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Schlagwort: Zusammenarbeit von Wildtierstationen und Behörden

  • Kompetenzzentrum für Wildtier-Rehabilitation in Gießen: 420.000 Euro für Hessens Wildtiere

    Kompetenzzentrum für Wildtier-Rehabilitation in Gießen: 420.000 Euro für Hessens Wildtiere

    In Gießen entsteht das bundesweit erste Kompetenzzentrum für Wildtierrehabilitation. Das Land Hessen stellt dafür bis Ende 2029 insgesamt 420.000 Euro zur Verfügung. Die Einrichtung an der Justus-Liebig-Universität Gießen soll die medizinische Versorgung verletzter und kranker Wildtiere verbessern und die Zusammenarbeit zwischen Tierärzten, Auffangstationen, Behörden und Forschungseinrichtungen stärken. Bereits heute werden im Rahmen eines universitären Pilotprojekts fast 3.000 Wildtiere jährlich behandelt. Unter der Leitung von Veterinärmedizin-Professor Michael Lierz soll daraus nun eine dauerhafter angelegte Struktur für die Wildtierhilfe entstehen.

    Pilotprojekt wird zum landesweiten Kompetenzzentrum

    Das hessische Landwirtschafts- und Umweltministerium hat am 28. Oktober 2026 die Förderung des neuen Kompetenzzentrums bekannt gegeben. Die Einrichtung entsteht an der Justus-Liebig-Universität Gießen und wird von Professor Michael Lierz geleitet. Er ist Direktor der dortigen Klinik für Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische und verfügt über umfangreiche Erfahrung in der Wildtier- und Greifvogelmedizin. Nach Angaben des Ministeriums handelt es sich um das erste Kompetenzzentrum dieser Art in Deutschland. Die Landesförderung beträgt insgesamt 420.000 Euro und ist zunächst bis Ende 2029 vorgesehen.

    Grundlage des Vorhabens ist ein seit 2024 laufendes Pilotprojekt zur medizinischen Versorgung hilfsbedürftiger Wildtiere. Die Arbeitsgruppe Wildtiermedizin behandelt bereits jetzt zahlreiche verletzte und kranke Tiere mit dem Ziel, diese nach erfolgreicher Rehabilitation wieder in die Natur zu entlassen. Nach Angaben der Universität werden inzwischen fast 3.000 Wildtiere jährlich versorgt, wobei die Fallzahlen weiter steigen. Das bisherige Pilotprojekt läuft Ende 2026 aus und geht unmittelbar in das neue Kompetenzzentrum über. Damit wird eine bereits bestehende veterinärmedizinische Versorgung durch eine landesfinanzierte Struktur ergänzt.

    Fast 3.000 Wildtiere jährlich zeigen den Versorgungsbedarf

    Wie stark die Gießener Wildtiermedizin bereits beansprucht wird, zeigte eine Mitteilung der Universität vom 7. Juli 2025. Allein während der ersten heißen Julitage wurden damals 282 Wildvögel in die Klinik gebracht. Darunter befanden sich zahlreiche Jungvögel, die gefüttert, gepflegt oder medizinisch behandelt werden mussten. Bereits im ersten Halbjahr 2025 waren mehr als 1.000 Wildtiere aufgenommen worden. Die Klinik berichtete damals von erreichten Kapazitätsgrenzen und einem wachsenden Bedarf an finanzieller Unterstützung.

    Besonders aufwendig ist die Versorgung junger Wildvögel, deren Fütterung teilweise spezielle Insektennahrung und intensive Betreuung erfordert. Neben Tierärzten und Tierpflegern waren deshalb bereits im Pilotprojekt zahlreiche freiwillige Helfer beteiligt. Die Universität verwies 2025 darauf, dass auch private Wildtierauffangstationen stark ausgelastet seien. Viele Tiere werden nach der medizinischen Behandlung an solche Einrichtungen übergeben, wo ihre weitere Pflege und Rehabilitation erfolgt. Das neue Kompetenzzentrum setzt genau an dieser Zusammenarbeit an und soll die vorhandenen Strukturen fachlich unterstützen.

    Schulungen und gemeinsame Standards für Wildtierstationen

    Das Kompetenzzentrum soll nicht nur einzelne Tiere behandeln, sondern die Wildtierrehabilitation in ganz Hessen fachlich weiterentwickeln. Vorgesehen sind einheitliche Empfehlungen für die medizinische Versorgung, Pflege und Rehabilitation hilfsbedürftiger Wildtiere. Darüber hinaus sollen Schulungen und Weiterbildungen für Wildtierauffangstationen und betreuende Tierärzte angeboten werden. Auch die veterinärmedizinische Ausbildung an der Universität soll von der neuen Einrichtung profitieren. Studierende erhalten damit zusätzliche Möglichkeiten, praktische Erfahrungen in der Behandlung heimischer Wildtiere zu sammeln.

    Ein weiterer Schwerpunkt ist die Koordination praxisorientierter Forschung zur Wildtierrehabilitation. Dabei geht es unter anderem um die wissenschaftliche Bewertung von Behandlungsmethoden und Rehabilitationserfolgen. Bereits 2019 erarbeitete Michael Lierz gemeinsam mit Katrin Hail einen Kriterienkatalog für Wildtierauffangstationen in Hessen, der veterinärmedizinische und rechtliche Anforderungen behandelt. Solche fachlichen Grundlagen können helfen, die Versorgung unterschiedlicher Tierarten nachvollziehbar und tierschutzgerecht zu gestalten. Das Kompetenzzentrum soll entsprechende Erkenntnisse künftig stärker mit der praktischen Arbeit der Auffangstationen verbinden.

    Ehrenamtliche Wildtierhelfer bleiben unverzichtbar

    Landwirtschafts- und Umweltminister Ingmar Jung (CDU) bezeichnet die neue Einrichtung als Vorzeigeprojekt im Natur- und Tierschutz. Mit dem landesweiten Beratungszentrum sollen die Versorgung und Wiederauswilderung hilfsbedürftiger Wildtiere verbessert werden. Gleichzeitig sollen Wildtierstationen, Tierärzte, Behörden und Forschungseinrichtungen enger zusammenarbeiten. Das Kompetenzzentrum übernimmt damit eine beratende und koordinierende Funktion, ohne die bestehenden Auffangstationen zu ersetzen. Gerade deren praktische Erfahrungen sollen ausdrücklich in die Arbeit einfließen.

    Auch Michael Lierz betont die Bedeutung der ehrenamtlichen Wildtierhilfe. Nach seiner Einschätzung wäre die Rehabilitation hilfsbedürftiger Wildtiere in Hessen ohne die vielen freiwilligen Helfer und privaten Auffangstationen nicht zu bewältigen. Die neue Einrichtung ist deshalb als Ergänzung zu den bereits bestehenden Angeboten konzipiert. Medizinisches Fachwissen, wissenschaftliche Forschung und praktische Pflege sollen künftig stärker miteinander verknüpft werden. Davon können insbesondere kleinere Einrichtungen profitieren, die bei schwierigen medizinischen Fragen auf zusätzliche Beratung angewiesen sind.

    Behandlung allein reicht für eine Auswilderung nicht aus

    Das langfristige Ziel der Wildtierrehabilitation besteht darin, behandelte Tiere wieder in ihren natürlichen Lebensraum zurückzuführen. Dafür genügt es allerdings nicht, eine Verletzung medizinisch zu versorgen oder eine Erkrankung erfolgreich zu behandeln. Die Tiere müssen anschließend auch körperlich und verhaltensbiologisch in der Lage sein, selbstständig in der Natur zu überleben. Deshalb sind eine fachgerechte Rehabilitation und die Beurteilung der Auswilderungsfähigkeit wesentliche Bestandteile der Wildtierhilfe. Nicht jedes aufgenommene Tier kann nach einer Behandlung unmittelbar wieder freigelassen werden.

    Auch die rechtlichen Anforderungen spielen dabei eine Rolle. Das Bundesnaturschutzgesetz erlaubt unter bestimmten Voraussetzungen die Aufnahme verletzter, hilfloser oder kranker besonders geschützter Wildtiere zur Pflege. Sobald diese Tiere sich wieder selbstständig erhalten können, müssen sie unter Beachtung der gesetzlichen Voraussetzungen freigelassen werden. Die fachliche Beratung durch das Kompetenzzentrum kann dazu beitragen, medizinische Entscheidungen, Rehabilitation und spätere Freilassung besser aufeinander abzustimmen. Damit geht das Projekt über die reine Behandlung verletzter Tiere hinaus.

    Landesförderung schafft Perspektive bis Ende 2029

    Mit den zugesagten 420.000 Euro erhält die Gießener Wildtiermedizin erstmals einen konkreten Finanzierungsrahmen für den Aufbau des landesweiten Kompetenzzentrums. Die Summe verteilt sich auf den Förderzeitraum bis Ende 2029 und stellt keinen jährlichen Zuschuss in dieser Höhe dar. Eine darüber hinausgehende Finanzierung ist in der aktuellen Ankündigung nicht festgelegt. Für die kommenden Jahre stehen zunächst der Übergang vom Pilotprojekt und der Aufbau der Beratungs-, Schulungs- und Forschungsangebote im Mittelpunkt. Die bereits bestehenden Behandlungskapazitäten und Kooperationen bilden dafür die praktische Grundlage.

    Das Vorhaben zeigt zugleich, welche Bedeutung veterinärmedizinische Einrichtungen und organisierte Wildtierhilfe für den praktischen Tierschutz besitzen. Während private Auffangstationen häufig die langfristige Pflege übernehmen, können spezialisierte Tierkliniken Diagnostik, Behandlung und wissenschaftliche Begleitung leisten. In Gießen sollen diese unterschiedlichen Aufgaben künftig enger miteinander verbunden werden. Die Landesförderung stärkt damit nicht nur die universitäre Wildtiermedizin, sondern soll auch die Arbeit der vielen ehrenamtlichen Helfer unterstützen. Entscheidend wird sein, wie sich die angekündigten Beratungs- und Weiterbildungsangebote bis 2029 in der Praxis bewähren.

    Quellen