Maßnahme verursacht dem einzelnen Tier unter den gegebenen Umständen tatsächlich am wenigsten Leiden?

    Fachliche Kritik statt Hoffnung auf ein Happy End

    Dörnath blieb bei ihrer Einschätzung, als die Rettungsaktion weiterging. Anfang Mai erklärte sie gegenüber t-online, sie halte ein Überleben des geplanten Transports für „nahezu ausgeschlossen“. Ihre Kritik richtete sich dabei nicht gegen den Wunsch, einem Tier zu helfen, sondern gegen Maßnahmen, die aus ihrer Sicht keine realistische Aussicht mehr boten, Timmys Zustand nachhaltig zu verbessern. In ihrer Kolumne „WildTierBlick“ setzte sie sich mehrfach ausführlich mit dem Fall auseinander und kritisierte unter anderem Transportpläne und Fütterungsversuche.

    Der Fall Timmy zeigt damit exemplarisch, warum fachliche Einschätzungen manchmal im Widerspruch zu dem stehen können, was emotional zunächst als die bessere Lösung erscheint. Ein sichtbarer Rettungsversuch vermittelt Hoffnung und erzeugt eindrucksvolle Bilder, während die Entscheidung, ein schwer leidendes Tier zu erlösen, für Außenstehende wesentlich schwerer zu akzeptieren sein kann. Aus tiermedizinischer Sicht muss jedoch nicht die spektakulärste oder emotional befriedigendste Maßnahme diejenige sein, die dem Tierwohl am besten entspricht. Dörnath vertrat genau diese Position frühzeitig und hielt daran auch unter erheblicher öffentlicher Aufmerksamkeit fest.

    Nach Timmys Tod blieb Dörnath bei ihrer Bewertung

    Nach dem Ende der Rettungsaktion und dem Tod des Wals bekräftigte Dörnath ihre Kritik. In einem Beitrag vom 17. Mai schrieb sie, Timmy hätte aus ihrer Sicht wesentlich früher tierschutzkonform erlöst werden müssen, und forderte eine Aufarbeitung des Umgangs mit dem Tier. Ihre Wortwahl fiel dabei teilweise sehr deutlich aus; entscheidend für die Einordnung ist jedoch, dass ihre grundsätzliche tiermedizinische Bewertung bereits Wochen zuvor öffentlich dokumentiert war. Die spätere Kritik war damit keine erst nach dem Tod des Wals entwickelte Position, sondern die Fortsetzung ihrer bereits während der Rettungsmaßnahmen vertretenen Einschätzung.

    Auch Monate später blieb der Fall aktuell. Als erneut Buckelwale in der Ostsee gesichtet wurden, warnte Dörnath gegenüber dem MDR vor einer automatischen Wiederholung öffentlichkeitswirksamer Rettungsaktionen und verwies auf Vorgehensweisen anderer europäischer Länder bei gestrandeten Großwalen. Die Kontroverse um Timmy hat damit eine grundsätzliche Frage hinterlassen: Wann hilft menschliches Eingreifen einem Wildtier tatsächlich – und wann verlängert der Wunsch nach Rettung möglicherweise dessen Leiden? Die Antwort kann nur auf Grundlage des konkreten Zustands des Tieres und belastbarer fachlicher Erkenntnisse gegeben werden.

    Für GERATI ist der Fall auch deshalb bemerkenswert, weil die öffentliche Geschichte des Wals nach seinem Tod keineswegs endete. Später sorgten unter anderem Untersuchungen zur Identität des gefundenen Kadavers für neue Diskussionen; bei der DNA-Analyse zum Buckelwal Timmy blieben nach Prüfung der veröffentlichten Daten wesentliche Fragen zur Probenherkunft und zur behaupteten eindeutigen Identifizierung offen. Davon unabhängig bleibt Dörnaths damalige Position nachvollziehbar dokumentiert: Sie beurteilte den Gesundheitszustand des lebenden Wals anhand ihrer wildtiermedizinischen Expertise und warnte früh davor, Hoffnung mit einer realistischen medizinischen Prognose gleichzusetzen. Gerade diese Bereitschaft, auch eine unpopuläre Einschätzung klar zu vertreten, gehört zu dem fachlichen Profil, das Bayern 2 nun in seinem ausführlichen Gespräch mit der Wildtierärztin vorstellt.

    Quellen