Ein Steak, ein Baseball-Star und eine Organisation ohne Maß
Was als harmlose PR-Aktion eines Restaurants begann, entwickelte sich binnen Stunden zu einem weiteren Lehrstück darüber, wie weit sich PETA inzwischen vom eigentlichen Tierschutz entfernt hat. Ausgangspunkt war ein Angebot des Torontoer Steakhauses Animl an den MLB-Star Bo Bichette. Sollte der Shortstop seinen Vertrag bei den Toronto Blue Jays verlängern, versprach das Restaurant nichts weniger als „Steak for life“. Eine klassische Image-Aktion, lokal verwurzelt, augenzwinkernd und ohne politischen Anspruch.
Doch PETA wäre nicht PETA, wenn man eine solche Steilvorlage nicht für maximale Aufmerksamkeit missbrauchen würde. Statt sachlicher Kritik oder inhaltlicher Auseinandersetzung folgte ein kalkulierter Tabubruch: Die Organisation bot Bichette öffentlich eine lebenslange Versorgung mit Viagra an – als angebliche Vorsorgemaßnahme für den Fall, dass er das Steakangebot annehme. Die Begründung: Fleischkonsum führe zu Durchblutungsstörungen und damit zu sexueller Impotenz.
Was folgt, ist kein Beitrag zum Tierwohl, sondern eine Mischung aus Polemik, Pseudowissenschaft und gezielter Provokation. Genau hier liegt das Problem.
Das Angebot des Steakhauses Animl: Marketing ohne Mission
Animl ist ein bekanntes Steakhouse im Zentrum Torontos. Das Restaurant veröffentlichte auf Instagram einen offenen Brief an Bo Bichette, in dem es die Verbundenheit mit der Stadt, den Fans und dem Spieler betonte. Als symbolische Geste versprach man ihm lebenslang kostenlose Steaks – ohne Vertragsklauseln, ohne Gegenleistung, ohne politische Botschaft.
Bichette selbst hatte bereits Monate zuvor öffentlich erklärt, dass Animl zu seinen Lieblingsrestaurants in Toronto gehöre. Das Angebot war also keine aggressive Werbeoffensive, sondern ein klassisches Beispiel für lokales Marketing rund um Sport und Identifikation. Weder Tiere noch Ernährungsdebatten spielten in diesem Kontext eine Rolle.
Dass Bichette zu diesem Zeitpunkt zu den begehrtesten Spielern der Bo Bichette-Free-Agency gehörte, machte die Aktion medial attraktiv, aber nicht problematisch. Genau hier hätte die Geschichte enden können.
PETA Kampagne: Von Tierschutz zu Boulevard
PETA entschied sich jedoch bewusst für Eskalation. In einer Pressemitteilung an kanadische Medien erklärte die Organisation, man wolle Bichette vor den angeblichen Folgen des „Beef Bribe“ schützen. Das Steakangebot wurde kurzerhand als moralisch verwerfliche Bestechung umgedeutet.
Kern der PETA Kampagne war die Behauptung, regelmäßiger Fleischkonsum führe zu verstopften Arterien, beeinträchtige die Durchblutung und erhöhe das Risiko von Impotenz. Deshalb biete man dem Spieler vorsorglich eine lebenslange Lieferung von Viagra an – flankiert von einem veganen Starterpaket.
Diese Argumentation ist nicht neu, aber sie ist bezeichnend. Statt über Tierhaltung, Schlachtung oder Alternativen zu sprechen, greift PETA erneut auf sexualisierte Angstbilder zurück. Der menschliche Körper wird zum moralischen Druckmittel, der sportliche Erfolg eines Athleten zum Vehikel für Aufmerksamkeit.
Das Viagra Angebot als PR-Waffe
Das Viagra Angebot ist kein medizinischer Hinweis, sondern eine kalkulierte Provokation. PETA nutzt bewusst ein sensibles Thema, um maximale Medienresonanz zu erzeugen. Sexualität, Leistungsfähigkeit und Männlichkeit werden instrumentalisiert, um eine simple Botschaft zu transportieren: Fleisch ist schlecht, vegan ist gut.
Dabei wird ein Zusammenhang konstruiert, der in dieser Pauschalität wissenschaftlich nicht haltbar ist. Selbst medizinische Studien, auf die sich PETA regelmäßig beruft, sprechen von Risikofaktoren, nicht von Automatismen. Ernährung ist komplex, individuell und abhängig von zahlreichen Variablen – Alter, Bewegung, genetische Disposition, Gesamtlebensstil.
Die Behauptung, Steak führe zwangsläufig zu Impotenz, ist nichts anderes als plakative Vereinfachung. Dass rund 99 Prozent der Weltbevölkerung regelmäßig tierische Produkte konsumieren und die Menschheit dennoch wächst, scheint in der Logik der Organisation keine Rolle zu spielen.
Vegane Ernährung als Heilsversprechen
Natürlich bleibt PETA nicht bei der Warnung stehen. Wie immer folgt das Heilsversprechen. Die vegane Ernährung wird als nahezu universelle Lösung präsentiert: besser für Herz, Potenz, Krebsprävention und Moral. Gleichzeitig wird behauptet, jeder Mensch, der vegan lebt, rette jährlich hunderte Tiere.
Diese Argumentationslinie ist bekannt, aber problematisch. Sie blendet soziale, kulturelle und wirtschaftliche Realitäten aus. Ernährung ist kein isoliertes Moralprojekt, sondern Teil komplexer Versorgungssysteme. Wer Fleisch isst, ist nicht automatisch tierfeindlich, wer vegan lebt, nicht automatisch ethisch überlegen.
Indem PETA diese Differenzierungen verweigert, beschädigt die Organisation ihre eigene Glaubwürdigkeit – und letztlich auch den seriösen Tierschutz.
Blue Jays Free Agency als Bühne für Aktivismus
Der Zeitpunkt der Aktion ist kein Zufall. Die Blue Jays Free Agency rund um Bichette sorgt für maximale Aufmerksamkeit in Nordamerika. Medien berichten täglich über mögliche Vertragsoptionen, Summen und Standorte. Genau dieses Rampenlicht nutzt PETA, um sich selbst in Szene zu setzen.
Es geht dabei erkennbar weniger um Tiere als um Reichweite. Ein Steakhouse, ein Baseball-Star, ein sexuelles Tabuthema – all das garantiert Schlagzeilen. Dass damit der eigentliche Tierschutz zur Nebensache wird, nimmt man billigend in Kauf.
Gesundheitsargumente ohne Substanz
Besonders problematisch sind die sogenannten Gesundheitsargumente, mit denen PETA operiert. Begriffe wie „artery-clogging meat“ oder „striking out in the bedroom“ sind keine medizinischen Diagnosen, sondern rhetorische Kampfbegriffe.
Seriöse Ernährungswissenschaft arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten, nicht mit Drohkulissen. Fleischkonsum kann – in bestimmten Mengen und Kontexten – gesundheitliche Risiken bergen. Genauso können vegane Ernährungsweisen Mangelerscheinungen verursachen, wenn sie schlecht umgesetzt werden. Diese Realität blendet PETA systematisch aus.
Steakhouse Animl im Kreuzfeuer
Für das Steakhouse Animl ist die Situation paradox. Ein lokales Restaurant wird plötzlich zum Feindbild einer internationalen Aktivistenorganisation – nicht wegen Tierquälerei, illegaler Praktiken oder Skandale, sondern wegen eines PR-Gags. Damit zeigt sich, wie schnell Aktivismus in Symbolpolitik kippt.
Anstatt konstruktiv über Tierwohl in der Gastronomie zu sprechen, wird ein einzelnes Unternehmen öffentlich diffamiert. Das schadet nicht nur dem Dialog, sondern auch jenen Betrieben, die tatsächlich bereit wären, über bessere Standards zu sprechen.
PR Provokation statt Tierschutz
Am Ende bleibt vor allem eines: eine weitere PR Provokation, die mit echtem Tierschutz wenig zu tun hat. PETA setzt erneut auf maximale Zuspitzung, minimale Differenzierung und eine Argumentation, die eher an Boulevard als an Aufklärung erinnert.
Wer Tiere schützen will, muss überzeugen, nicht beschämen. Muss erklären, nicht diffamieren. Und muss akzeptieren, dass gesellschaftlicher Wandel nicht durch Viagra-Witze entsteht, sondern durch faktenbasierte Debatten.
Fazit: Wenn Aktivismus sich selbst entlarvt
Der Fall Bo Bichette zeigt exemplarisch, wohin sich PETA entwickelt hat. Statt ernsthafter Auseinandersetzung mit Tierwohlfragen liefert die Organisation ein Spektakel, das vor allem eines produziert: Kopfschütteln. Der Versuch, Fleischkonsum über sexuelle Angstbilder zu diskreditieren, ist nicht nur unwissenschaftlich, sondern auch respektlos.
Wer so argumentiert, beschädigt nicht nur die eigene Glaubwürdigkeit, sondern auch die Anliegen, die er vorgibt zu vertreten. Tierschutz braucht Sachlichkeit, Transparenz und Respekt – keine billigen Schlagzeilen.
Quellen:
- Toronto Sun – Blue Jays free agent Bo Bichette offered ‚lifetime supply‘ of Viagra by PETA – https://torontosun.com/sports/baseball/toronto-blue-jays/bo-bichette-lifetime-supply-viagra-peta
- GERATI – Grenzen des Aktivismus: Sexismus und LGBTQ-Ausgrenzung bei PETA enthüllt – https://gerati.de/2023/06/05/grenzen-des-aktivismus-sexismus-und-lgbtq-ausgrenzung-bei-peta-enthuellt/

