Seit dem 3. September 2026 dürfen Rindfleisch und Geflügel aus Brasilien nicht mehr in die Schweiz eingeführt werden. Hintergrund sind fehlende Garantien für die Einhaltung der europäischen Vorschriften zum Antibiotikaeinsatz in der Nutztierhaltung. Die Schweiz übernimmt damit die entsprechenden Importbeschränkungen der Europäischen Union. Allerdings handelt es sich nicht um einen nachgewiesenen Antibiotikafund in einer bestimmten Fleischlieferung, sondern um unzureichende Nachweise Brasiliens gegenüber den zuständigen Behörden.
Fehlende Garantien führen zum Importstopp
Das Schweizer Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) bestätigte, dass die Einfuhrbeschränkungen bereits seit dem 3. September gelten. Betroffen sind Rindfleisch und Geflügel aus Brasilien. Auslöser sind europäische Anforderungen, die unter anderem den Einsatz von Antibiotika zur Wachstumsförderung untersagen und bestimmte für die Humanmedizin wichtige Antibiotika von der Anwendung bei Tieren ausschließen. Brasilien konnte nach Angaben des BLV bisher nicht ausreichend garantieren, dass seine Produkte die entsprechenden Anforderungen erfüllen.
Die Schweiz und die EU arbeiten im Veterinärbereich eng zusammen und wenden bei entsprechenden Einfuhren aus Drittstaaten grundsätzlich gemeinsame Bedingungen an. Die Schweizer Behörden haben deshalb die europäischen Importbeschränkungen übernommen. Dabei ist zwischen fehlenden behördlichen Garantien und tatsächlich nachgewiesenen Verstößen bei einzelnen Fleischlieferungen zu unterscheiden. Der Importstopp bedeutet nicht automatisch, dass sämtliche brasilianischen Fleischproduzenten gegen die Vorschriften verstoßen oder ihre Produkte gesundheitsschädlich sind.
Antibiotikaresistenzen statt pauschaler Kritik an der Tierhaltung
Der Einsatz von Antibiotika gehört zur tierärztlichen Versorgung und ist bei bestimmten bakteriellen Erkrankungen notwendig. Problematisch wird es insbesondere dann, wenn diese Arzneimittel übermäßig oder unsachgemäß eingesetzt werden, weil dadurch die Entstehung und Verbreitung resistenter Bakterien begünstigt werden kann. Solche Resistenzen erschweren die Behandlung von Infektionskrankheiten sowohl bei Menschen als auch bei Tieren. Die europäischen Vorschriften zielen deshalb darauf ab, vermeidbare Antibiotikaanwendungen zu reduzieren, ohne notwendige tierärztliche Behandlungen grundsätzlich infrage zu stellen.
Der Importstopp ist somit kein Beleg dafür, dass brasilianisches Fleisch generell gesundheitsschädlich ist oder sämtliche brasilianischen Tierhalter gegen geltende Vorschriften verstoßen. Entscheidend ist vielmehr, dass die verlangten Garantien für die betroffenen Produkte bislang nicht ausreichend vorliegen. Auch in der Schweiz werden der Antibiotikaverbrauch in der Veterinärmedizin und die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen systematisch überwacht. Die vom BLV veröffentlichten Verbrauchsdaten für 2025 zeigen einen langfristigen Rückgang des Antibiotikaeinsatzes, wobei sich die Entwicklung je nach Tierart und Arzneimittelgruppe unterscheidet.
Schweizer Rindfleischversorgung bleibt weitgehend stabil
Für den Schweizer Rindfleischmarkt dürften die Auswirkungen des Importstopps überschaubar bleiben. Nach Angaben der Branchenorganisation Proviande werden fast 80 Prozent des in der Schweiz konsumierten Rindfleischs im Inland produziert. Der größte Teil der Rindfleischimporte stammt aus Deutschland und Österreich, sodass brasilianische Lieferungen für die gesamte Versorgung eine vergleichsweise geringe Bedeutung haben. Proviande rechnet deshalb nicht mit einem allgemeinen Versorgungsengpass durch die aktuellen Importbeschränkungen.
Anders sieht es beim Geflügel aus, bei dem die Schweiz stärker auf ausländische Lieferanten angewiesen ist. Rund 40 Prozent des konsumierten Geflügels werden importiert, wobei etwa ein Drittel dieser Einfuhren aus Brasilien stammt. Der Wegfall dieser Lieferungen ist für den Geflügelmarkt deshalb deutlich relevanter als für den Rindfleischmarkt. Dennoch erwartet Proviande derzeit keinen generellen Versorgungsengpass, da alternative Herkunftsländer zur Verfügung stehen.
Migros und Coop stellen ihre Lieferketten um
Die beiden Schweizer Handelsunternehmen Migros und Coop sehen durch den Importstopp bislang nur einen kleinen Teil ihres Sortiments betroffen. Coop erklärte, dass für die betreffenden Produkte alternative Herkunftsländer zur Verfügung stehen. Migros stellt bei einzelnen Convenience-Produkten, darunter Poulet-Nuggets, auf Fleisch aus der Europäischen Union um. Für Verbraucher bedeutet das zunächst, dass die betroffenen Artikel nicht zwangsläufig aus den Verkaufsregalen verschwinden müssen.
Unklar bleibt allerdings, welche wirtschaftlichen Folgen die veränderten Lieferketten längerfristig haben werden. Brasilien gehört zu den weltweit bedeutenden Fleischproduzenten und ist insbesondere im internationalen Geflügelhandel ein wichtiger Lieferant. Müssen Schweizer Importeure kurzfristig auf andere Herkunftsländer ausweichen, können sich ihre Beschaffungskosten verändern. Höhere Verbraucherpreise lassen sich deshalb nicht ausschließen, auch wenn die Branchenorganisation Proviande derzeit keinen generellen Versorgungsengpass erwartet.
Importstopp könnte nach erneuter Prüfung aufgehoben werden
Eine Wiederaufnahme der betroffenen brasilianischen Fleischimporte ist nach Angaben des BLV grundsätzlich möglich. Die Europäische Union überprüft die entsprechenden Produkte und die dafür erforderlichen Nachweise. Voraussetzung für eine erneute Zulassung ist, dass Brasilien die geforderten Garantien zum Antibiotikaeinsatz erfüllt und die zuständigen europäischen Stellen einer Wiederaufnahme zustimmen. Wann eine solche Entscheidung getroffen wird, ist gegenwärtig offen.
Der Fall zeigt, welche Bedeutung international anerkannte Produktions- und Kontrollstandards für den Fleischhandel haben. Nicht allein die Beschaffenheit eines einzelnen Produkts entscheidet über seine Importfähigkeit, sondern auch die Einhaltung und Dokumentation der vorgeschriebenen Verfahren im Herkunftsland. Welche Auswirkungen europäische Vorschriften auf die Tierhaltung und den Handel haben können, thematisierte GERATI bereits im Artikel EU-Einwand gegen Tierhaltungskennzeichnungsgesetz: Deutscher Tierschutzbund fordert Neustart . Für Brasilien wird nun entscheidend sein, ob die zuständigen Stellen die erforderlichen Nachweise erbringen und die europäischen Behörden diese anerkennen.
Quellen
- SRF – Schweiz stoppt Fleisch aus Brasilien wegen Antibiotika – https://www.srf.ch/sendungen/kassensturz-espresso/espresso/rindfleisch-und-gefluegel-schweiz-stoppt-fleisch-aus-brasilien-wegen-antibiotika
- BLV – Antibiotikaverbrauch bei Tieren: Langfristiger Rückgang setzt sich fort – https://www.blv.admin.ch/de/antibiotikaverbrauch-bei-tieren-langfristiger-rueckgang-setzt-sich-fort
- BLV – Überwachung Verbrauch (IS ABV) und Resistenzen – https://www.blv.admin.ch/de/ueberwachung-vebrauch-und-resistenzen-antibiotika
- Keystone-SDA / Swissinfo – Fleisch-Import aus Brasilien in die Schweiz gestoppt – https://www.swissinfo.ch/ger/fleisch-import-aus-brasilien-in-die-schweiz-gestoppt/92093425
