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Die Ringelschwanz Schweinehaltung gilt seit Jahren als Symbolfrage der Nutztierdebatte. Kaum ein Thema bündelt gesellschaftliche Erwartungen an mehr Tierwohl, politische Zielkonflikte und die praktischen Grenzen der landwirtschaftlichen Realität so stark wie der Verzicht auf das routinemäßige Kupieren von Schwänzen. Während große Teile der europäischen Bevölkerung genau diesen Schritt fordern, bleibt die rechtliche Lage widersprüchlich – und die Verantwortung landet am Ende im Stall.
Genau hier setzt ein Workshop an, der Ende Januar in Nordrhein-Westfalen stattfinden soll. Er verspricht, aus Forschung und Praxis heraus zu zeigen, unter welchen Bedingungen Schweine mit intakten Schwänzen tatsächlich gehalten werden können. Kein politisches Manifest, sondern ein Austausch über Maßnahmen, die funktionieren sollen – zumindest dort, wo Betriebe sich bereits auf den Weg gemacht haben.
Zwischen politischer Absage und praktischer Realität
Auf europäischer Ebene ist das Thema alles andere als neu. Trotz intensiver Diskussionen und jahrelanger Kritik an der Praxis wurde im November 2024 von der EU-Kommission klar signalisiert, dass es vorerst keinen verpflichtenden Verzicht auf das Kupieren geben wird. Für viele Betriebe war das ein deutliches Zeichen: Rechtlich bleibt alles beim Alten.
Gleichzeitig zeigt die Praxis ein anderes Bild. In einzelnen Ländern, allen voran Dänemark, wird die Haltung von Schweinen mit Ringelschwänzen gezielt vorangetrieben. Auch in Deutschland gibt es Betriebe, die – aus Überzeugung, aufgrund von Vermarktungsprogrammen oder Bonusmodellen – den Kupierverzicht bereits umsetzen. Der Schritt erfolgt freiwillig, aber nicht ohne Risiken.
Denn klar ist auch: Unkupierte Tiere reagieren sensibler auf Managementfehler. Probleme wie Schwanzbeißen treten nicht zufällig auf, sondern sind Ausdruck von Stress, Fehlfütterung oder mangelhaften Umweltbedingungen. Wer den Ringelschwanz erhalten will, muss tiefer ansetzen als bei kosmetischen Korrekturen.
Wissenschaftlicher Blick aus dem Schlachthof
Eine zentrale Rolle spielt dabei das europäische aWISH Projekt. Unter dem Titel „Animal Welfare Indicators at the Slaughterhouse“ analysieren Forschende aus mehreren Ländern Schlachtkörper von Schweinen und Geflügel. Ziel ist es, aus objektiven Befunden Rückschlüsse auf die Haltungsbedingungen zu ziehen, denen die Tiere zuvor ausgesetzt waren.
Dieser Ansatz ist unbequem, aber konsequent. Denn der Schlachthof wird hier nicht nur als Endpunkt der Produktion verstanden, sondern als Datenschnittstelle für Tierwohlmaßnahmen. Verletzungen, Entzündungen oder Auffälligkeiten liefern Hinweise darauf, welche Maßnahmen im Stall wirken – und welche nicht.
Genau diese Ergebnisse sollen nun im Rahmen des Workshops vorgestellt werden. Beteiligt sind unter anderem das Johann Heinrich von Thünen-Institut sowie das Institut für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Der Anspruch: Wissenschaftliche Erkenntnisse so aufzubereiten, dass sie für Betriebe tatsächlich nutzbar werden.
Was im Stall wirklich zählt
Wer sich mit der Haltung von Schweinen mit intakten Schwänzen beschäftigt, stößt schnell auf eine zentrale Erkenntnis: Es gibt keine Einzelmaßnahme, die Probleme zuverlässig verhindert. Vielmehr ist es das Zusammenspiel mehrerer Faktoren, das über Erfolg oder Misserfolg entscheidet.
Dazu gehört zunächst die Fütterung. Eine angepasste Schweinefütterung ist entscheidend, um Mangelzustände zu vermeiden, die Stress und unerwünschtes Verhalten begünstigen können. Ebenso wichtig ist ausreichendes und geeignetes Beschäftigungsmaterial. Schweine, die ihren Erkundungsdrang nicht ausleben können, suchen sich Ersatz – oft am Schwanz des Stallnachbarn.
Ein weiterer Schlüssel liegt in der Stallklima Kontrolle. Temperatur, Luftqualität und Platzangebot wirken unmittelbar auf das Wohlbefinden der Tiere. Kleine Abweichungen können große Auswirkungen haben, wenn Tiere ihre Schwänze nicht mehr durch Kupieren „geschützt“ sind. Der Ringelschwanz wird so zum Frühwarnsystem für Managementfehler.
Diese Zusammenhänge sind bekannt, werden im Alltag jedoch nicht immer konsequent umgesetzt. Genau hier setzt der angekündigte Best Practices Workshop an: Er will nicht belehren, sondern Erfahrungen bündeln und offenlegen, was in der Praxis tatsächlich funktioniert – und was nicht.
Austausch statt Symbolpolitik
Der Workshop richtet sich gezielt an Landwirtinnen und Landwirte sowie an Beraterinnen und Berater. Auch Teilnehmende aus der Wissenschaft sind eingeladen. Das Programm kombiniert Fachvorträge aus Forschung und Praxis mit einer Führung durch den sogenannten „Stall der Zukunft“ der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen.
Dieser Austausch ist kein Selbstzweck. Er zeigt vielmehr, dass Tierwohlmaßnahmen nicht per Verordnung funktionieren, sondern nur dann greifen, wenn Wissen, Erfahrung und realistische Rahmenbedingungen zusammenkommen. Die Diskussion um unkupierte Tiere wird oft moralisch geführt – im Stall hingegen entscheidet sie sich technisch und organisatorisch.
Gerade deshalb ist es bemerkenswert, dass der Workshop kostenfrei angeboten wird und die Teilnehmerzahl bewusst begrenzt ist. Der Fokus liegt nicht auf Breitenwirkung, sondern auf Tiefe und Qualität des Austauschs.
Fazit: Ringelschwanz als Gradmesser
Die Ringelschwanz Schweinehaltung ist kein einfacher Hebel für mehr Tierwohl, sondern ein komplexer Prüfstein für das gesamte Haltungssystem. Der erhaltene Schwanz macht sichtbar, wo Management funktioniert – und wo es scheitert. Er zwingt Betriebe dazu, genauer hinzusehen und Verantwortung nicht an rechtliche Mindeststandards auszulagern.
Der angekündigte Workshop zeigt, dass es jenseits politischer Schlagworte einen ernsthaften Versuch gibt, Wissen zu bündeln und praxistauglich weiterzugeben. Er verspricht keine Wunder, sondern benennt Voraussetzungen. Genau das macht ihn relevant.
Ob solche Formate langfristig ausreichen, um strukturelle Probleme der Schweinehaltung zu lösen, bleibt offen. Klar ist jedoch: Wer den Ringelschwanz erhalten will, muss bereit sein, mehr zu verändern als nur ein Detail am Tier.
Quellen:
- top agrar – Workshop: Dank „Best Practices“ klappt’s mit dem Ringelschwanz – https://www.topagrar.com/schwein/news/workshop-dank-best-practices-klappts-mit-dem-ringelschwanz-20022354.html
- GERATI – Tierschutzverstöße bei Tiertransporten: Aktuelle Entwicklungen und Konsequenzen – https://gerati.de/2025/03/17/tierschutzverstoesse-bei-tiertransporten-1off/
