Protest gegen Geflügelindustrie in Kroatien: Wenn Investitionsprojekte zum Politikum werden

Mehrere Tausend Menschen sind am vergangenen Wochenende in Zagreb auf die Straße gegangen. Ihr Ziel: Widerstand gegen ein gigantisches Investitionsprojekt im Bereich der industriellen Geflügelproduktion. Der Protest gegen Geflügelindustrie in Kroatien markiert dabei mehr als nur eine lokale Auseinandersetzung um Stallanlagen. Er steht exemplarisch für eine wachsende ökologische Konfliktlinie auf dem Balkan – zwischen wirtschaftlicher Expansion, politischer Standortlogik und gesellschaftlichem Widerstand.

600 Millionen Euro und 103 Millionen Hühner pro Jahr

Im Zentrum der Debatte steht ein Großprojekt in der Region Sisak-Moslavina südöstlich von Zagreb. Geplant sind 20 miteinander verbundene Einrichtungen zur Geflügelproduktion. Hinter dem Vorhaben steht der ukrainische Investor Andrii Matiukha mit seiner Premium Chicken Company. Gemeinsam mit der agroindustriellen MHP-Gruppe von Yuriy Kosiuk sollen über 600 Millionen Euro investiert werden.

Die Dimension ist erheblich: 103 Millionen Hühner pro Jahr sollen künftig aufgezogen werden – das Vierfache der bisherigen nationalen Produktionsmenge. Damit würde Kroatien nicht nur seinen Eigenbedarf decken, sondern deutlich überproduzieren.

Genau hier beginnt der politische Streit. Während das Landwirtschaftsministerium argumentiert, Kroatien könne auf diese Investitionen nicht verzichten, da der Importanteil bei Geflügel gewachsen sei, verweisen Kritiker darauf, dass das Projekt weit über eine bloße Versorgungssicherung hinausgeht. Es gehe um Exportorientierung, Skalierung und Marktbeherrschung – nicht um regionale Selbstversorgung.

Ökologische und gesundheitliche Bedenken

Mehr als 120 zivilgesellschaftliche Organisationen und Bürgerinitiativen riefen zur Demonstration in Zagreb auf. Sie befürchten erhebliche ökologische und gesundheitliche Folgen.

Im Raum stehen klassische Problemfelder der intensiven Tierproduktion: Luftverschmutzung durch Ammoniakemissionen, Belastung von Grund- und Oberflächenwasser durch Nitrate, Geruchsbelästigung für Anwohner sowie strukturelle Eingriffe in bestehende Ökosysteme. Studien aus verschiedenen europäischen Ländern zeigen, dass großindustrielle Tierhaltung im Vergleich zu kleinstrukturierter Produktion deutlich höhere Umweltbelastungen verursacht.

Die Gegner fordern daher eine neue Gesamtbewertung des Projekts – inklusive Umwelt-, Gesundheits-, Ökosystem- und Wirtschaftsfolgen. Zudem verlangen sie, dass staatliche Unterstützungen über nationale und EU-Programme ausgesetzt werden. Subventionierte Industrieprojekte mit potenziell massiven Umweltfolgen stoßen zunehmend auf gesellschaftliche Ablehnung.

Widerstand auch aus der Region

Bemerkenswert ist, dass sich nicht nur Umweltinitiativen gegen das Vorhaben positionieren. Auch lokale Behörden äußern erhebliche Bedenken. Der Präfekt der Region Sisak-Moslavina verweist darauf, dass das Projekt nicht im Einklang mit bestehenden Raumordnungs- und Umweltschutzplänen stehe.

Darüber hinaus gehört auch der einheimische Geflügelsektor zur Allianz der Kritiker. Die Sorge ist wirtschaftlicher Natur: Eine massive Überproduktion könnte zu Preisdruck führen und kleinere Anbieter vom Markt verdrängen. Damit würde aus einem Investitionsprojekt ein Strukturbruch im nationalen Agrarsektor.

Sogar kirchliche Stimmen haben sich eingeschaltet. Der Bischof von Sisak sprach sich öffentlich gegen die Investition aus. Damit erhält die Debatte eine zusätzliche gesellschaftliche Dimension, die über rein wirtschaftliche Erwägungen hinausgeht.

Nachhaltigkeit als neues Konfliktfeld auf dem Balkan

Der Konflikt in Kroatien ist kein Einzelfall. In mehreren Ländern der ehemaligen jugoslawischen Republik gewinnt die ökologische Frage zunehmend politische Sprengkraft.

In Kroatien stellt seit 2021 die linksgrüne Partei Možemo! mit Tomislav Tomašević den Bürgermeister von Zagreb. Ökologie und Nachhaltigkeit gehören zu den zentralen Themen seiner Amtsführung. Gleichzeitig wurde in Serbien Ende 2025 nach jahrelangen Protesten das Lithium-Abbauprojekt im Jadar-Tal vorerst gestoppt. Auch in Bosnien-Herzegowina gibt es wiederkehrende Proteste gegen Wasserkraftwerke.

Der Protest gegen Geflügelindustrie in Kroatien fügt sich somit in eine größere Entwicklung ein: Umweltfragen verdrängen zunehmend die traditionelle Dominanz nationaler Identitätsdebatten in der Region. Statt ethnischer Konfliktlinien rücken Fragen nach Ressourcennutzung, Investorenprojekten und ökologischer Tragfähigkeit in den Vordergrund.

Zwischen Investitionslogik und Gemeinwohl

Die kroatische Regierung steht vor einem klassischen Zielkonflikt. Einerseits verspricht das Projekt erhebliche Investitionen, Arbeitsplätze und internationale wirtschaftliche Vernetzung. Andererseits drohen langfristige ökologische Belastungen und strukturelle Marktverwerfungen.

Großindustrielle Geflügelproduktion folgt einer klaren Logik: Skaleneffekte, Standardisierung, vertikale Integration. Doch diese Logik kollidiert zunehmend mit gesellschaftlichen Erwartungen an Nachhaltigkeit, Tierwohl und regionale Wertschöpfung.

Besonders kritisch ist die Frage, ob ein Land mit vergleichsweise kleiner Bevölkerungszahl tatsächlich eine Produktionsmenge benötigt, die weit über den Eigenbedarf hinausgeht. Wenn Exportmärkte wegbrechen oder Preiszyklen kippen, bleiben ökologische Folgekosten und soziale Spannungen zurück.

Politische Signalwirkung

Der Protest in Zagreb ist daher mehr als eine punktuelle Demonstration. Er sendet ein Signal an Investoren und Regierungen gleichermaßen: Großprojekte im Agrarsektor werden nicht mehr automatisch als Fortschritt wahrgenommen. Die gesellschaftliche Akzeptanz hängt zunehmend von Transparenz, Umweltverträglichkeit und langfristiger Planung ab.

Für die kroatische Politik könnte dies ein Prüfstein werden. Wird das Projekt trotz massiven Widerstands vorangetrieben, riskiert die Regierung eine weitere Politisierung der Umweltfrage. Wird es modifiziert oder gestoppt, könnte dies als Erfolg der Zivilgesellschaft gewertet werden.

Fazit

Der Protest gegen Geflügelindustrie in Kroatien zeigt exemplarisch, wie sich ökologische Fragen zu einem neuen politischen Konfliktfeld entwickeln. Was als Investitionsprojekt beginnt, wird schnell zur Grundsatzdebatte über Nachhaltigkeit, staatliche Förderpolitik und industrielle Landwirtschaft.

Ob das Projekt in Sisak-Moslavina realisiert wird oder nicht, ist derzeit offen. Klar ist jedoch: Die Umweltbewegung auf dem Balkan ist keine Randerscheinung mehr. Sie organisiert sich, vernetzt sich – und ist bereit, ökonomische Großvorhaben grundlegend in Frage zu stellen.


Quellen:

Schreibe einen Kommentar