Die Pavian-Tötung Nürnberg hat den Tiergarten der fränkischen Stadt weit über die Region hinaus in den Fokus einer aufgeheizten Debatte gerückt. Nach der Tötung von zwölf gesunden Guinea-Pavianen im Sommer 2025 wegen Platzmangels folgten massive Reaktionen: Proteste, Empörung in sozialen Medien und rund 350 Strafanzeigen aus dem Umfeld von Tierrechtsorganisationen. Nun meldet der Zoo erneut Nachwuchs – und hält trotz der laufenden rechtlichen Prüfung an einer zentralen Aussage fest: Fortpflanzung ist Bestandteil artgerechter Haltung.
Der erneute Nachwuchs ist kein Randaspekt, sondern berührt den Kern der Auseinandersetzung. Es geht nicht allein um die moralische Bewertung der Tötung, sondern um grundsätzliche Fragen von Populationsmanagement, Sozialverhalten und der Auslegung des Tierschutzgesetzes in zoologischen Einrichtungen.
Nachwuchs als Teil artgerechter Haltung
Der Tiergarten Nürnberg verweist darauf, dass der Nachwuchs bei den Guinea-Pavianen bewusst zugelassen wird. Seit 2018 wird die Fortpflanzung nicht mehr unterbunden, unter anderem aufgrund negativer Erfahrungen mit Verhütungsmitteln. Nach Angaben des Zoos ist Reproduktion nicht nur aus genetischen und gesundheitlichen Gründen relevant, sondern auch für das soziale Gefüge der Gruppe.
Gerade bei hochsozialen Primaten wie den Guinea-Pavianen spielt der Umgang mit Jungtieren eine zentrale Rolle. Ältere und jüngere Tiere lernen, interagieren und festigen soziale Strukturen. In diesem Zusammenhang ist Zoo Nachwuchs kein optionales Ereignis, sondern Teil eines natürlichen Gruppenlebens. Ohne Jungtiere fehlen wesentliche Verhaltensreize, die für eine artgerechte Haltung entscheidend sind.
Der Tiergarten argumentiert zudem mit dem Rückgang der Art in der Wildbahn. In den vergangenen Jahrzehnten sei der Bestand deutlich gesunken. Haltung und Zucht in Zoos werden daher als Beitrag zum Erhalt stabiler Populationen verstanden – eine Argumentation, die im zoologischen Kontext seit Jahren etabliert ist.
350 Strafanzeigen und die rechtliche Dimension
Dem gegenüber stehen die Strafanzeigen bei der Staatsanwaltschaft, die nach der Tötung der zwölf Tiere eingegangen sind. Rund 350 Anzeigen werden derzeit von der Staatsanwaltschaft Nürnberg geprüft. Kernfrage ist, ob die Tötung nach Paragraf 17 des Tierschutzgesetzes durch einen „vernünftigen Grund“ gedeckt war.
Tierrechtsorganisationen sehen diesen Grund nicht gegeben und bewerten die Maßnahme als rechtswidrig. Aus ihrer Sicht offenbart der Fall strukturelle Defizite in der Zoohaltung, insbesondere beim Umgang mit Platzmangel Zoo. Die Anzeigen sind Ausdruck einer grundsätzlichen Ablehnung des bestehenden Systems zoologischer Populationskontrolle.
Der Tiergarten selbst verweist darauf, dass über Jahre hinweg versucht worden sei, überzählige Tiere abzugeben – ohne Erfolg. Die Tötung sei erst nach Ausschöpfung aller Alternativen erfolgt. Die juristische Bewertung steht noch aus, neue Entscheidungen will der Zoo erst nach Abschluss der Prüfung treffen.
Populationsmanagement zwischen Anspruch und Realität
Das Populationsmanagement Zoo ist einer der zentralen Streitpunkte. Zoos stehen vor dem Spannungsfeld, stabile, sozial funktionierende Gruppen zu erhalten und gleichzeitig räumliche und organisatorische Grenzen einzuhalten. Nachwuchs ist dabei unvermeidbar, wenn man Fortpflanzung nicht dauerhaft unterdrückt.
Im aktuellen Fall betont der Tiergarten, die Gruppe setze sich aus einem ausgewogenen Geschlechter- und Altersverhältnis zusammen. Ziel sei eine langfristig gesunde Population. Dennoch bleibt die Aussage bestehen, dass die Tötung einzelner Tiere eine Option bleiben kann, falls keine andere Lösung gefunden wird.
Diese Offenheit stößt auf massive Kritik, wird jedoch von zoologischer Seite als realistischer Umgang mit begrenzten Ressourcen dargestellt. Die Debatte zeigt, wie unterschiedlich die Begriffe „artgerecht“ und „tierschutzkonform“ interpretiert werden – insbesondere dort, wo Ideologie auf praktische Tierhaltung trifft.
Eskalation der Debatte und soziale Medien
Neben der juristischen Auseinandersetzung eskalierte die öffentliche Diskussion. In sozialen Netzwerken kam es zu massiven Angriffen auf Verantwortliche des Zoos, bis hin zu Morddrohungen. Morddrohungen in Social Media markieren eine Grenze, die die sachliche Auseinandersetzung weit überschreitet.
Diese Eskalation verdeutlicht ein bekanntes Muster: Komplexe Fragen der Tierhaltung werden auf emotionale Schlagworte reduziert. Differenzierungen zwischen Tierschutz, Tierrecht und zoologischer Praxis gehen verloren. Für GERATI ist gerade dieser Punkt zentral: Kritik an Zoos darf nicht in pauschale Verurteilungen oder persönliche Bedrohungen umschlagen.
Fazit
Die Pavian-Tötung Nürnberg steht exemplarisch für einen tiefen Konflikt zwischen zoologischer Praxis und tierrechtlicher Ideologie. Der aktuelle Nachwuchs im Tiergarten zeigt, dass Fortpflanzung ein integraler Bestandteil artgerechter Haltung ist – gerade bei sozial lebenden Arten wie den Guinea-Pavianen. Gruppenmitglieder benötigen Jungtiere, um natürliche Verhaltensweisen auszuleben und soziale Kompetenzen zu entwickeln.
Gleichzeitig werfen die 350 Strafanzeigen gewichtige rechtliche Fragen auf, die nun sachlich geklärt werden müssen. Ob ein „vernünftiger Grund“ im Sinne des Tierschutzgesetzes vorlag, entscheidet nicht die Empörung in sozialen Medien, sondern die Justiz.
Der Fall macht deutlich: Wer artgerechte Haltung fordert, muss auch akzeptieren, dass Nachwuchs dazugehört – mit allen Konsequenzen, die ein verantwortungsvolles Populationsmanagement in Zoos mit sich bringt. Vereinfachende Schuldzuweisungen helfen weder den Tieren noch einer fundierten gesellschaftlichen Debatte.
Quellen:
- Süddeutsche Zeitung – Pavian-Nachwuchs in Nürnberg – Tötung weiter eine Option – https://www.sueddeutsche.de/bayern/zootiere-pavian-nachwuchs-in-nuernberg-toetung-weiter-eine-option-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-260102-930-490799
- GERATI – Protest, Paviane und Polemik: Was hinter der Kettenaktion im Tiergarten Nürnberg steckt – https://gerati.de/2025/07/26/protest-paviane-und-polemik-lwcf/
- GERATI – Populationsmanagement im Tiergarten Nürnberg – https://gerati.de/2025/06/04/populationsmanagement-in-nuernberg-bsed/

