Der Zoo Zürich will seinen Tierbestand bis 2030 stärker auf bedrohte und für die Forschung wichtige Arten ausrichten. Trampeltiere und Seehunde sollen die Einrichtung verlassen, neue Arten hinzukommen. Auch die Haltung der Königspinguine soll langfristig enden, allerdings nicht als kurzfristiger Schritt, wie Direktor Severin Dressen im Blick-Interview erläutert. Gerade bei ihnen geht es nicht allein um den Gefährdungsstatus: Die geplante Meeresküstenanlage passt nach seiner Darstellung nicht zu ihren Kühlungsanforderungen.
Für Besucher bedeutet die Umstellung einen Abschied von vertrauten Tieren, aber keinen umfassenden Austausch der bekanntesten Großsäuger. Elefanten, Nashörner, Gorillas, Tiger und Giraffen sollen bleiben. Dressen begründet das damit, dass diese Tiere ohnehin zu bedrohten Arten gehören. Die praktische Veränderung liegt deshalb vor allem dort, wo der Zoo vorhandenen Platz künftig anders nutzen will oder neue Lebensräume plant.
Trampeltiere machen Platz für Goldtakine
Besonders konkret ist der Wechsel auf der bisherigen Kamelanlage. SRF berichtete am 7. Oktober 2026, dass vier Trampeltiere innerhalb der folgenden zwei Wochen auf einen Kamelhof in Olmerswil im Kanton Thurgau wechseln sollten. Dressen bezeichnete die Zürcher Trampeltiere dabei als Haustiere und erklärte, ihre Fläche lasse sich für eine bedrohte Art besser einsetzen. Vorgesehen sind Goldtakine, die nach der Renovierung der Anlage einziehen sollen. Damit ist für diesen Standort sowohl die geplante Folgenutzung als auch das Ziel der abzugebenden Tiere benannt.
Bei den Seehunden war der Plan im SRF-Bericht weniger weit konkretisiert. Dressen nannte zwei Gründe für die vorgesehene Abgabe: Die Tiere seien nicht bedroht, außerdem sei ihre Anlage veraltet. Ein neues Zuhause war damals noch nicht bekannt, ebenso wenig ein konkreter Abgabetermin. Im Blick-Beitrag wird eine bedrohte Robbenart als künftiger Neuzugang genannt. Die Neuausrichtung des Tierbestands im Zoo Zürich betrifft damit unterschiedliche Abläufe: einen bereits konkret geplanten Anlagenwechsel ebenso wie Veränderungen, deren Umsetzung noch offen ist.
Eine Folge reicht über den Zoobesuch hinaus. Die Zunft zum Kämbel setzte beim Sechseläuten bislang drei Kamele aus dem Zoo ein. Zunftmeister Christian Bretscher erklärte gegenüber SRF, die Tiere sollten auch künftig am Umzug teilnehmen, dann aber aus Olmerswil anreisen. Für die Tradition wäre der Artenwechsel damit kein Ende, sondern eine Änderung der Herkunft und des Transports. Diese angekündigte Lösung zeigt, dass der Abschied einer Tierart aus dem Zoo nicht automatisch sämtliche bisherigen Verbindungen zu ihr beendet.
Königspinguine: Forschung bleibt, die Haltung endet langfristig
Bei den Königspinguinen widerspricht Dressen im Blick-Interview der Vorstellung eines unmittelbar bevorstehenden Abschieds. Mit den Tieren liefen noch wichtige Forschungsprojekte, sagt er. Die Haltung werde langfristig dennoch beendet. Ein konkretes Abgabedatum nennt er in diesem Zusammenhang nicht. Der allgemeine Planungshorizont bis 2030 ist deshalb nicht mit einem feststehenden Auszugstermin für die Königspinguine gleichzusetzen.
Entscheidend ist hier die geplante Meeresküste, in der nach Dressens Vorstellung Hunderte Pinguine leben sollen. Königspinguine benötigen nach seiner Erklärung gekühlte Anlagen. Ein zweieinhalb Hektar großes Areal ganzjährig auf vier Grad herunterzukühlen, bezeichnet er als unmöglich; deshalb könnten sie dort nicht gehalten werden. Das ist eine Begründung für die Auswahl der Tiere in dieser konkreten Anlage. Der langfristige Abschied lässt sich somit nicht auf die einfache Formel reduzieren, eine derzeit nicht bedrohte Art müsse einer bedrohten weichen.
Auch das Besuchserlebnis soll sich verändern. Dressen hält eine Parade grundsätzlich mit einer anderen Pinguinart für möglich und beschreibt die bisherige Teilnahme der Tiere als freiwillig. Für den neuen Lebensraum stellt er jedoch ein anderes Prinzip in den Vordergrund: Die Gäste sollen durch den Bereich der Pinguine gehen, ähnlich dem Besuch im Masoala-Regenwald. Statt des vorbeiziehenden Tieres wäre dann der Mensch im Lebensraum unterwegs. Die geplante Begegnung bleibt damit ein Teil des Angebots, bekommt aber eine andere Form.
72 Prozent beziehen sich auf Säugetierarten
Dressen beziffert den Anteil bedrohter Säugetierarten im Zürcher Bestand auf rund 72 Prozent. Die Zahl beschreibt Arten, nicht den Anteil einzelner Tiere und auch nicht den gesamten Tierbestand. Bei Vögeln, Reptilien, Amphibien und Fischen habe der Zoo bereits stark umgestellt, sagt er. Die geplanten Wechsel sind aus seiner Sicht deshalb die Fortsetzung einer länger verfolgten Linie. Als Aufgaben des Zoos nennt er Artenschutz, Naturschutz, Forschung und Bildung, verbunden mit seiner Rolle als Erlebnisort.
Dass diese Ausrichtung unterschiedliche Formen des Erhalts umfasst, zeigt das Zoolino. Dort will sich der Zoo nach Dressens Angaben gemeinsam mit ProSpecieRara auf seltene Nutztierrassen konzentrieren. Er nennt das Schwarze Alpenschwein, das Schweizer Huhn, das Bündner Oberländer Schaf und Pfauenziegen. Hier steht der Erhalt von Rassen im Mittelpunkt, während sich die übrige Bestandsplanung vor allem am Schutz bedrohter Wildtierarten und an Forschung orientiert. Direkte Begegnungen mit den Tieren sollen nach seiner Darstellung weiterhin dazugehören, sofern sie für das Tier freiwillig sind.
Artenwechsel braucht Zusammenarbeit zwischen Einrichtungen
Die Abgabe eines Tieres ist für Dressen kein außergewöhnlicher Vorgang, der erst durch die neue Bestandsplanung entsteht. Im Interview verweist er auf regelmäßige Wechsel wegen Nachwuchses, neu zusammengesetzter Zuchtgruppen oder veränderter Artenhaltung. Europäische Erhaltungszuchtprogramme koordinierten solche Vorgänge; zuständige Zuchtbuchkoordinatoren berücksichtigten dabei die Verwandtschaft der Tiere und die Verteilung auf Zoos. Seine Warnung, der Zoo sei keine „Arche Noah“, richtet sich gegen die Vorstellung, mit je einem Männchen und Weibchen jeder Art sei deren Erhalt bereits gesichert. Für die Umstellung bedeutet das: Entscheidend sind neben dem Zürcher Bestand auch passende Plätze und abgestimmte Gruppen in anderen Einrichtungen.
Der Umbau reicht über 2030 hinaus
Die Artenwechsel sind mit einer deutlich länger angelegten baulichen Entwicklung verbunden. In einer gemeinsamen Mitteilung vom 1. September 2026 stellten Zoo, Kanton und Stadt Zürich den Entwurf eines neuen kantonalen Gestaltungsplans vor, dessen öffentliche Auflage an diesem Tag begann. Für den rund 27 Hektar großen Zoo sind bis 2050 insgesamt elf Lebensräume vorgesehen. Dazu gehören eine Meeresküste für Pinguine, der Ndoki-Wald für bedrohte afrikanische Arten und ein Sumatra-Regenwald unter anderem für Orang-Utans. Die bauliche Entwicklung ist bis 2050 angelegt und reicht damit über den Planungshorizont der Bestandsumstellung hinaus.
Wie eng Tierauswahl und Anlagenkonzept zusammenhängen, beschreibt Dressen am geplanten Ndoki-Wald. Gorillas sollen dort auf lebenden, 25 bis 30 Meter hohen Bäumen klettern können; kleinere Affenarten sollen sich ohne Barrieren im Gästebereich bewegen. Zugleich will der Zoo diesen Lebensraum mit seinem Naturschutzprojekt in der Republik Kongo verbinden. Während bei den Königspinguinen die Anforderungen der Art gegen eine Haltung in der neuen Meeresküste sprechen, soll die Planung im Ndoki-Wald gezielt neue Möglichkeiten für die vorgesehenen Tiere schaffen. Für das Publikum wird der Wandel deshalb nicht nur an fehlenden vertrauten Arten sichtbar, sondern ebenso daran, wie ihre Nachfolger und die bleibenden Tiere künftig erlebt werden können.
Quellen
- blick.ch – «Wir sind keine Arche Noah», sagt der Zoo Zürich Direktor – Blick – https://www.blick.ch/wirtschaft/wir-sind-keine-arche-noah-sagt-der-zoo-zuerich-direktor/f0jf7sf
- srf.ch – Zootiere müssen weg – Die Tage der Trampeltiere im Zoo Zürich sind gezählt – News – SRF – https://www.srf.ch/news/schweiz/zootiere-muessen-weg-die-tage-der-trampeltiere-im-zoo-zuerich-sind-gezaehlt
- stadt-zuerich.ch – Gestaltungsplan für den Zoo der Zukunft | Stadt Zürich – https://www.stadt-zuerich.ch/de/aktuell/medienmitteilungen/2026/09/gestaltungsplan-fuer-den-zoo-der-zukunft.html
