Bei der Bauernversammlung in Pfunds haben Tierhalter Schutz vor Wolf und Bär sowie ein entschiedeneres Eingreifen der Politik verlangt. Organisator Martin Köhle schilderte persönliche Tierverluste; Stefan Brugger, Obmann der Weidezone Tirol, forderte eine ganzjährige Bejagung des Wolfs. Nach dem Bericht von top agrar kamen am 23. Oktober etwa 800 Landwirte zusammen. Aus dem Informationsabend wurde zugleich ein Protest gegen Landespolitik und bäuerliche Interessenvertretungen, denen die Redner mangelnde Unterstützung vorwarfen.
Wie groß der Andrang genau war, wird unterschiedlich angegeben. Während top agrar etwa 800 Landwirte nennt, berichtete MeinBezirk von mehr als 1.000 Menschen nach Veranstalterangaben und mehr als 500 nach Einschätzung neutraler Beobachter. Diese Angaben beziehen sich zudem auf unterschiedliche Gruppen: einmal auf Landwirte, einmal auf sämtliche Besucher. Übereinstimmend beschreiben die Berichte jedoch einen stark besuchten Abend, an dem die Folgen von Weidetierrissen und der Umgang mit den betroffenen Haltern im Mittelpunkt standen.
Köhle schildert Tierverluste und Grenzen des Herdenschutzes
Köhle begründete die Veranstaltung damit, dass er von vielen Stellen keine Antworten erhalte. Der Bergbauer aus Pfunds berichtete nach Darstellung von top agrar von einem Bärenangriff auf zwei seiner Esel im Juli 2025. Ein Tier sei vollständig gefressen worden, vom zweiten sei kaum etwas übrig geblieben. Mit diesen persönlichen Erfahrungen verband er die Forderung nach einem klaren politischen Bekenntnis zum Schutz der Weidetiere. Seine Schilderung machte deutlich, weshalb der Abend für ihn weit über eine allgemeine Diskussion über große Beutegreifer hinausging.
Auch Wolfsangriffe auf Schafe und deren Folgen für die Halter waren Thema. Köhle sprach über tote, verletzte und vermisste Tiere und darüber, wie belastend die zurückbleibenden Bilder seien. Er wandte sich gegen die Vorstellung, ein Beutegreifer töte grundsätzlich nur ein einzelnes Tier und ziehe anschließend weiter. Aus seiner Sicht können Angriffe innerhalb einer Herde zahlreiche Tiere treffen. Damit richtete er den Blick auf die betroffenen Herden und auf Verluste, die sich für ihre Halter nicht auf einen einzelnen Tierkörper reduzieren lassen.
Beim Herdenschutz stellte Köhle vor allem die praktische Umsetzbarkeit auf den betroffenen Almen infrage. Er bezweifelte, dass Schutzmaßnahmen dort überall praktikabel seien, und verwies auf die schwierigen Bedingungen der Almwirtschaft. Eine kleine Herde aufzutreiben, deren Tiere anschließend dennoch gerissen würden, könne für ihn keine Lösung sein. Seine Kritik betraf damit die Frage, wie eine Beweidung unter den örtlichen Bedingungen überhaupt fortgeführt werden kann. Dass die Verantwortung von Tierhaltern nach Wolfsübergriffen selbst zum Streitpunkt werden kann, behandelte GERATI bereits in einem gesonderten deutschen Fall über eine anonyme Anzeige nach Wolfsangriffen auf Schafe.
Brugger verlangt Jagdmöglichkeiten auch im Winter
Stefan Brugger setzte bei der politischen Umsetzung an. Der Obmann der Weidezone Tirol kritisierte, dass die Bauern dem Wolf aus seiner Sicht immer nur hinterherliefen, und verlangte deshalb eine ganzjährige Bejagung. Besonders im Winter sei die Jagd nach seiner Einschätzung leichter, weil Spuren besser erkennbar seien. Seine Forderung zielte somit ausdrücklich auch auf eine Zeit außerhalb der sommerlichen Almbeweidung. Die behauptete bessere Möglichkeit, Wolfsspuren im Winter zu verfolgen, war dabei seine Begründung für einen weiter gefassten Jagdzeitraum.
Brugger verknüpfte diese Forderung mit Kritik am Monitoring. Nach seiner Darstellung war bereits 2018 auf Ebene der Arge Alp eine Erhebung zu Wölfen und anderen Beutegreifern vereinbart worden. Er habe Landesvertreter 2022 auf deren Fehlen angesprochen und sehe die ausstehende Umsetzung weiterhin als Kernproblem. Ebenso wandte er sich gegen Schutzvorschläge, die er auf den betroffenen Almen für kaum praktikabel hält. Den politischen Vertretern hielt er damit zwei unterschiedliche Versäumnisse vor: unzureichende Erfassung der Beutegreifer und aus seiner Sicht fehlende Handlungsmöglichkeiten für die Praxis.
Die Forderung nach ganzjähriger Jagd betrifft allerdings eine andere Frage als die Zuordnung eines einzelnen Risses. Im gesonderten Pitztaler Fall eines getöteten Wolfs berichtete GERATI über die genetische Zuordnung von sechs Ziegenrissen, während die Zulässigkeit des Abschusses weiter geprüft wurde. Der dort geschilderte Stand zeigt die praktische Trennung zwischen der Klärung des Verursachers und der Beurteilung eines konkreten Eingreifens. In Pfunds verlangte Brugger darüber hinaus eine grundsätzliche Erweiterung der Jagdmöglichkeiten. Seine Forderung war eine politische Position und keine Mitteilung über eine bereits beschlossene Regelung.
Das Land hatte seine Absage vorab begründet
Das Fehlen eingeladener politischer Vertreter wurde während der Veranstaltung wiederholt kritisiert. Köhle betonte, die Angegriffenen hätten Gelegenheit gehabt, zu seinen Vorwürfen Stellung zu nehmen. Allerdings hatte das Land Tirol seine Absage bereits vor dem Abend schriftlich erläutert, wie MeinBezirk im Vorbericht wiedergab. Darin äußerte das Amt der Tiroler Landesregierung Verständnis für die Emotionen nach persönlichen Tierverlusten, wies den Vorwurf bewusst zurückgehaltener Informationen aber entschieden zurück. Die Landesposition lautete damit: Verständnis für die Betroffenheit bedeutete keine Zustimmung zu Köhles Vorwürfen.
Zur Begründung der Absage verwies das Land laut diesem Bericht auf eine eigene Informationsveranstaltung wenige Wochen zuvor. Außerdem gebe es keine neuen Entwicklungen; vor diesem Hintergrund würden die angesprochenen Landesvertreter am 23. Oktober nicht teilnehmen. Die Abwesenheit war also vorab angekündigt und mit dem aus Landessicht bereits erfolgten Informationsangebot begründet worden. Köhles Vorwurf fehlender Antworten und die Landesposition ausreichender Information standen sich damit unmittelbar gegenüber. Der Streit betraf folglich auch die Frage, ob bisherige Auskünfte die konkreten Sorgen der Tierhalter tatsächlich beantworteten.
Auch die Landwirtschaftskammer mahnt einen anderen Umgang an
Eine differenzierte Gegenposition kam im Vorfeld von Peter Frank, Bezirksstellenleiter der Landwirtschaftskammer in Landeck. Gegenüber MeinBezirk äußerte er Verständnis für Unmut und Emotionen und räumte ein, dass Aussagen eines Bärenexperten bei einer früheren Informationsveranstaltung für Menschen, die vor Ort Landwirtschaft betreiben, befremdlich oder das falsche Signal gewesen sein könnten. Zugleich forderte er eine sachliche Diskussion. Mehrere Politiker und Interessenvertreter an den Pranger zu stellen, hielt er für den falschen Ansatz. Damit kritisierte er den Umgangston, ohne die Belastung der Betroffenen grundsätzlich zurückzuweisen.
Für die Tierhalter lag der praktische Kern des Abends in der Frage, welche Maßnahmen auf ihren Almen Schutz ermöglichen und welche Unterstützung sie dafür erhalten. Köhle stellte die Umsetzbarkeit des Herdenschutzes infrage, Brugger verlangte weiter gehende Jagdmöglichkeiten und verlässlichere Erfassung der Beutegreifer. Das Land verteidigte dagegen seinen bisherigen Umgang mit Informationen; die Landwirtschaftskammer verband Verständnis mit Kritik an persönlichen Angriffen. Eine Einigung entstand aus diesen Positionen nicht. Die entscheidende offene Frage für die betroffenen Betriebe bleibt, wie aus den gegensätzlichen Vorstellungen ein vor Ort umsetzbarer Schutz ihrer Weidetiere werden soll.
Quellen
- topagrar.com – Wolf und Bär: Bauern verlangen endlich mehr Schutz für Weidetiere | top agrar – https://www.topagrar.com/oesterreich/bauern-fordern-harteres-vorgehen-gegen-wolf-und-bar-20030653.html
- meinbezirk.at – Bär in Pfunds: Informationsveranstaltung wurde zu Polit-Protest – Landeck – https://www.meinbezirk.at/landeck/c-lokales/informationsveranstaltung-wurde-zu-polit-protest_a8978409
- meinbezirk.at – Wut nach Rissereignissen: Landwirt fordert Antworten von der Politik – Landeck – https://www.meinbezirk.at/landeck/c-lokales/landwirt-fordert-antworten-von-der-politik_a8968596

