Zum Inhalt springen

Fakten statt Polemik. Aufklärung über radikalen Tierschutz.

Kritisch. Fundiert. Unabhängig.Hintergrundanalysen und aktuelle Entwicklungen.

Schlagwort: krankhaftes Sammeln von Tieren

  • Animal Hoarding in Deutschland: Fast täglich eskalieren Fälle mit Dutzenden Tieren

    Animal Hoarding in Deutschland: Fast täglich eskalieren Fälle mit Dutzenden Tieren

    In Bornheim fanden Tierschützer im Juni 19 verwahrloste Hunde in einer Wohnung, in der der Halter bereits tot auf dem Sofa lag. Die Tiere waren so ausgehungert, dass sie an der Matratze und am Leichnam fraßen. Der Fall zeigt die extreme Seite eines Problems, das nach einer bundesweiten Auswertung immer häufiger die Veterinärämter und Tierheime erreicht: Animal Hoarding.

    Fast täglich ein neuer Fall

    Für das Jahr 2023 erfassten der Deutsche Tierschutzbund, der Bundesverband der beamteten Tierärzte und die TU Dresden Fälle, die von Veterinärämtern bearbeitet wurden. Demnach gab es in Deutschland nahezu täglich einen Fall. Im Durchschnitt waren dabei 47 Tiere betroffen. Die Erhebung bildet allerdings keine amtliche Gesamtstatistik ab: Animal Hoarding ist in Deutschland nicht eindeutig rechtlich oder medizinisch definiert, und die Zuordnung kann von Behörde zu Behörde unterschiedlich ausfallen.

    Die praktischen Folgen sind dennoch konkret. Im Kreis Steinfurt gingen zuletzt rund 450 Tierschutzmeldungen pro Jahr ein. 2025 mussten dort in zwei besonders großen Einsätzen zunächst 57 Hunde aus einem Einfamilienhaus in Mettingen und anschließend 125 Tiere von einem Hof in Westerkappeln herausgeholt werden. Unter den Tieren waren Hunde, Hühner und Pferde.

    Animal Hoarding bezeichnet eine Haltung, bei der die Zahl der Tiere und die Lebensumstände dazu führen, dass Versorgung, Unterbringung oder tierärztliche Betreuung nicht mehr gewährleistet werden können. Das Problem tritt nicht nur in Großstädten auf. Fälle aus Bornheim, Köln und dem ländlich geprägten Münsterland zeigen, dass sowohl urbane als auch ländliche Regionen betroffen sind.

    Tierheime müssen große Aufnahmen auffangen

    Für Veterinärämter entsteht der Engpass häufig unmittelbar nach einer Fortnahme. Viele Tiere müssen gleichzeitig untergebracht, untersucht und versorgt werden. Im Fall aus Bornheim mussten Hunde bis nach Mainz gebracht werden, weil Tierheime im Kölner Umland keine ausreichenden Kapazitäten hatten.

    Hinzu kommt der Gesundheitszustand der Tiere. Nach der Auswertung des Deutschen Tierschutzbundes wiesen mehr als 80 Prozent der erfassten Tiere körperliche Schäden auf, die mit der Haltung oder Verpaarungen innerhalb kleiner Bestände zusammenhingen. Pflege, tierärztliche Behandlung und Unterbringung können dadurch schnell Kosten im fünfstelligen Bereich verursachen. Wenn die Halter diese Ausgaben nicht tragen können, bleiben sie häufig an Kommunen und damit letztlich an den Steuerzahlern hängen.

    Auch die spätere Vermittlung ist schwieriger als bei gewöhnlichen Abgabetieren. Verwahrlosung, Erkrankungen und fehlende Sozialisierung machen eine längere Betreuung notwendig. Tierheime brauchen deshalb nicht nur zusätzliche Plätze für den ersten Notfall, sondern auch Personal und Pflegestellen für die anschließende Stabilisierung.

    Ohne Hilfe für die Halter droht der nächste Fall

    Animal Hoarding ist nicht auf ein bestimmtes soziales Erscheinungsbild beschränkt. Nach Angaben der Studienautorin Nina Brakebusch beginnen viele Fälle mit einer zunächst normalen Tierhaltung. Krisen wie Krankheit, Arbeitslosigkeit oder der Tod naher Angehöriger können die Situation verschärfen. Die Tiere übernehmen für Betroffene oft eine wichtige soziale Funktion, während gleichzeitig die Fähigkeit zur realistischen Einschätzung der Haltung verloren geht.

    Besonders problematisch ist die hohe Rückfallgefahr. Wenn keine therapeutische Unterstützung erfolgt, wird sie mit mehr als 80 Prozent angegeben. Eine reine Fortnahme der Tiere löst damit die Ursache des Problems nicht. Das Veterinäramt im Kreis Steinfurt bindet nach Angaben seiner Leiterin Anna Fellmann deshalb grundsätzlich den sozialpsychiatrischen Dienst ein. Betroffene lehnen diese Hilfe jedoch häufig ab; außerdem ist eine solche Zusammenarbeit längst nicht überall fest etabliert.

    Brakebusch fordert daher ein engeres Zusammenspiel von Veterinärämtern, Sozialpsychiatrie, Ordnungsbehörden und Tierschutz. Diskutiert werden zudem eine stärkere wissenschaftliche Anerkennung des Phänomens, einheitliche Diagnosehilfen und ein zentrales Register für Tierhalteverbote und einschlägige Fälle. Ein solches Register könnte verhindern, dass ein bekannter Halter nach einem Umzug in einem anderen Kreis erneut Tiere aufnimmt, ohne dass die Vorgeschichte bekannt ist.

    Nachbarn können frühe Hinweise liefern

    Viele Fälle werden nicht durch Kontrollen, sondern durch Hinweise aus der Nachbarschaft bekannt. Dauerhaftes Hundegebell, starker Geruch, ungewöhnlich viele Tiere oder eine Wohnung, die niemand mehr betreten darf, können Warnzeichen sein. Im Bornheimer Fall wussten Nachbarn offenbar bereits von Problemen, meldeten sie aber aus Angst vor einem Streit nicht rechtzeitig.

    Für die Praxis bedeutet das: Auffälligkeiten sollten nicht als bloße private Angelegenheit abgetan werden. Bei konkreten Hinweisen können Veterinäramt, Ordnungsamt oder Polizei eingeschaltet werden. Je früher eine Behörde und zugleich ein sozialer Fachdienst eingebunden werden, desto eher lässt sich verhindern, dass aus einer überforderten Tierhaltung ein Großeinsatz mit Dutzenden leidenden Tieren wird.

    Quellen