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Schlagwort: zooschweiz

  • Artenschutz und Platznot: Schweizer Zoos ringen um den richtigen Weg

    Artenschutz und Platznot: Schweizer Zoos ringen um den richtigen Weg

    Sieben Schweizer Zoos wollen ihren Beitrag zum Artenschutz ausbauen – und stoßen dabei auf ein praktisches Problem: Für genetisch wichtige Jungtiere fehlt in den Einrichtungen zunehmend der Platz. Bei einer Veranstaltung im Tierpark Bern stellte der Verband zooschweiz am 21. September seine gemeinsame Strategie aus Zucht, Forschung und Schutzprojekten in freier Wildbahn vor.

    Zum Verband gehören der Walter Zoo, Aquatis, der Natur- und Tierpark Goldau, der Tierpark Bern, der Wildnispark Zürich, der Zoo de Servion und der Zoo Zürich. Karin Federer vom Walter Zoo steht zooschweiz als Präsidentin vor. Zusammen erreichen die Einrichtungen nach Verbandsangaben jährlich mehr als 3,1 Millionen Besucher und halten über 800 Tierarten.

    Millionen für Schutzprojekte in der Natur

    Die sieben Zoos investieren demnach jährlich 7,1 Millionen Franken in Projekte außerhalb ihrer Anlagen. Das Geld fließt unter anderem in Schutzgebiete, Ranger-Ausbildung, Umweltbildung und Forschung vor Ort. Zusätzlich sind die Einrichtungen an mehr als 130 wissenschaftlichen Projekten beteiligt.

    Rund ein Drittel der in den Mitgliedzoos gehaltenen Arten gilt laut zooschweiz als gefährdet oder potenziell gefährdet. Die Einrichtungen beteiligen sich deshalb an international koordinierten Zuchtprogrammen der Europäischen Zoovereinigung EAZA. Ziel sind genetisch möglichst vielfältige Reservepopulationen, die im Notfall auch für Wiederansiedlungen genutzt werden können.

    Der Ansatz folgt dem „One Plan Approach“ der Weltnaturschutzunion IUCN. Er verbindet Maßnahmen in den natürlichen Lebensräumen mit Schutzmaßnahmen außerhalb dieser Gebiete. Zoos, Behörden, Forschungseinrichtungen und Naturschutzorganisationen sollen dabei gemeinsame Strategien verfolgen, statt getrennt voneinander zu arbeiten.

    Karpatenluchse aus Zoos für die Wiederansiedlung

    Dass solche Reservepopulationen mehr sein können als ein theoretisches Konzept, zeigt das Projekt „Linking Lynx“. Mehrere in Schweizer Zoos geborene Karpatenluchse wurden bereits in Deutschland ausgewildert. Auch der Tierpark Bern beteiligt sich an entsprechenden Projekten.

    Für eine Freilassung reicht die Herkunft aus einem Zuchtprogramm allerdings nicht aus. Die Tiere müssen gesund sein, selbstständig überleben können und in einem langfristig geschützten Lebensraum ausgesetzt werden. Der Zoo allein kann eine bedrohte Art daher nicht retten. Er kann aber Tiere, Wissen und finanzielle Mittel für ein größeres Schutznetzwerk bereitstellen.

    Severin Dressen, Direktor des Zoo Zürich, formuliert es zurückhaltend: In einer idealen Welt wären Zoos nicht nötig. Unter den gegenwärtigen Bedingungen könnten wissenschaftlich geführte Einrichtungen jedoch Erfahrung in Haltung, Zucht und Forschung in den Artenschutz einbringen. Friederike von Houwald, Direktorin des Tierparks Bern, bezeichnet Zoos deshalb als ein wichtiges, aber nicht allein entscheidendes Puzzleteil.

    Wenn hohes Alter zum Problem für die Zucht wird

    Die schwierigste Frage stellt sich innerhalb der Zoos. Tiere leben dort dank guter Versorgung und tiermedizinischer Betreuung häufig länger als in freier Wildbahn. Das ist zunächst ein Erfolg für das einzelne Tier. Gleichzeitig bleiben dadurch Gehegeplätze länger besetzt, während genetisch wertvolle Jungtiere nicht aufgenommen oder aufgezogen werden können.

    Marcus Clauss von der Klinik für Zoo-, Heim- und Wildtiere der Universität Zürich sieht darin ein Risiko für die Erhaltungszucht. Überalterte Populationen könnten die Bildung zukunftsfähiger Reservebestände erschweren. Zugleich argumentiert Clauss, dass Fortpflanzung und Jungenaufzucht zum natürlichen Verhaltensrepertoire gehören und damit auch für das Tierwohl Bedeutung haben können.

    Der Zielkonflikt ist damit nicht auf eine einfache Formel zu bringen: Eine möglichst lange Lebensdauer kann dem einzelnen Tier zugutekommen, begrenzt aber die Möglichkeiten der Gesamtpopulation. Nach Angaben des Verbands kann es in Einzelfällen sogar dazu kommen, dass Tiere mit stark überrepräsentiertem Erbgut getötet werden, wenn keine geeigneten Plätze vorhanden sind. Das ist keine allgemeine Folge jeder Zuchtplanung, sondern eine besonders weitreichende Entscheidung innerhalb eines begrenzten Haltungssystems.

    Artenschutz braucht nachvollziehbare Entscheidungen

    Für die Besucher bleibt dieser Zusammenhang oft unsichtbar. Sie sehen einzelne Tiere, während Zuchtprogramme Populationen über viele Einrichtungen und Länder hinweg steuern. Die Schweizer Zoos müssen deshalb nicht nur neue Gehege und wissenschaftliche Programme finanzieren, sondern auch erklären, warum nicht jedes gesunde Tier dauerhaft in die Zucht aufgenommen werden kann.

    Gerade darin liegt die praktische Bedeutung der zooschweiz-Initiative: Artenschutz in Zoos endet nicht an der Gehegegrenze, sondern umfasst Geld, Forschung, internationale Abstimmung und die Auswahl geeigneter Tiere. Der Anspruch ist nur dann überzeugend, wenn die Entscheidungen über Zucht, Platzvergabe und mögliche Tötungen transparent, fachlich begründet und am tatsächlichen Beitrag zum Erhalt der jeweiligen Art ausgerichtet werden.

    Quellen