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Schlagwort: Thünen-Studie Tierwohl

  • Thünen-Studie: Tierwohl in der Biohaltung ist nicht automatisch besser

    Thünen-Studie: Tierwohl in der Biohaltung ist nicht automatisch besser

    Eine neue systematische Auswertung des Thünen-Instituts für Ökologischen Landbau widerspricht einer einfachen Gleichung: Bio bedeutet nicht automatisch mehr Tierwohl. Die Forschenden werteten 86 wissenschaftliche Studien mit insgesamt 623 direkten Vergleichspaaren zwischen ökologischer und konventioneller Tierhaltung in Europa und Nordamerika aus. In 28 Prozent der Vergleiche schnitt die ökologische Haltung besser ab, in 56 Prozent ließ sich kein eindeutiger Unterschied feststellen – und in 16 Prozent lagen die Vorteile aufseiten der konventionellen Haltung. Damit zeigt die Untersuchung vor allem eines: Das Produktionssystem allein entscheidet noch nicht darüber, wie es den Tieren tatsächlich geht.

    Bio-Vorgaben schaffen Chancen, aber keine Garantie

    Die ökologische Tierhaltung bringt durchaus Vorgaben mit, die sich positiv auf einzelne Bereiche des Tierwohls auswirken können. Mehr Platz, Einstreu, Auslauf oder Weidegang schaffen Voraussetzungen dafür, dass Tiere bestimmte natürliche Verhaltensweisen besser ausleben können. Besonders bei der Klauen- und Gliedmaßengesundheit von Rindern und Schweinen fanden die Forschenden Vorteile der ökologischen Haltung. Bei Rindern können beispielsweise mehr Platz und geeignete Liegeflächen dazu beitragen, Lahmheiten und bestimmte Schäden an den Gliedmaßen zu reduzieren.

    Doch genau hier liegt der Unterschied zwischen einer guten Voraussetzung und einem guten Ergebnis. Die EU-Öko-Verordnung kann Anforderungen an Haltung, Fütterung und Management festlegen, sie kann aber nicht garantieren, dass jedes einzelne Tier gesund und unbeeinträchtigt bleibt. Hygiene, Fütterung, Gesundheitskontrolle, Weidemanagement und die tägliche Beobachtung der Tiere bleiben entscheidend. Die Autoren der Studie kommen deshalb zu dem Ergebnis, dass strengere Vorgaben allein nicht zwangsläufig zu einem höheren Tierwohl führen.

    Nicht nur Bio gegen konventionell: Das Management macht den Unterschied

    Besonders deutlich wird das bei der Tiergesundheit. Hier fanden die Forschenden über die verschiedenen untersuchten Tierarten hinweg überwiegend keine grundlegenden Unterschiede zwischen ökologischen und konventionellen Betrieben. Das bedeutet nicht, dass das Haltungssystem bedeutungslos wäre. Es zeigt vielmehr, dass ein gut geführter konventioneller Betrieb bei bestimmten Tierwohlindikatoren bessere Ergebnisse erzielen kann als ein schlecht geführter Bio-Betrieb – und umgekehrt.

    Auch ökologische Vorgaben können neue Herausforderungen mit sich bringen. Auslauf und Weidegang bieten Tieren zusätzliche Bewegungs- und Verhaltensmöglichkeiten, erhöhen aber beispielsweise den Kontakt mit bestimmten Weideparasiten. Solche Risiken müssen durch entsprechendes Gesundheits- und Weidemanagement ausgeglichen werden. Die Studie beschreibt deshalb gerade das Betriebsmanagement als einen wesentlichen Faktor dafür, ob die theoretischen Vorteile eines Haltungssystems beim einzelnen Tier tatsächlich ankommen.

    Die Zahlen der Gesamtauswertung unterstreichen diese Aussage. Bei 28 Prozent der 623 Vergleichspaare zeigte die ökologische Haltung Vorteile, während bei 56 Prozent kein klarer Unterschied festgestellt wurde. In weiteren 16 Prozent schnitt die konventionelle Haltung besser ab. Ein pauschales „Bio ist tiergerechter“ lässt sich aus dieser Datenlage daher nicht ableiten.

    Die Datenlage ist nicht für alle Tierarten gleich stark

    Die Ergebnisse müssen allerdings ebenfalls differenziert betrachtet werden. Die 86 ausgewerteten Studien untersuchten Rinder, Schweine, Geflügel sowie Schafe und Ziegen, doch der Schwerpunkt lag deutlich auf Rindern und insbesondere auf Milchkühen. Von den einbezogenen Veröffentlichungen beschäftigten sich 59 mit Rindern, jeweils zwölf mit Schweinen und Geflügel und sechs mit kleinen Wiederkäuern. Einzelne Studien konnten dabei mehr als eine Tierart untersuchen.

    Noch deutlicher ist das Ungleichgewicht bei den untersuchten Bereichen des Tierwohls. Ein großer Teil der wissenschaftlichen Arbeiten konzentrierte sich auf messbare Gesundheitsindikatoren. Verhalten und emotionaler Zustand der Tiere wurden wesentlich seltener untersucht. Gerade dort zeigen die vorhandenen Vergleichsdaten zwar häufiger Vorteile der ökologischen Haltung, beispielsweise durch mehr Bewegungsmöglichkeiten, strukturierte Haltungsumgebungen oder Auslauf. Wegen der deutlich kleineren Datenbasis lassen sich daraus jedoch keine ebenso belastbaren allgemeinen Aussagen ableiten.

    Damit ist auch klar, dass die Studie weder die ökologische noch die konventionelle Tierhaltung pauschal zum Gewinner erklärt. Sie zeigt vielmehr, wie wenig aussagekräftig ein Etikett allein für den tatsächlichen Zustand eines Tieres sein kann.

    Tierwohl muss am Tier gemessen werden

    Die Autoren ziehen daraus eine praktische Konsequenz. Die bisher stark auf Haltungsbedingungen und Managementvorgaben ausgerichtete Öko-Zertifizierung sollte nach ihrer Auffassung stärker durch Kontrollen ergänzt werden, die den tatsächlichen Zustand der Tiere erfassen. Dazu gehören beispielsweise Lahmheiten, Verletzungen, Gesundheitszustand, Körperkondition, Verhalten oder die Mensch-Tier-Beziehung.

    Co-Autorin Solveig March bringt den entscheidenden Punkt in der Pressemitteilung des Thünen-Instituts auf den direkten Zustand des Tieres zurück. Gute Vorschriften schaffen Möglichkeiten, doch erst die Betrachtung des Tieres zeigt, was unter den konkreten Bedingungen eines Betriebs tatsächlich erreicht wird. Das Forschungsteam empfiehlt deshalb ein standardisiertes und praxistaugliches Tierwohl-Audit mit tierbezogenen Indikatoren innerhalb der Öko-Zertifizierung.

    Genau darin liegt die eigentliche Bedeutung der Studie. Mehr Platz, Einstreu, Auslauf und strengere Vorgaben können sinnvolle Voraussetzungen schaffen. Sie ersetzen aber weder Fachwissen noch tägliche Tierkontrolle und gutes Herdenmanagement. Wer Tierwohl ernsthaft beurteilen will, sollte deshalb weniger auf das Etikett „Bio“ oder „konventionell“ schauen und stärker darauf, wie es den Tieren in einem konkreten Betrieb tatsächlich geht.

    Quellen