Auf einem Bauernhof in Ost-Kent sind 22 tote Hasen in Reihen auf einem Feld gefunden worden. Nach Angaben der betroffenen Landwirtin stehen die Tiere im Zusammenhang mit illegalem „Hare Coursing“ – einer verbotenen Hetzjagd, bei der Hunde Hasen verfolgen. Der Vorfall zeigt zugleich, dass hinter solchen Taten mehr steckt als ein Verstoß gegen Jagdregeln. Illegale Wetten, Sachschäden auf landwirtschaftlichen Flächen und Bedrohungen von Landwirten gehören nach Angaben von Polizei und Betroffenen ebenfalls zum Umfeld dieser Form der Wilderei.
22 tote Tiere als mögliche Trophäen
Die Landwirtin entdeckte die 22 Kadaver auf ihrem Grundstück und schilderte gegenüber der BBC, dass die Tiere in Reihen auf dem Boden lagen. Nach ihrer Einschätzung könnten sie fotografiert worden sein, um sie als Trophäen oder als Nachweis für die Zahl der getöteten Hasen zu verwenden. Ob dies tatsächlich das Motiv der Täter war, ist bislang nicht behördlich festgestellt worden. Kent Police erklärte, der konkrete Vorfall auf dem Hof sei untersucht worden und es seien Beweise sowie mögliche Ermittlungsansätze gesichert worden.
Beim sogenannten Hare Coursing werden Hasen mit Hunden verfolgt. Bei organisierten Wettbewerben werden die Hunde anhand ihrer Fähigkeiten bei der Jagd auf lebende Hasen bewertet, wobei häufig erhebliche Geldsummen gewettet werden. Hare Coursing ist in England und Wales seit Inkrafttreten des Hunting Act 2004 im Februar 2005 verboten. Das Gesetz stellt unter anderem die Teilnahme an solchen Veranstaltungen, deren Besuch sowie ihre bewusste Unterstützung unter Strafe.
Der finanzielle Anreiz spielt bei dieser Form der Wilderei offenbar eine bedeutende Rolle. Die britische Strafverfolgungsbehörde Crown Prosecution Service weist ausdrücklich darauf hin, dass Hare Coursing häufig als Wettbewerb stattfindet und dabei erhebliche Geldsummen gesetzt werden können. Auch Polizeibehörden berichten über organisierte Gruppen und wertvolle Hunde, die im Zusammenhang mit dieser Szene stehen. Für den konkreten Fund der 22 Hasen ist allerdings nicht nachgewiesen, dass dabei tatsächlich eine bestimmte Wette abgeschlossen wurde.
Die Landwirtin bezeichnete den Vorgang gegenüber der BBC als Tierquälerei und äußerte zusätzlich die Sorge, dass sich unter den getöteten Hasen Muttertiere befunden haben könnten. Dadurch könnten Jungtiere ohne Versorgung zurückgeblieben sein. Wie viele Jungtiere tatsächlich betroffen sein könnten, ist nicht bekannt. Die Aussage beschreibt deshalb eine Sorge der Landwirtin und keine behördlich festgestellte zusätzliche Zahl verendeter Tiere.
Fast 9.000 Meldungen in drei Jahren
Wie die BBC unter Berufung auf Daten britischer Polizeibehörden berichtet, wurden innerhalb von drei Jahren fast 9.000 Meldungen im Zusammenhang mit Hare Coursing registriert. Diese Zahl ist nicht mit 9.000 nachgewiesenen Straftaten oder Verurteilungen gleichzusetzen. Einzelne Ereignisse können mehrfach gemeldet worden sein, während andere Vorfälle möglicherweise überhaupt nicht angezeigt wurden. Die Zahl verdeutlicht dennoch, dass das Problem weit über einzelne Fälle hinausgeht.
Kent Police meldete parallel konkrete Maßnahmen gegen Wilderei und Hare Coursing. In der zweiten Septemberwoche wurden nach Angaben der Polizei fünf Fahrzeuge beschlagnahmt, die mit solchen Aktivitäten in Verbindung standen. Außerdem wurden Ausrüstung, Kleidung und Hunde sichergestellt und eine Person festgenommen. Diese Maßnahmen standen jedoch nicht automatisch in direktem Zusammenhang mit dem konkreten Fund der 22 toten Hasen auf dem Bauernhof.
Im konkreten Fall auf dem Hof wurden nach Angaben der Polizei Beweise gesichert und vorhandene Ermittlungsansätze verfolgt. Eine Festnahme im Zusammenhang mit genau diesem Vorfall wurde dagegen nicht gemeldet. Diese Trennung ist wichtig, weil allgemeine Polizeimaßnahmen gegen Hare Coursing in Kent nicht ohne Weiteres einzelnen Fällen zugerechnet werden können. Ob Verantwortliche für den Fund der 22 Tiere ermittelt werden können, bleibt daher offen.
Die gesetzlichen Möglichkeiten gegen Hare Coursing wurden in England und Wales 2022 zusätzlich erweitert. Neue Straftatbestände erfassen unter anderem das unerlaubte Betreten fremder Grundstücke mit der Absicht, dort mit Hunden nach Hasen zu suchen oder diese zu verfolgen. Für entsprechende Wildereidelikte können Geldstrafen sowie Freiheitsstrafen verhängt werden. Gerichte erhielten außerdem zusätzliche Möglichkeiten im Umgang mit Hunden, die im Zusammenhang mit solchen Straftaten eingesetzt werden.
Landwirte berichten von Schäden und Bedrohungen
Für die betroffenen Landwirte endet das Problem nicht mit den getöteten Wildtieren. Nach Angaben von Polizei und Landwirtschaftsvertretern fahren Täter mit Fahrzeugen über Felder, beschädigen Ernten und Zäune und können Nutztiere aufscheuchen. Der Crown Prosecution Service nennt neben dem Tierschutzproblem ausdrücklich Sachbeschädigung, Einkommensverluste, Diebstahl und Einschüchterung als mögliche Folgen von Hare Coursing. Damit handelt es sich nicht lediglich um ein Problem des Jagdrechts, sondern auch um eine Belastung für Menschen, die in ländlichen Regionen leben und arbeiten.
Ein Landwirt aus Kent, der der National Farmers’ Union zugeordnet wird, berichtete der BBC außerdem, dass ihm mit Erschießen gedroht worden sei, nachdem er Personen auf seinem Grundstück zur Rede gestellt hatte. Nach den vorliegenden Angaben konnte damals kein Tatverdächtiger ermittelt werden. Die Bedrohung ist daher als Aussage des Betroffenen zu behandeln und nicht als gerichtlich festgestellte Tat einer bestimmten Person. Sie verdeutlicht jedoch, weshalb Landwirte gegenüber illegalen Gruppen auf ihren Flächen erhebliche Sicherheitsbedenken haben.
Die betroffene Landwirtin beziffert den Rückgang der Hasen auf ihrem Hof innerhalb von zehn Jahren auf rund 80 Prozent. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass illegales Hare Coursing allein für diesen Rückgang verantwortlich ist. Auch die britische Regierung nennt für Feldhasen mehrere Belastungen, darunter Wilderei und den Verlust geeigneter Lebensräume. Die Angabe von 80 Prozent beschreibt damit eine Beobachtung auf diesem konkreten Hof und keine allgemeine Bestandsentwicklung für ganz England.
Die Diskussion über Jagd und Wildtiere wird häufig grundsätzlich geführt. GERATI berichtete zuletzt über eine Kampagne, die die Hobby-Jagd grundsätzlich infrage stellt. Der Fall aus Kent unterscheidet sich davon jedoch deutlich, weil es hier nicht um eine rechtmäßig ausgeübte Jagd und deren gesellschaftliche Bewertung geht, sondern um den Verdacht auf Wilderei und verbotene Hetzjagden. Gerade diese Trennung ist notwendig, wenn legale Jagdausübung und strafbare Handlungen nicht miteinander vermischt werden sollen.
Der Fund in Kent verbindet damit mehrere Probleme: 22 tote Hasen, den Verdacht auf eine verbotene Hetzjagd, mögliche finanzielle Interessen durch Wetten und erhebliche Belastungen für landwirtschaftliche Betriebe. Gleichzeitig zeigt der Fall, warum zwischen Zeugenaussagen, polizeilichen Ermittlungen und tatsächlich nachgewiesenen Straftaten unterschieden werden muss. Die Polizei geht in der Region gegen Hare Coursing vor, doch die bislang gemeldeten Sicherstellungen und die Festnahme dürfen nicht automatisch dem konkreten Fund der 22 Hasen zugerechnet werden. Ob Verantwortliche für diesen Fall ermittelt und strafrechtlich belangt werden können, bleibt abzuwarten.
Quellen
- bbc.com – Cruel hare coursers leave 22 dead animals at farm – https://www.bbc.com/news/articles/c5evw81z93r8
- cps.gov.uk – Hare Coursing – https://www.cps.gov.uk/prosecution-guidance/hare-coursing
- legislation.gov.uk – Hunting Act 2004 – https://www.legislation.gov.uk/ukpga/2004/37
- gov.uk – New legislation to crack down on illegal hare coursing now in force – https://www.gov.uk/government/news/new-legislation-to-crack-down-on-illegal-hare-coursing-now-in-force
- agrarheute.com – Grausame Hasenjagd: 22 tote Kaninchen nach illegalem Glücksspiel – https://www.agrarheute.com/tier/grausame-hasenjagd-22-tote-kaninchen-illegalem-gluecksspiel-642889
- topagrar.com – England: Hasenhetzer hinterlassen 22 tote Tiere auf Bauernhof – https://www.topagrar.com/panorama/news/england-hasenhetzer-hinterlassen-22-tote-tiere-auf-bauernhof-20029122.html
