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Schlagwort: PETA-Kritik an der Raubtierhaltung

  • Ganztierfütterung im Zoo Hannover: Warum PETA-Kritik wichtige Fakten ausblendet

    Ganztierfütterung im Zoo Hannover: Warum PETA-Kritik wichtige Fakten ausblendet

    Im Zoo Hannover bekommt Tigerin Alexa ein ganzes totes Kamerunschaf als Futter. Fell, Knochen, Haut und Innereien gehören ebenso zu ihrer Mahlzeit wie das Fleisch. Was für Raubtiere ein natürliches Fressverhalten ermöglicht, sorgt bei manchen Zoobesuchern für Unbehagen. Auch die Tierrechtsorganisation PETA kritisiert die Praxis und stellt dabei erneut die Haltung von Raubtieren in Zoos grundsätzlich infrage. Doch wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Ganztierfütterung einen wichtigen Beitrag zur Beschäftigung und zum natürlichen Verhalten von Raubtieren leisten kann. Gleichzeitig wirft der Fall Fragen auf, wie zoologische Einrichtungen mit ihrem eigenen Tierbestand umgehen und welche Verantwortung damit verbunden ist.

    Tigerin Alexa bekommt ein ganzes Schaf statt portioniertem Fleisch

    Ein totes Kamerunschaf hängt an einem Baumstamm im Außengehege von Tigerin Alexa. Das Tier ist mit einem Seil befestigt, sodass die Tigerin ihre Nahrung nicht einfach vom Boden aufnehmen kann. Sie umkreist das Schaf, packt es mit den Zähnen und beginnt daran zu zerren. Die Szene, über die der NDR am 6. November 2026 berichtete, zeigt eine Fütterung, bei der es nicht ausschließlich darum geht, den Hunger eines Raubtiers zu stillen.

    Tierpfleger Jonas Bittner erklärt gegenüber dem NDR, dass eine solche Fütterung etwas Besonderes sei und vor allem für das Tier zusätzliche Beschäftigung bedeute. Anders als bei bereits portionierten Fleischstücken muss Alexa ihre Nahrung selbst bearbeiten. Sie kann das Futter festhalten, daran ziehen und einzelne Bestandteile voneinander trennen. Damit werden Verhaltensweisen angesprochen, die auch beim Fressen erlegter Beutetiere eine Rolle spielen.

    In der freien Natur bekommen Tiger schließlich ebenfalls kein fertig zugeschnittenes Fleisch serviert. Sie müssen ihre Beute überwältigen und anschließend zerlegen, wobei sie unterschiedliche Körperteile aufnehmen. Eine Ganztierfütterung bildet zwar keine vollständige Jagd nach, ermöglicht aber zumindest einen Teil des natürlichen Verhaltens beim Fressen. Gerade für Raubtiere in menschlicher Obhut kann diese Form der Beschäftigung eine sinnvolle Ergänzung des Haltungsmanagements sein.

    Wissenschaft bestätigt Vorteile der Ganztierfütterung

    Dass die Verfütterung ganzer Tierkörper mehr als eine ungewöhnliche Attraktion für Zoobesucher ist, zeigen mehrere wissenschaftliche Untersuchungen. Eine 2026 im Journal of Zoo and Aquarium Research veröffentlichte Studie untersuchte das Fressverhalten von drei Jaguaren unter verschiedenen Fütterungsbedingungen. Dabei beschäftigten sich die Tiere mit ganzen Schaf- oder Ziegenkörpern durchschnittlich 88 Minuten, während die Beschäftigungsdauer bei anderen Futterformen deutlich kürzer ausfiel. Die Forscher beobachteten außerdem Verhaltensweisen wie das Tragen, Bewachen und Bearbeiten der Nahrung, die bei einfacher Fleischfütterung weniger ausgeprägt waren.

    Auch eine 2025 veröffentlichte Untersuchung an Afrikanischen Wildhunden im australischen Taronga Western Plains Zoo kommt zu vergleichbaren Ergebnissen. Die Tiere benötigten für das Fressen ganzer oder zerlegter Tierkörper wesentlich mehr Zeit als für einzelne Fleischstücke. Bei ganzen Tierkörpern dauerte die Nahrungsaufnahme sogar etwa zwanzigmal so lange wie bei portioniertem Futter. Zugleich konnten die Wissenschaftler natürlichere soziale Verhaltensmuster während der Nahrungsaufnahme beobachten.

    Diese Ergebnisse lassen sich nicht ohne Weiteres auf jede Raubtierart übertragen. Sie zeigen jedoch, dass die Art der Futterpräsentation das Verhalten von Zootieren erheblich beeinflussen kann. Eine weitere Untersuchung zur Fütterung großer Raubtiere in 44 europäischen Zoos empfahl bereits 2023, größere Tierkörper häufiger und in anspruchsvoller Weise anzubieten. Die Autoren sahen darin eine Möglichkeit, natürliche Verhaltensweisen zu fördern und das Tierwohl zu verbessern.

    Der Zoo Hannover bewegt sich mit seiner Praxis somit nicht außerhalb moderner Erkenntnisse der Zootierhaltung. Vielmehr sprechen die wissenschaftlichen Ergebnisse dafür, dass eine abwechslungsreiche und verhaltensgerechte Fütterung ein wichtiger Bestandteil der Tierbetreuung sein kann. Allerdings ersetzt auch die beste Fütterungsmethode keine insgesamt geeigneten Haltungsbedingungen. Entscheidend bleibt das Zusammenspiel aus Ernährung, Gehegegestaltung, Rückzugsmöglichkeiten und tiermedizinischer Versorgung.

    Warum werden Tiere aus dem eigenen Zoobestand verfüttert?

    Neben der Ernährung von Alexa beschäftigt die Besucher eine weitere Frage: Weshalb wird ein Schaf getötet, obwohl es möglicherweise gesund ist? Der Zoologische Leiter des Zoos Hannover, Klaus Brunsing, erklärt gegenüber dem NDR, dass sowohl ältere als auch jüngere Tiere aus dem eigenen Bestand als Futter verwendet werden. Bei Jungtieren könne eine Rolle spielen, dass sie für ein bestehendes Zuchtprogramm nicht mehr benötigt würden. Die Entscheidung stehe im Zusammenhang mit der langfristigen Verwaltung zoologischer Tierbestände.

    Wer bedrohte Tierarten über Generationen erhalten möchte, muss sich auch mit deren Fortpflanzung und der verfügbaren Unterbringung beschäftigen. Nicht jedes geborene Tier kann automatisch selbst wieder zur Zucht eingesetzt werden. Genetische Vielfalt, Verwandtschaftsverhältnisse, Gruppenzusammensetzung und vorhandene Plätze spielen bei der Planung eine wichtige Rolle. Zoologische Einrichtungen müssen deshalb langfristig entscheiden, welche Tiere zur weiteren Zucht beitragen können und wie die übrigen Tiere versorgt oder untergebracht werden.

    Wie komplex diese Entscheidungen sein können, zeigte GERATI bereits am Beispiel der Löwenzucht im Zoo Dortmund. Dort standen die genetische Einordnung der Tiere, die Empfehlungen eines europäischen Zuchtprogramms und die spätere Unterbringung des Nachwuchses im Mittelpunkt. Solche Fragen lassen sich nicht allein mit dem Wunsch beantworten, möglichst viele Jungtiere aufzuziehen. Erfolgreiche Erhaltungszucht erfordert eine verantwortungsvolle Planung über mehrere Generationen hinweg.

    Auch die Geburt einer Weißnacken-Moorantilope im Kölner Zoo verdeutlicht, welche Bedeutung koordinierte Zuchtprogramme für bedrohte Arten haben können. Die Fortpflanzung ist dabei kein Selbstzweck, sondern kann zum Aufbau langfristig stabiler Populationen beitragen. Allerdings bedeutet dies nicht, dass jedes Tier, das nicht mehr für die Zucht gebraucht wird, zwangsläufig getötet werden muss. Für solche Entscheidungen sind die individuellen Umstände und mögliche Alternativen maßgeblich.

    Im Fall des an Alexa verfütterten Kamerunschafs nennt der NDR keinen konkreten individuellen Tötungsgrund. Brunsings Erläuterungen beschreiben die allgemeine Praxis des Bestandsmanagements, ohne die Entscheidung über dieses einzelne Tier abschließend zu erklären. Eine sachliche Diskussion muss deshalb zwischen den grundsätzlichen Aufgaben zoologischer Einrichtungen und den Umständen einer konkreten Tötung unterscheiden.

    PETA kritisiert die Raubtierhaltung statt den konkreten Nutzen

    Die Tierrechtsorganisation PETA nutzt die Berichterstattung, um die Haltung von Raubtieren in Zoos grundsätzlich zu kritisieren. Nach ihrer Darstellung werde die Tierhaltung durch eine Ganztierfütterung nicht automatisch artgerechter. Außerdem wirft die Organisation die Frage auf, weshalb Menschen die Tötung bestimmter Tierarten zur Verfütterung akzeptieren, während sie bei anderen Arten Empörung auslösen würde.

    Diese Kritik berührt durchaus eine gesellschaftliche Frage, beantwortet aber nicht, welchen Nutzen die Ganztierfütterung für das Raubtier selbst haben kann. Dass eine einzelne Maßnahme nicht sämtliche Anforderungen an eine gute Tierhaltung erfüllt, ist selbstverständlich. Daraus folgt jedoch nicht, dass die Maßnahme wirkungslos oder grundsätzlich abzulehnen wäre. Genau hier bleibt PETAs Einwand unvollständig, denn die dokumentierten wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Verhaltensförderung werden durch eine allgemeine Ablehnung der Zoohaltung nicht widerlegt.

    Bemerkenswert ist außerdem, dass PETA die Frage nach unterschiedlichen moralischen Maßstäben bei der Tötung von Tieren in den Vordergrund stellt. Tatsächlich werden auch außerhalb zoologischer Einrichtungen Tiere für die Ernährung anderer Tiere getötet. Hunde und Katzen erhalten ebenso tierische Bestandteile in ihrem Futter wie zahlreiche Raubtiere in menschlicher Obhut. Bei der Diskussion über die Ganztierfütterung geht es deshalb nicht allein um die Tötung eines Futtertiers, sondern auch darum, wie das ohnehin benötigte tierische Futter angeboten wird und unter welchen Bedingungen die Futtertiere gehalten und getötet wurden.

    Wer die Ganztierfütterung kritisieren möchte, sollte sich folglich mit den konkreten Haltungsbedingungen, der Herkunft der Tiere und den wissenschaftlich untersuchten Auswirkungen beschäftigen. Eine pauschale Ablehnung zoologischer Einrichtungen liefert dafür keine ausreichende Grundlage. Dass Zoos neben der Tierhaltung auch wissenschaftliche Forschung und Artenschutz betreiben, wird in der öffentlichen Auseinandersetzung häufig zu wenig berücksichtigt. GERATI hat diese grundsätzliche Debatte bereits im Zusammenhang mit Robert Marc Lehmanns Kritik an zoologischen Einrichtungen aufgegriffen.

    Tierwohl endet nicht bei der Frage, ob ein Tier getötet wird

    Für die Beurteilung der Praxis ist auch entscheidend, wie die Tiere vor ihrer Tötung gelebt haben. Ein Schaf aus dem eigenen Bestand eines Zoos hat eine andere dokumentierbare Herkunft als ein anonym zugekauftes Fleischprodukt, dessen gesamte Produktionskette Besucher meist nicht kennen. Daraus lässt sich allerdings nicht automatisch ableiten, dass das Schaf unter besseren Bedingungen gehalten oder besonders schonend getötet wurde. Solche Aussagen benötigen entsprechende Informationen über Haltung, Gesundheitszustand, Tötungsmethode und die Einhaltung der geltenden Vorschriften.

    Die Diskussion über das Tierwohl darf deshalb nicht erst bei der Fütterung des Tigers beginnen. Auch das Schaf verdient eine tierschutzgerechte Haltung und einen möglichst schonenden Tod. Zugleich besteht bei einem fleischfressenden Raubtier ein tatsächlicher Bedarf an tierischer Nahrung. Wenn ein ohnehin als Futter vorgesehenes Tier im Ganzen angeboten wird, kann daraus für das Raubtier ein zusätzlicher Beschäftigungsnutzen entstehen, ohne dass allein für diesen Nutzen zwingend ein weiteres Tier getötet werden müsste.

    Eine wichtige Unterscheidung bleibt, ob Tiere im Rahmen eines verantwortungsvollen Bestandsmanagements getötet und anschließend als Futter verwendet werden oder ob eine zusätzliche Tötung ausschließlich für eine bestimmte Vorführung erfolgt. Für den konkreten Fall in Hannover lässt sich anhand des NDR-Berichts nicht abschließend feststellen, welche Alternativen für das Kamerunschaf bestanden. Der wissenschaftlich belegte Nutzen der Ganztierfütterung kann deshalb die Art der Futterpräsentation rechtfertigen, ersetzt aber nicht die Begründung einer individuellen Tötungsentscheidung.

    Der Tod gehört zum Bildungsauftrag eines Zoos

    Klaus Brunsing sieht in der öffentlichen Ganztierfütterung auch einen Bestandteil des Bildungsauftrags. Ein Zoo solle nicht ausschließlich die angenehmen Seiten des Tierlebens zeigen, sondern auch vermitteln, dass Tod und Nahrungsaufnahme zum natürlichen Kreislauf gehören. Gerade Kinder und Jugendliche erleben Tiere häufig in einer Umgebung, in der unangenehme biologische Zusammenhänge weitgehend ausgeblendet werden. Die Beobachtung eines Raubtiers bei der Bearbeitung seiner Nahrung kann deshalb Anlass bieten, solche Fragen sachlich zu erklären.

    Dabei geht es nicht darum, Besucher mit drastischen Bildern zu provozieren. Vielmehr kann eine verständlich begleitete Fütterung vermitteln, weshalb Raubtiere Fleisch benötigen, wie sie ihre Nahrung aufnehmen und welche Unterschiede zwischen menschlichen Vorstellungen und dem Verhalten wildlebender Tiere bestehen. Wer einen Tiger ausschließlich als imposantes, schönes Tier betrachtet, übersieht leicht, dass seine Ernährung untrennbar mit dem Tod anderer Tiere verbunden ist. Eine realistische Darstellung dieses Zusammenhangs kann zur biologischen Bildung beitragen.

    Dass nicht alle Besucher eine solche Fütterung sehen möchten, ist nachvollziehbar. Eltern können beispielsweise selbst entscheiden, ob sie ihre Kinder mit einer entsprechenden Situation konfrontieren wollen. Daraus ergibt sich jedoch kein fachlicher Grund, diese Form der Fütterung generell zu unterlassen. Wichtig sind eine angemessene Besucherinformation und die Möglichkeit, die Tiere bei der Nahrungsaufnahme nicht beobachten zu müssen.

    Rund 20 Tiere aus eigenem Bestand im vergangenen Jahr

    Nach Angaben des Zoos Hannover wurden 2025 etwa 20 Schafe, Ziegen und Antilopen aus dem eigenen Bestand geschlachtet und verfüttert. Der überwiegende Teil des Futters werde weiterhin zugekauft. Die genannte Zahl beschreibt damit lediglich bestimmte Futtertiere aus dem Zoobestand und nicht die Gesamtmenge der verfütterten tierischen Nahrung. Für Tigerin Alexa bleibt ein ganzes Schaf nach Darstellung des NDR außerdem eine besondere Mahlzeit und keine alltägliche Fütterungsform.

    Der Zoo verfüttert auch andere Tiere im Ganzen. Pinguine erhalten beispielsweise vollständige Fische, während Eulen mit ganzen Mäusen gefüttert werden. Dass ausgerechnet die Verfütterung eines Schafs größere Aufmerksamkeit auslöst, dürfte vor allem mit dessen Größe und der öffentlichen Wahrnehmung als vertrautes Nutztier zusammenhängen. Biologisch betrachtet ist die Aufnahme ganzer Beutetiere bei zahlreichen Fleischfressern dagegen nichts Ungewöhnliches.

    Feste Termine für solche Fütterungen plant der Zoo Hannover nach Angaben des NDR nicht, weil sie sich nicht zuverlässig im Voraus festlegen lassen. Damit handelt es sich auch nicht um ein regelmäßig angekündigtes Besucherprogramm. Die Ernährung und Beschäftigung der Tiere stehen nach Darstellung der Einrichtung im Vordergrund, während die Beobachtung durch Zoogäste eine zusätzliche Möglichkeit zur Vermittlung biologischer Zusammenhänge bietet.

    Ganztierfütterung verdient eine sachliche Bewertung statt pauschaler Ablehnung

    Die Diskussion im Zoo Hannover zeigt, wie unterschiedlich Menschen die Ernährung von Raubtieren wahrnehmen. Während die Fütterung mit portioniertem Fleisch kaum Aufmerksamkeit erregt, wirft ein vollständiges Schaf plötzlich Fragen nach Tierwohl, Tötung und moralischer Verantwortung auf. Diese Fragen sind berechtigt und sollten von zoologischen Einrichtungen offen beantwortet werden. Sie ändern jedoch nichts daran, dass die Ganztierfütterung selbst wissenschaftlich belegte Vorteile für die Beschäftigung und das natürliche Fressverhalten verschiedener Raubtierarten haben kann.

    PETA greift dagegen vor allem die grundsätzliche Haltung von Raubtieren in Zoos an. Damit verschiebt die Organisation die Diskussion von der konkreten Fütterungsmethode auf ihre allgemeine Ablehnung der Zoohaltung. Eine solche Position kann vertreten werden, sollte aber nicht mit einer fachlichen Widerlegung der Ganztierfütterung verwechselt werden. Die vorliegenden Untersuchungen liefern vielmehr gute Gründe, diese Form der Fütterung als sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeit zu berücksichtigen.

    Für den Zoo Hannover bleibt die Aufgabe, sowohl den Nutzen für die Raubtiere als auch die Herkunft und Tötung der Futtertiere nachvollziehbar zu erklären. Eine verantwortungsvolle Tierhaltung muss beide Seiten berücksichtigen. Wer sich ernsthaft mit Tierwohl beschäftigt, sollte wissenschaftliche Erkenntnisse und konkrete Haltungsbedingungen stärker gewichten als die bloße Empörung über einen ungewohnten Anblick.

    Quellen