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Schlagwort: Verwertung von Fleisch und Kochwasser

  • Reutlinger Tierheim verfüttert Unfallrehe: Zusammenarbeit mit Jägern

    Reutlinger Tierheim verfüttert Unfallrehe: Zusammenarbeit mit Jägern

    Das Tierheim Reutlingen nutzt geeignete, bei Verkehrsunfällen verendete Rehe als Futter für seine Hunde und arbeitet dafür mit der Kreisjägervereinigung zusammen. Tiere, die nicht mehr für den menschlichen Verzehr geeignet sind, können so noch im Futternapf landen. Die Kooperation schafft für Mitglieder der Jägervereinigung einen festen Abgabepunkt, allerdings unter konkreten Annahmebedingungen. Für das Tierheim ist das Fleisch eine Ergänzung der Versorgung; eine vollständige Umstellung auf Wildfleisch ist nicht geplant.

    Das Tierheim entscheidet über jedes angelieferte Reh

    Angenommen werden ausschließlich Rehe aus Verkehrsunfällen. Nach den Vorgaben der Kreisjägervereinigung müssen sie mit Fell und noch nicht ausgenommen angeliefert werden. Erkennbare Krankheits- oder Seuchenanzeichen, ein Verdacht auf eine übertragbare Krankheit oder erhebliche Verwesung schließen eine Abgabe aus. Über Annahme und Verwertbarkeit entscheidet anschließend das Tierheim nach eigener Prüfung. Damit bleibt die erste Auswahl durch die Jäger von der abschließenden Entscheidung der Einrichtung getrennt; ein Anspruch auf Annahme besteht ausdrücklich nicht.

    Auch die Übergabe ist organisiert: Vor jeder Anlieferung müssen die Beteiligten Sandra Weiß kontaktieren, die den Ablauf und den Zugang zur Kühlkammer koordiniert. Bei der Anlieferung werden Angaben zum Tier, zur Unfallstelle und zu den jeweiligen Übergabezeiten festgehalten. Die Kreisjägervereinigung verbindet das Projekt mit dem Anspruch, vorhandene Ressourcen verantwortungsvoll zu nutzen und die Tierheimarbeit zu unterstützen. Hinter dieser positiven Bewertung steht ein konkreter Arbeitsablauf aus Auswahl, abgestimmter Anlieferung, Dokumentation und erneuter Prüfung.

    Gekochtes Rehfleisch ergänzt das bisherige Futter

    Tierpflegerin Nina Herzog beschreibt gegenüber dpa, wie das Fleisch in Reutlingen verarbeitet wird: Es werde in großen Töpfen gekocht, auch das Kochwasser werde unter das Futter gemischt. Nach ihrer Erfahrung nehmen die Hunde diese Mahlzeiten gut an. Herzog berichtet außerdem von Hunden mit Futtermittelallergien, bei denen etwa Durchfall oder Hautprobleme auftreten. Rehwild könne hier helfen, den Verbrauch von Spezialfutter zu verringern, sagt sie. Das ist ihre Einschätzung aus dem Tierheimalltag, keine allgemeine Behandlungsempfehlung für Hunde mit solchen Beschwerden.

    Angesichts steigender Kosten ist die zusätzliche Futterquelle im Reutlinger Tierheim willkommen. Wie stark laufende Ausgaben Einrichtungen belasten können, beschreibt auch der GERATI-Bericht über finanzielle Belastungen im Tierheim St. Pölten. In Reutlingen begrenzt bereits die verfügbare Menge die Nutzung: Für eine vollständige Umstellung gebe es zu wenig Unfallwild, erklärt Herzog. Der Deutsche Tierschutzbund legt unabhängig davon Wert auf eine nach Nährstoffen berechnete Ration und empfiehlt dafür im Idealfall spezialisierte Tierärzte. Die praktische Aufgabe reicht damit über die Beschaffung von Fleisch hinaus: Auch die Zusammensetzung der Mahlzeiten muss berücksichtigt werden.

    Wie groß der überregionale Umfang ist, zeigen die im dpa-Bericht wiedergegebenen Zahlen des Jagdverbands: Im Jagdjahr 2024/2025 starben deutschlandweit gut 200.000 Rehe durch nicht-jagdliche Einwirkungen, überwiegend im Straßenverkehr. In Baden-Württemberg waren es rund 24.000. Damit entfiel auf das Bundesland ungefähr ein Achtel der bundesweiten Zahl; die Statistik erfasst allerdings nicht ausschließlich Verkehrsunfälle. Sandra Weiß schätzt, dass 90 bis 95 Prozent der in diesem Zusammenhang genannten Rehe für das Tierheim nutzbar sein dürften. Das ist eine Einschätzung der Kooperationspartnerin zur möglichen Verwertbarkeit, keine Angabe über tatsächlich angelieferte Tiere. Zwischen der landesweiten Zahl und dem Futterangebot für Reutlingen liegt damit ein wichtiger Unterschied: Die Statistik beschreibt die Verluste beim Rehwild, während das Tierheim nur die geeigneten und tatsächlich zur Abgabe gebrachten Unfallrehe nutzen kann.

    Warum Wildschweine ausgeschlossen bleiben

    Wildschweine gehören ausdrücklich nicht zu dieser Kooperation, erklärt Sandra Weiß im dpa-Bericht. Der Ausschluss hat einen konkreten veterinärmedizinischen Hintergrund: Sie können die für Hunde tödliche Aujeszkysche Krankheit übertragen. Das Friedrich-Loeffler-Institut nennt unter anderem rohes Wildschweinfleisch sowie Kontakt mit infiziertem Aufbruch als Übertragungswege und warnt vor der Verfütterung rohen Wildschweinfleischs. Für erkrankte Hunde gibt es dem Informationsblatt zufolge weder eine Impfung noch eine Therapie. Dieser Hintergrund erklärt die Beschränkung der Tierarten; er ersetzt keine Prüfung der einzelnen angelieferten Rehe.

    Ein lokales Modell mit zusätzlichen Anforderungen

    Ob andere Tierheime die Zusammenarbeit übernehmen können, bewerten die Verbände unterschiedlich. Der Landesjagdverband Baden-Württemberg lobt ihren Vorbildcharakter, während der Deutsche Tierschutzbund auf den Aufwand für sachkundiges Zerlegen, Kochen und die Berücksichtigung von Krankheitsgefahren verweist. Der Landestierschutzverband nennt insbesondere Kühlräume als zusätzliche Anforderung und hält entsprechende Regelungen nur auf lokaler Ebene für denkbar. Wer eine ähnliche Kooperation plant, sollte nach Empfehlung des Landesjagdverbands frühzeitig die zuständigen Behörden und insbesondere das örtliche Veterinäramt einbeziehen. Für interessierte Einrichtungen liegt die entscheidende Frage deshalb im eigenen Betrieb: Lassen sich Kühlung, Verarbeitung und bedarfsgerechte Fütterung mit den verfügbaren Räumen und Fachkenntnissen tatsächlich leisten?

    Quellen