Wer tierische Lebensmittel durch pflanzliche ersetzt, kann seine ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen nach Einschätzung von Nils Rettenmaier erheblich senken. Der Wissenschaftler vom Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg beziffert das mögliche Minus gegenüber einer durchschnittlichen deutschen Ernährungsweise auf 55 bis 60 Prozent. Zugleich fordert er politische Rahmenbedingungen, die klimafreundlichen Konsum erleichtern, statt die Verantwortung allein den Verbrauchern zu überlassen. Zwei Menschen aus Köln schildern in einem Bericht von kurier.de ihre persönlichen Beweggründe: Für ihren veganen Alltag spielt das Tierwohl eine zentrale Rolle.
Für Ben und Lynn steht das Tierwohl im Vordergrund
Der Kölner Musiker Ben beschreibt seinen Einstieg in die vegane Ernährung als persönliche Herausforderung. Mit der Zeit habe sich sein Schwerpunkt jedoch immer stärker zum Tierwohl verschoben, berichtet kurier.de. Rein pflanzlich zu essen falle ihm leicht; außerdem sehe er darin Vorteile für den Klimaschutz. Fleisch, Wurst, Milch, Käse und Eier gehören nicht zu seinem Einkauf. Seinen Verzicht auf tierische Lebensmittel versteht er inzwischen als dauerhafte Entscheidung.
Auch die Kölner Physiotherapeutin Lynn nennt das Verringern von Tierleid und einen Beitrag zum Klimaschutz als wesentliche Beweggründe. Dem Bericht zufolge lebte sie zum Zeitpunkt des Gesprächs seit 13 Jahren vegan und zuvor bereits längere Zeit vegetarisch. Gesundheitliche Überlegungen seien für ihre damalige Entscheidung nicht ausschlaggebend gewesen. Sie selbst fühle sich mit dieser Ernährung fit, gesund und leistungsfähig. Lynn beschreibt damit ihr persönliches Erleben.
Die große Stellschraube liegt bei Fleisch und Milchprodukten
Rettenmaier erklärt den Klimaeffekt über die Zusammensetzung des durchschnittlichen ernährungsbedingten Fußabdrucks. Tierische Lebensmittel machten darin nach seiner Darstellung insgesamt 60 bis 65 Prozent der Emissionen aus. Fleisch wiege etwas schwerer als Milchprodukte, weshalb er vor allem bei diesen beiden Produktgruppen zur Reduktion ansetzt. Seine genannte Einsparung von 55 bis 60 Prozent durch vegane Ernährung bezieht sich ausdrücklich auf den Bereich Ernährung. Sie bedeutet also keine entsprechende Verringerung sämtlicher Emissionen eines Menschen aus Wohnen, Mobilität, Reisen und Konsum.
Das Umweltbundesamt nennt einen Anteil tierischer Lebensmittel von 66 Prozent an den ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen und von 61 Prozent an der Flächeninanspruchnahme. Die Emissionsangabe liegt damit in einer ähnlichen Größenordnung wie Rettenmaiers Einordnung. Die Behörde beschreibt die Umweltbilanzen pflanzlicher Lebensmittel als fast immer deutlich günstiger als die tierischer Produkte. Das gelte auch für verarbeitete Alternativen wie Margarine oder Fleischersatz. Für den Einkauf ist damit die Unterscheidung zwischen pflanzlich und tierisch eine wichtige Orientierung; allein der Verarbeitungsgrad entscheidet noch nicht über die Klimabilanz.
Auch weniger tierische Lebensmittel können viel verändern
Ein vollständiger Verzicht ist nicht die einzige Ernährungsumstellung mit erheblichem Klimapotenzial. Das Umweltbundesamt beschreibt für die flexitarische Variante der Planetary Health Diet, die geringe Mengen tierischer Lebensmittel enthält, eine mögliche Verringerung der ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen um etwa die Hälfte. Für deren Flächenfußabdruck nennt es eine Reduktion um rund ein Drittel gegenüber der durchschnittlichen Ernährung in Deutschland. Bei vegetarischen beziehungsweise veganen Varianten auf Grundlage dieses Ernährungskonzepts beziffert es die mögliche Flächeneinsparung auf 46 beziehungsweise 49 Prozent. Beim Vergleich verschiedener Formen der Ernährung im Klimawandel müssen diese Messgrößen auseinandergehalten werden: Eine Flächeneinsparung von 49 Prozent bedeutet keine ebenso hohe Verringerung der Treibhausgasemissionen.
Für den Speiseplan bietet die Deutsche Gesellschaft für Ernährung eine weitere, ausdrücklich auf Mischkost ausgerichtete Orientierung. Ihr Ernährungskreis richtet sich an gesunde Erwachsene zwischen 18 und 65 Jahren in Deutschland, die sowohl pflanzliche als auch tierische Lebensmittel essen. Die empfohlene Zusammenstellung ist zu mehr als drei Vierteln pflanzlich und zu knapp einem Viertel tierisch; Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse und Getreide bilden dabei wesentliche Grundlagen. Tierische Lebensmittel ergänzen den Speiseplan in kleinen Portionen. Die Ernährungsempfehlungen der DGE sind damit keine Anleitung für ausschließlich vegane Ernährung.
Transport und Nährstoffe bleiben beim Umstieg wichtig
Rettenmaier lenkt den Blick außerdem auf die Wege, die Lebensmittel und Käufer zurücklegen. Er rät dazu, per Flugzeug eingeführte Waren zu vermeiden, und warnt vor der Klimawirkung solcher Transporte. Auch eine eigens unternommene Autofahrt zum Hofladen für wenige Kilogramm Gemüse könne nach seiner Darstellung stärker ins Gewicht fallen als der Transport von Gemüse aus Spanien in einem voll beladenen Lastwagen. Seine praktische Empfehlung lautet deshalb, Einkaufsfahrten möglichst mit anderen Fahrten zu verbinden. Die Nähe des Verkaufsorts allein beantwortet folglich noch nicht die Frage, wie klimafreundlich der gesamte Einkauf ausfällt.
Bei pflanzlichen Alternativen lohnt neben der Klimabilanz ein gesonderter Blick auf die Nährstoffversorgung. Die DGE weist bei der Verwendung pflanzlicher Milchalternativen ausdrücklich auf Calcium, Vitamin B2 und Jod hin. Allgemein betont sie, dass kein einzelnes Lebensmittel und keine einzelne Lebensmittelgruppe alle Nährstoffe in ausreichender Menge enthält. Ihre Orientierung setzt deshalb auf Vielfalt und ein passendes Verhältnis der Lebensmittelgruppen. Wer Kuhmilch durch einen Pflanzendrink ersetzt, sollte folglich neben dem Klimaeffekt auch diese Versorgung im Blick behalten.
Rettenmaier fordert Unterstützung durch die Politik
Über individuelle Kaufentscheidungen hinaus verlangt Rettenmaier einen politischen Rahmen, der klimafreundliches Verhalten unterstützt. Als Beispiel nennt er im Bericht die unterschiedliche Mehrwertsteuer auf Kuhmilch und Haferdrink: sieben Prozent auf das eine, 19 Prozent auf das andere Produkt. Für ihn gehört die steuerliche Behandlung damit zu den Bedingungen, unter denen Verbraucher ihre Auswahl treffen. Die Verantwortung für klimafreundlichen Konsum dürfe nicht vollständig bei ihnen liegen. Seine Forderung richtet sich deshalb an die Regierung: Sie soll den Rahmen so gestalten, dass klimafreundliche Entscheidungen erleichtert werden.
Quellen
- kurier.de – Vegane Ernährung: Nichts vom Tier auf dem Teller – was bringt das fürs Klima? – Wissen – https://www.kurier.de/inhalt.vegane-ernaehrung-nichts-vom-tier-auf-dem-teller-was-bringt-das-fuers-klima.a66ae5f0-6e8c-4f9f-8104-d0f161d50a3b.html
- umweltbundesamt.de – Klimafreundliche Ernährung: fleischreduziert, vegetarisch oder vegan – https://www.umweltbundesamt.de/umwelttipps-fuer-den-alltag/klimafreundliche-ernaehrung-fleischreduziert
- dge.de – DGE-Ernährungskreis | DGE – https://www.dge.de/gesunde-ernaehrung/gut-essen-und-trinken/dge-ernaehrungskreis/

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