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Schlagwort: Klimawandel und Vogelzug

  • Vogelzug in Hessen verändert sich: Warum Kraniche und Störche ihr Zugverhalten anpassen

    Vogelzug in Hessen verändert sich: Warum Kraniche und Störche ihr Zugverhalten anpassen

    Wenn im Herbst oder Frühjahr Kraniche über Hessen ziehen, gehört ihr Ruf für viele Menschen zum vertrauten Bild des Vogelzugs. Doch bei einigen Arten verändern sich Zugzeiten, Routen und Überwinterungsgebiete zunehmend. Ornithologen beobachten etwa bei Kranichen und Weißstörchen, dass ein Teil der Tiere kürzere Strecken zurücklegt oder zeitweise sogar in Deutschland überwintert. Mildere Winter spielen dabei eine wichtige Rolle, sind aber nicht der einzige Faktor.

    Mildere Winter verändern den Vogelzug

    Der hessische Ornithologe Bernd Petri vom NABU beschreibt bei Kranichen inzwischen einen verstärkten „Pendelverkehr“. Manche Tiere ziehen zunächst nach Süden, kehren bei milden Temperaturen aber wieder Richtung Norden zurück. Treffen sie dort erneut auf eine Kaltfront, können sie ihre Route wieder ändern. Dieses Verhalten zeigt, dass der Vogelzug bei anpassungsfähigen Arten weniger starr ist, als es traditionelle Zugkalender vermuten lassen.

    Langfristige klimatische Veränderungen beeinflussen Zugzeiten, Überwinterungsgebiete und Brutbeginn verschiedener Vogelarten. Der Klimawandel ist dabei ein wichtiger Faktor, sollte aber nicht als alleinige Erklärung verstanden werden. Auch Nahrungsangebot, Landnutzung, Rastmöglichkeiten und artspezifisches Verhalten bestimmen, ob Vögel ihre Zugrouten verkürzen oder neue Überwinterungsgebiete nutzen.

    Für Kraniche kann ein kürzerer Zugweg durchaus Vorteile haben. Weniger Flugkilometer bedeuten zunächst geringeren Energieverbrauch und möglicherweise weniger Risiken durch lange Etappen oder ungünstiges Wetter. Gleichzeitig entstehen neue Abhängigkeiten: Bleiben Tiere weiter nördlich, müssen dort ausreichend Nahrung und sichere Rastplätze vorhanden sein. Ein plötzlicher Kälteeinbruch kann deshalb schnell zu einer erneuten Wanderbewegung führen.

    Weißstörche zeigen besonders flexible Zugmuster

    Auch bei Weißstörchen haben sich die Zugmuster deutlich verändert. Während viele Tiere weiterhin bis nach Afrika ziehen, überwintern andere inzwischen in Spanien, Frankreich oder sogar in Deutschland. NABU-Beobachtungen zeigen, dass manche Störche bereits deutlich früher in ihre Brutgebiete zurückkehren oder den Winter vollständig in Mitteleuropa verbringen.

    Diese Entwicklung ist möglich, weil Weißstörche vergleichsweise flexibel auf veränderte Umweltbedingungen reagieren können. Entscheidend ist weniger die Temperatur selbst als die Frage, ob ausreichend Nahrung verfügbar bleibt. Solange offene Flächen, Würmer, Kleintiere oder andere Nahrungsquellen erreichbar sind, können die Tiere auch kühlere Phasen überstehen.

    Nicht jede Vogelart kann ihre Route einfach verkürzen

    Bei Langstreckenziehern sieht die Situation anders aus. Mauersegler und Schwalben sind stark auf fliegende Insekten angewiesen, die während des mitteleuropäischen Winters kaum verfügbar sind. Für diese Arten bleibt der Zug in südlichere Regionen deshalb weiterhin notwendig.

    Auch bei Singvögeln ist das Zugverhalten komplexer, als der Blick auf das heimische Futterhaus vermuten lässt. Eine Kohlmeise, die im Sommer in Hessen brütet, muss nicht zwangsläufig auch dort überwintern. Gleichzeitig können Tiere aus nordöstlichen Regionen im Winter nach Hessen ausweichen. Der Vogelbestand an einem bestimmten Ort setzt sich deshalb im Jahresverlauf immer wieder neu zusammen.

    Hessen bleibt wichtiges Transit- und Rastgebiet

    Hessen liegt auf bedeutenden Zugrouten zahlreicher Vogelarten. Besonders Kraniche nutzen Flussauen, Feuchtgebiete und offene Landschaften als Zwischenstationen auf ihrem Weg zwischen Brut- und Überwinterungsgebieten. Beobachtungen gibt es unter anderem aus der Wetterau, dem Hessischen Ried, der Kinzigaue und vom nordhessischen Twistesee.

    Am Twistesee und seinen Feuchtgebieten rasten neben Kranichen auch verschiedene Wat- und Schnepfenvögel. Dort werden außerdem immer wieder Fischadler beobachtet. Der seltenere Mornellregenpfeifer nutzt während des Durchzugs offene Agrarlandschaften in Hessen und gehört damit ebenfalls zu den Arten, für die geeignete Rastflächen eine wichtige Rolle spielen.

    Gerade solche Zwischenstationen zeigen, dass sich Artenschutz nicht nur auf Brutgebiete beschränken kann. Zugvögel benötigen entlang ihrer gesamten Route geeignete Nahrungs- und Ruheflächen. Veränderungen dieser Lebensräume können für einzelne Arten ebenso entscheidend sein wie klimatische Veränderungen.

    Schwalbennester stehen unter besonderem Schutz

    Der Vogelzug betrifft auch Gebäude und private Grundstücke. Nach dem Bundesnaturschutzgesetz dürfen Fortpflanzungs- und Ruhestätten besonders geschützter Arten nicht ohne Weiteres beschädigt oder zerstört werden. Das kann auch Schwalbennester betreffen, wenn diese regelmäßig wieder genutzt werden.

    Eigentümer sollten deshalb Nester nicht eigenmächtig entfernen, auch wenn sie zeitweise unbesetzt erscheinen. Bei Sanierungs- oder Baumaßnahmen sollte zunächst mit der zuständigen Naturschutzbehörde geklärt werden, ob eine Entfernung zulässig ist und ob Ersatznistplätze erforderlich sind. Damit lässt sich vermeiden, dass notwendige Arbeiten später mit artenschutzrechtlichen Vorgaben kollidieren.

    Der Vogelzug in Hessen verändert sich damit sichtbar, aber nicht bei allen Arten auf dieselbe Weise. Kraniche und Weißstörche reagieren vergleichsweise flexibel auf mildere Winter und verfügbare Nahrung, während klassische Langstreckenzieher stärker an ihre bisherigen Zugstrategien gebunden bleiben. Entscheidend für den langfristigen Erfolg dieser Anpassungen ist deshalb nicht nur das Klima, sondern auch, ob Brut-, Rast- und Nahrungsräume erhalten bleiben.

    Quellen